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Neko Case, 2006
„Es ist schwer in Amerika
im Moment an etwas zu glauben"
Von Barbara Mürdter
Countrychanteuse Neko Case verliert auf ihrem neuen Album "The Fox Confessor Brings The Flood" den Glauben – aber nicht ganz.
Neko Case ist auf Promotour in Europa. Ein Novum, dass sie ihrem neuen Label
Anti- zu verdanken hat. Im Gegensatz zu dem kanadischen Winzlabel Mint dem Case
aus Loyalität 12 Jahre die Treue gehalten hat, gibt es bei dem größeren Label
die nötigen Ressourcen, sich um so was zu kümmern.
„Das ist wirklich sehr hilfreich. Sie geben mir Anregungen und Unterstützung,
ohne meine künstlerische Freiheit zu beschneiden,“ erzählt die US-Amerikanerin,
die derzeit in Chicago wohnt. In löchrigem Strickpulli und Jeans sitzt sie vor
mir im Hotelzimmer. Eine Nacht hier verbracht und gleich geht es an diesem
nieseligen Februartag weiter nach Bremen und Köln. Mit ihren langen orangeroten
Locken sieht sie großartig aus – trotzdem bittet sie mich nicht zu
fotografieren, weil sie nicht zurechtgemacht sei.
Neko Case / Foto: Barbara Mürdter
Sie ist geschafft von 14 Tagen Werbung für ihr fünftes Album „The Fox Confessor Brings the Flood“. Trotzdem findet sie es aufregend, in Europa zu sein. Sie ist voller Vorfreude auf die anstehende Tour im Mai mit fünfköpfiger Band: „Es ist so schade, dass ich in drei Tagen erst mal wieder zurück muss. Ich würde gern noch so viel sehen!“
Als ich versehentlich der Begriff „Alternative Country“ fallen lasse, wird die sonst umgängliche Mitdreißigerin fast ein bisschen böse. Ja, bekräftige ich, ich weiß dass das Wort Country nicht nur für bushfreundliche glattpolierte Top-40-Radio-Musik reserviert ist. "Was soll also bitte „alternativ“ sein?", schnappt sie zurück. Dass Case mit Punk sozialisiert wurde hört man ihrer Musik nicht unbedingt an. Er spielt in Cases Herangehensweise jedoch hinein wie Gospelmusik und bulgarische Frauengesänge, die ihren stimmlichen Ausdruck ebenso prägen wie die Lieder der von ihr verehrte Countrysängerin Loretta Lynn.
Geschichten vom Fuchs und von Frauenbildern Eine Tradition des Country ist es, Geschichten zu erzählen. Als Case die neuen Songs schrieb, beschäftigte sich die Nachfahrin ukrainischer Einwanderer eher zufällig mit Märchen aus dem Heimatland ihrer Großeltern. So wurde der „Fox Confessor“, ein gewitzter und manchmal auch tölpeliger allwissender Fuchs ähnlich unserem Reineke, die Titelgestalt: „Ich dachte darüber nach, dass wir in den USA keine Märchen haben, wir haben Filme und Fernsehen. Filme können manchmal etwas Ähnliches erreichen, Fernsehen niemals. Ich finde den Gedanken schade, dass Märchen verschwinden.“
Nicht nur die slawische Folklore interpretiert Case aus der Sicht einer jungen modernen Amerikanerin, sondern auch andere alte Geschichten, die sie als Kind gelesen hat. So die von der tatkräftigen und eigenständigen Margaret, deren Freund sie für Pauline verließ, deren Tugenden darin bestanden, eine sanfte Hausfee mit den schönen Haaren zu sein. „Margaret war eine tolle Frau, sie war an Dingen interessiert und gab Leuten eine Chance, die andere einfach abgetan hätten. Ich wollte sie nicht einfach als die Schlechtere von beiden dastehen lassen, weil ich so viele Frauen wie sie kenne.“
Im letzten Song des Albums kehrt Case noch einmal in die persönliche Geschichte zurück, die Stadt, in der sie ihre schwierige Jugend verbrachte: Tacoma im Bundesstaat Washington. Schaut, denkt zurück und fährt vorbei ohne anzuhalten. Das eher unfreiwillige Grundthema des Albums sei der Album Verlust von Glauben, erzählt Case: „Aber nur soweit, dass immer noch ein ganz kleiner Rest übrigbleibt.“ Das könne auf Religion bezogen sein, oder auf andere Menschen.
"Er ist nicht Musiker, weil er berühm sein will,
sondern weil er die Musik liebt" Ich brauche sie nicht zu bitten deutlich zu werden, als ich sie frage, ob dies denn auch politisch gemeint sei. Sie sprudelt los: „Es ist schwer in Amerika im Moment an etwas zu glauben. Nicht alle denken natürlich so, aber viele hassen den Präsidenten. Er ist ein grauenhafter Mensch. Alle Dinge, die wir als amerikanisch betrachten, unsere Werte und unsere Verfassung, werden im Moment von der Regierung demontiert.“ Case selbst setzte sich aktiv dafür ein, dass in den Nationalparks keine Ölfeldern entstehen und forderte auf den Touren im Wahljahr 2004 die Leute auf, ihre Stimme abzugeben und aktiv zu werden.
Wie der Vorgänger „Blacklisted“ wurde auch „Fox Confessor Brings the Flood“ in den schrulligen Wavelab Studios in Tucson, Arizona aufgenommen. „Der Betreiber Craig Schuhmacher ist ein bisschen wie ein großes Kind, er steckt einem mit seinem Enthusiasmus an. Dann ist er sehr musikalisch und kann einem sofort sagen, wenn man mal daneben gelegen hat. Zudem kennt es sich noch mit den ganzen Techniksachen aus, Mikrofone, Bänder, Bandmaschinen,“ erzählt Case.
Neben den übliche Verdächtigen wie den Dauergästen John Convertino und Joey Burns von Calexico und der Sängerin Kelly Hogan hat sie diesmal mit dem ehrwürdigen Garth Hudson an der Orgel gearbeitet. Der hat seine besten Jahre als Mitglied der Dylan-Begleiter und Wegbereiter des Countryrock The Band verbracht. Der alte Herr habe vor allem durch seine Menschlichkeit und Güte beeindruckt, sagt sie. „Garth ist nicht Musiker, weil er berühm sein will, sondern weil er die Musik liebt.“
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