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Themen
Der Spielveränderer
Interview: Barbara Mürdter Die Auflösung der verschiedenen Musikgenres hat auch vor dem Rap nicht Halt gemacht. Angereichert mit Rock, Funk und Electro, haben sich neuer hybride Formen entwickelt, in eigenen Szenen in England und den USA, vom neuen Genre Grime zu Beginn des Jahrtausends bis zu so unterschiedlichen Künstler/innen und Bands wie M.I.A., Yo! Majesty und Spank Rock.
Eine besonders aktive Szene findet sich in Philadelphia, einer eigentlich eher
als hinterwäldlerisch verschrieenen Metropole im Osten der USA, Heimat des
Philly-Sounds, einer süßlichen, opulenten Disco-Variante von Mitte der 70er,
aber auch von Neo-Soul und Rap in Gestalt von Erykah Badu, Talib Kweli, Common
oder The Roots. Dort hat sich in den letzten Jahren die so genannte „New
Philly“-Szene entwickelt, mit Künstler/innen wie Spank Rock, Santigold und
Amanda Blank.
Diese Platte ist meine Herangehen an Dancehall-Reggae und die dazugehörige Kultur. Reggae gab es 50 Jahre, bevor ich mich daran gemacht habe – und es wird ihn noch weitere 50 Jahre geben. Es ist in dem Maße wichtig, weil Dancehall im Moment wenig bearbeitet wird. Es gibt noch ein paar kleine Szenen, aber es hat nicht die Präsenz und Popularität, die es mal hatte. Aber ich glaube, das Jamaika im Moment der faszinierendste Ort ist, um Musik zu machen. Man denkt, Reggae ist einfach das was es ist – Reggae ist ein Mix von allem. Ein Mix aus US-, britischer und karibischer Kultur. Die Szene ist einfach faszinierend – wir haben mit allen von Andy Milonakis über Mr. Vegas bis Prince Zimboo auf dieser Platte gearbeitet. Das zeigt, dass es gar nicht wirklich um Reggae geht, sondern um Idiosynkrasien dieser Kultur und dieses Landes. Du bist als DJ und Produzent einer der Hauptakteure einer neuen Musikszene, die sich in den letzten Jahren in Philadelphia entwickelt hat. Da geht musikalisch alles lustig durcheinander – Rap, Electro, Dance, Rock. Was würden sie als Wurzel dieser Musik bezeichnen – ist das eine Weiterentwicklung von HipHop?
Alles ist ein Durcheinander, Bestandteile eines Puzzles, aus dem andere Dinge entstehen. Ich mag alles – ich mag Rap, ich mag House, ich mag Polka, ich mag Zigeunermusik. Ich denke, HipHop zu machen ist cool, aber ich glaube, das HipHop existiert als HipHop gar nicht. Es ist Rap, Leute rappen etwas über Drumbeats. Das ist etwas, was es in jedem Genre gibt – Rockplatten und auch Countryplatten haben Drumsamples. Popplatten samplen Rapper. Ich mag einfach Musik, die anders ist, Sachen, die fortschrittlich sind, Sachen, die das Spiel verändern. Solche spielverändernden Sachen wie es sie von Prince bis Michael Jackson, oder Daft Punk für die Clubmusik gab, Songs, die ewig bleiben werden und einmalig klingen. Ich suche es immer einfach bei Songs mit Qualität. Hybridität ist ja etwas, was in den meisten Musikgenres derzeit stark findet, z.B. auch im Indie, wenn man das als Genrebezeichnung benutzen mag.
Ich glaube, das solche neuen Bands, sagen wir mal Animal Collective, oder auch eine Band wie The Death Set - die sind aus meiner Crew in Philadelphia, oder Beirut – diese Jungs sind unter „Indie“ eingeordnet so wie ich bei „HipHop“ stehe. Aber ich glaube, wir machen einfach das, was wir wollen. Ich glaube ich habe mehr gemeinsam mit Animal Collective als mit irgendeinem DJ auf einem Festival. Ich habe mit denen geredet und unsere Vorstellungen von Musik sind sehr ähnlich. DJs wollen nur Platten spielen, die angesagt sind. Ich dagegen will Sachen machen, die einzigartig sind oder auch merkwürdig. Aber ich glaube wir sind jenseits von Genres. Wir sind alle aufgewachsen, als es HipHop schon gab, einige sogar als HipHop schon tot war. Das ist alles nichts umwerfend neues für uns. Wir akzeptieren es als das, was es ist und verändern es. All diese jungen Kids habe keine festgefügten Vorstellungen davon, wie ein Genre zu klingen hat. Nur weil ich ein schwarzer Teenager in Amerika bin heißt es nicht gleich, ich muss ein Rapper werden. Ich kann auch ein Rock- oder Goth-Sänger sein. Nur weil ich weiß bin – sehen Sie, Eminem war einer der besten Rapper! Es gibt diese Grenzen nicht wirklich, in die uns die Journalisten gern stecken. Oder auch unsere Eltern – darüber sind wir hinaus. Reden wir vom Aufwachsen. Wo hast du denn Ihre ersten Platten herbekommen?
Vom Flohmarkt, von meinem Großvater oder wo immer ich etwas gefunden habe. Ich habe alle Platten gesammelt, derer ich habhaft werden konnte: Das Bill Gaither Trio, James Brown, Marvin Gaye, The Jam. Alles was ich umsonst oder für ein paar Cent bekommen konnte. Dann habe ich CDs gekauft. Zuerst bin ich auf Death und Morbid Angel und sowas abgefahren, Heavy Metal, dann HipHop, Public Enemy, A Tribe Called Quest. Dann kam die Popphase – ich war von Musik allgemein fasziniert. Als ich dann älter wurde, entschied ich mich, DJ zu werden. Ich glaube das coole am DJ-sein ist, dass es dein Job ist, Musik auszusuchen und dass man über die Auswahl kreativ sein kann, sie spielen und mixen kann. Dabei war ich, glaube ich, gut. So habe ich über die letzten zehn Jahre meinen Stil entwickelt. Jetzt will ich darüber hinaus etwas machen. Ich habe zehn Jahre gebraucht um genug Geld zu verdienen, um meine eigenen Produkte zu machen. Ich glaube, das Major Lazer ist mein erstes Projekt, das ich von Anfang bis Ende gemacht habe und nicht für niemanden anders als für mich gearbeitet habe. Ich finde schön, dass sich da was ändert. Interessant fand ich auch, dass du von Japan aus deine Karriere beim britischen Label Big Dada begonnen haben. Was hat dich denn dahin verschlagen?
In Japan war ich, weil ich gerade nichts anderes hatte. Ich habe das College aufgegeben und keine Ziele gehabt, was weitere Ausbildung oder Job anging. Ich wollte Musik machen. Big Dada war cool, weil da Ragga auf HipHop und komische britische Leute traf. Ich dachte England ist der richtige Platz um Platten bekannt zu machen. Aber ich habe mich eines Besseren belehren lassen. Denn nach dem Album habe ich in den USA eine Sache namens Hollertronix gemacht. Das war eine sehr profilierte DJ-Szene. Noch heute kommen Leute zu mir und sagen: Dieses Mixtape hat meine Vorstellung von Musik verändert! Das ist das unglaublichste Kompliment, was mir Leute machen können. Weil jetzt, wenn ich an Hollertronix zurückdenke, denke ich dass das ziemlich lahm war, wenn man so denkt, Leute, die 80er Jahre-Musik und Rap spielen, das ist nichts wirklich Außergewöhnliches, das ist die ganze Zeit der selbe Mist. Aber damals war das was anderes! Ich bin fasziniert davon, wie ich in der Lage war, mit meinen Vorstellungen von Musik bestimmte Sachen zu verändern. Das Album auf Big Dada hat mich glaube ich gelehrt, ein Künstler zu sein. Ich wollte eigentlich nie ein Künstler sein. Ich wollte lieber Leute produzieren, weil ich glaube ich besser dabei bin Leuten dabei zu helfen, Musik zu machen als selbst ein Künstler zu sein. Was bedeutet dann der Begriff Künstler für dich?
Heutzutage ist ein Künstler jemand, der auf den Magazincovern zu sehen ist und seinen Klang und seine Kultur repräsentiert. Ich wäre lieber hinter diesen Leuten, sie entweder zu produzieren oder ein Label wie Mad Decent zu betreiben, als Plattform für junge Künstler, die sie ermutigt und ihnen hilft, Musik zu machen. Bei Mad Decent helfe ich den jungen Künstlern mit der Produktion, ihren eigenen Weg zu finden. Ich habe Vorstellungen von Musik, aber ich kann nicht alles sein: ich kann kein Baile Funk-Sänger sein, ich kann keine Pop-Sängerin sein, ich kann kein Rockstar sein. Aber ich kann Leuten dabei helfen, das zu sein. Ich glaube, ich habe interessante musikalische Ideen. Also bedeutet Künstler sein für dich die Repräsentation. Denn kreativ bist du ja auch!
Ich bin auf jeden Fall ein kreativer Mensch. Ich bin in sofern Künstler, als dass ich meine Kunst erschaffe. In dieser Vorstellung von Kreativität ist jeder ein Künstler. Aber ein Künstler im Wortgebrauch der Plattenindustrie – das wollte ich nie sein. Aber vielleicht veröffentliche ich ja nächstes Jahr noch ein Album, so LoFi, TripHop, Weird...dafür sind die Leute jetzt reif. Ich will einfach etwas machen, was nicht cool ist.und ich glaube, dass es im Moment nicht cool ist, Reggae zu veröffentlichen, und deshalb will ich das machen, ich glaube, Baile Funk herauszubringen wenn niemand ihn kennt ist ziemlich cool, einen Terroristen nach 9/11 zu produzieren ist ziemlich uncool. Also das macht Musik für mich aufregend. Das will ich machen: Fuck the people up. Und Country-Platten sind auch uncool...
Oh, Countryplatten sind ziemlich cool in Amerika! Die verkaufen noch richtig gut. Ich rede von Sachen, die keiner mag. Vielleicht mögen die Hipster keine Countryplatten. Aber die sind mir scheißegal. Sie werden Hipster genannt, weil sie hip sind. Wenn sie also meine Sachen mögen, bin ich hipper! Mit Hollertronix hast du Aufsehen erregt, aber richtig bekannt geworden bist du mit dem Baile Funk aus den Favelas von Rio de Janairo, den du in der westlichen Musikwelt bekannt gemacht haben. Wie bist du darauf gestoßen?
Als DJ bin ich immer auf der Suche nach neuer Musik. Ungefähr vor fünf Jahren hatte ich ein paar solcher Tracks bekommen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich die Leute erreiche oder mehr über die Musik herausfinde, weil es online nichts gab, nicht in den Läden oder sonstwo. Es gab keine Informationen zu dieser Musik. Aber mich hat es sehr beeindruckt: Es war irgendwo zwischen Miami Bass, Heavy Metal und Synth Pop – es klang wie das finale Produkt der Popkultur, der apokalyptische Soundtrack. Also habe ich das Geld zusammen gespart, um nach Brasilien zu fahren. Damit hat alles angefangen. Ich habe ein paar Leute kennen gelernt, versucht, mich so gut wie möglich in die Szene einzufügen, mich Leuten vorzustellen und Musik zu sammeln. Daraus habe ich dann ein paar Mixtapes gemacht, habe Aufnahmen produziert. Bonde do Rolê habe ich für mein damals neues Label Mad Decent verpflichtet und wir haben vor zwei Jahren eine Platte gemacht, ich habe mit M.I.A. gearbeitet, neben vielem anderem haben wir auch einen Baile Funk-Track gemacht. Das ist auch in meine Arbeit mit Santogold und Blaqstar und ganz viele andere unterschiedliche Künstler eingeflossen. Wie hast du dich mit ihrem Aussehen und als nicht wirklich Portugiesisch sprechender US-Amerikaner da integriert? Du musst doch aufgefallen sein wie ein bunter Hund!
Naja, man ist schon ein Außenseiter in der Favela wenn man nur von der anderen Seite des Country-Club in Rio kommt. Ich war schon so weit jenseits des Außenseitertums, dass ich schon wieder ein Insider war. Ich war so weit von der Szene weg. Ich glaube, die Leute haben mich einfach auf der Basis akzeptiert, dass ich über Musik reden konnte und verstehe, wie Leute sie machen. Ich habe das selbe Programm benutzt, das sie benutzt haben, um ihre Funkplatten zu machen. Das nennt sich Acid, das ist ein freies Programm für den PC. Ich habe es auf die selbe Art gelernt. Und ich glaube eine Menge Leute wussten zu schätzen, dass ich auch Musiker war. Das ist es, was sie gesehen haben: Diese Jungs, die Funk machen, machen das mit Leidenschaft, das ist ihr Job, ihr Leben. Das sind nicht alles Gangster und Mörder da, die Kids da sind Musiker und mit dem Herzen dabei. Also haben sich viele wegen dem, was ich als Musiker mache, mit mir verbunden gefühlt. Über Rio kann ich ansonsten auch nicht viel sagen – ich war nur in den Favelas und habe Baile Funk gelebt und geatmet, wenn ich da war. Deine ethnische Herkunft war kein Problem?
Es gibt nicht viele blonde, blauäugige Leute in den Favelas, aber es gibt sie. In Brasilien gibt es nicht diese klare Trennung zwischen Schwarz und Weiß. Es ist ein legeres, postkoloniales Land. Da gibt es rothaarige Kinder mit dunkelhäutigen Brüdern mit Cousins mit blonden Haaren und blauen Augen. Nicht dass ethnische Herkunft keine Rolle spielen würde. Auf ökonomischer Ebene ist die Oberschicht weiß. Das Land hat auch noch koloniale Züge. Es gab nie eine Bürgerrechtsbewegung dort, nie eine Art Schwarzes Erwachen. Es gibt keine wirklich Schwarze Identität, es gibt eine Afro-Brasilianische Identität. Die findet man in Candomblé, Samba und klassischer afrobrasiliansicher Musik. Aber das neue Brasilien – da sind die Leute einfach stolz drauf, Brasilianer zu sein, das ist alles. Es gibt Orpheus, es gibt Gal Costa, es gibt Milton Nascimento, Gilberto Gil. Der ist jetzt Kulturminister, aber einstmals war es ihm verboten, das Land zu betreten. Es ist also ein einzigartiger Ort. Es ist in vielen Aspekten noch sehr zurück, aber wie in den USA hat man die fruchtbarste Vermischung von europäischen und afrikanischen Kulturtraditionen die man sich vorstellen kann. Und daraus sind die tollsten Sachen entstanden. In den USA haben wir Jazz und Blues, aus denen alles andere entstanden ist, was wir haben. In Brasilien gab es Samba und Bossa Nova, die alles andere erzeugt haben in deren Kultur. Wenn dann ist ethnische Herkunft nominal für den sozialen Status in dieser Kultur, der für die Leute in Brasilien zählt. Über die Baile Funk-Szene hast du jetzt einen Film gemacht. Er heißt wie ein älteres Mixtape von Ihnen: Favela On Blast Film. Wo kann man den sehen?
Derzeit wird der Film nur auf ein paar kleinen Filmfestivals gezeigt, oder wie hier in Berlin zu einzelnen Veranstaltungen. Wir werden ihn aber demnächst über Mad Decent im Online-Verkauf zu erwerben sein. Wir wollen neue Vertriebsformen ausprobieren. Mit Mad Decent machen wir viele Projekte. Eines unserer Ziele ist es, Musik und Filme über neue Wege zu vertreiben ist eines unserer Ziele. Das werden wir mit diesem Film probieren. Ihr habt drei Jahre gedreht. Wieso hat das so lange gedauert?
Jetzt ist es fast 1 ½ Jahre her, dass wir fertig gedreht haben, aber es hat so lange gebraucht, den Film zu schneiden und richtig fertig zu stellen. Es war ein heilloses Durcheinander - 100 Stunden Material, die auf eine Stunde geschnitten werden mussten für das fertige Endprodukt. Zudem war die Zusammenarbeit immer schwierig, weil wir nicht die ganze Zeit in Persona miteinander zu tun hatten. Es gab auch viele Hindernisse, so ist uns zwei, drei Mal das Geld ausgegangen. In meinem Privatleben gab es schwierige Dinge, so dass ich ein paar Pausen einlegen musste. Wir mussten immer wieder zurückgehen, das Projekt hat sich immer wieder verändert, einfach weil viele Darsteller einfach verschwanden, im Gefängnis landeten oder getötet wurden. Da mussten wir mehrmals das Drehbuch ändern. Wir konnten niemals etwas in dieser Baile Funk-Szene flüssig machen, weil sich diese Szene alle zwei Monate komplett verändert. Die Favelas sind einfach ein ganz anderer Ort. Nicht viele von den Leuten, die, sagen wir, im Drogenhandel arbeiten werden älter als 24. Ein Veteran der Baile Funk-Szene ist vielleicht 20. Die haben mit 10, 11, 12 angefangen. Dann haben sie ihren Höhepunkt erreicht und sind bereit, sich anderen Dingen zuzuwenden – oder sie verschwinden einfach. Wenige von denen haben eine E-Mail-Adresse oder Verträge mit Plattenfirmen. Es hat sehr viel von Garage Punk, was die Musikindustrie betrifft. Du hast Film studiert. Wie kommt es, dass das jetzt dein erstes Filmprojekt ist?
Ich bin erst 29 und habe bisher nur Platten produziert. Ich will gern mehr visuelle Projekte machen. Wichtig sind mir Fernsehprojekte. Das wird Mad Decent 2010 machen. Wir werden einen einen Major Lazer-Cartoon für Adult Swim machen, und eine Fernsehserie für Current TV , die „No One Save“ heißen soll, eine Art Reisesendung, die sich mit verschiedenen Musikszenen auseinander setzt.
Video: Trailer "Favela On Blast"
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