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Jeffrey Lewis, 2007
Das Hippie-Ding
Von Barbara MürdterDer New Yorker Antifolk-Musiker Jeffrey Lewis legt ein Album vor, auf dem er 12 Songs der britischen Polit Punk-Band Crass covert. Geht das?
Wenn man Crass-Songs covert, sieht man sich nicht nur der sonst üblichen Frage „Kann man das?“ ausgesetzt, sondern gleich der großen ideologischen Frage „Darf man das?“ Denn Crass waren keine stinknormale Punk-Band, die sich Anarchie nur auf die Flagge geschrieben hatten, weil es schick aussah. Wie kaum eine andere Band verkörpern sie den Geist der linksradikalen Szene im England der späten 70er und früher 80er Jahre – und versuchte diesen auch in aller Konsequenz zu leben.
Foto: Wikipedia
Die Anarcho-Pazifisten gingen weiter als ein allgemeines „No Future“ oder (No) „Identity“. Ihnen ging es um Konsumverweigerung, Frauen- und Homosexuellenrechte, Anti-Globalisierungskampf. In den Texten benannten die Fehler im System konkret. Dazu gehört auch musikalisch eine sperrige, aggressive Ästhetik, die weniger auf Rock als auf klassischer und Neuer Musik und Dada basierte. Der – bewusst gewählte - Widerspruch war, das die Musik und Vortag brutal, hasserfüllt und kalt klangen, während sich die Texte für soziale Gerechtigkeit, gegen Verlogenheit und gegen Krieg einsetzten. In ihrem Glauben an das Gute, an eine gerechtere Welt, hat die Band etwas hippieeskes. Das ist der Ansatzpunkt für Jeffrey Lewis.
Rückbesinnung auf Kunst und das Zwischenmenschliche Lewis ist neben Adam Green derzeit der bekannteste Vertreter des Antifolk. Dieser „Musikstil“, der eigentlich mehr eine gemeinsame Haltung als eine gemeinsame musikalische Ausrichtung darstellt, entwickelte sich seit den späten 80er Jahren in der New Yorker Lower East Side, in einem unscheinbaren Club namens Sidewalkcafé. Lewis war Ende der 90er dazugestoßen. „Es war eine kleine, versteckte Welt in der großen,“ erzählt Lewis, wo man sich selbst genügte – zumindest für einige Zeit. Man wertschätzte die Musik der anderen, tauschte sich aus und unterstützte sich gegenseitig. Es ging nicht um Geld und Konsum, sondern um die Kunst und das Zwischenmenschliche. Nicht zu Unrecht gilt die Antifolk-Szene als Hippie-Ding. So wundert es auch nicht, das Lewis Gefallen an dieser sperrigen englischen Band fand. Deren Song „Do They Owe Us A Living“ hatte ihm ein Zimmergenosse im College vorgespielt und er hatte sich über die Jahre immer intensiver mit ihr beschäftigt. Ihn berührten vor allem die Texte: „Sie drücken eine sehr starke Überzeugung darüber aus, was Richtig und Falsch ist.“ Eigentlich sei es ja eher peinlich, anderen Vorschriften darüber zu machen, was sie zu denken haben. Aber andererseits könne man auch leicht in Beliebigkeit verfallen, wenn man immer nur Kompromisse macht. „Es beeindruckt mich, wenn Künstler sich trauen, klare Grenzen zu ziehen, eine Moral zu vertreten, nach der sie dann auch leben.“
Foto: Barbara Mürdter
Lewis kommuniziert die „Moral“ dieser Songs mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass er es schafft, das Universelle dieser Texte herauszukitzeln, über ihren sehr spezifischen politischen und historischen Kontext des Anti-Thatcher-Kampfs hinaus, in dem sie entstanden waren. Ein paar Zeilen hat er vorsichtig entstaubt, in dem er beispielsweise auf der Hassliste in „I Ain’t Thick It’s Just a Trick“ Thatcher und Reagan „Sex in the City“-Star Sarah Jessica Parker an die Seite stellt. Die abstrakteren Aussagen könnten genauso gut von heute und aus den USA oder Deutschland sein. Sie sind als allgemeine Kritik der Lebensbedingungen im Spätkapitalismus lesbar. So, wenn in „Systematic Death“ die Konditionierung der Geschlechter zu funktionierenden Zahnrädern im System beschrieben wird. Die Welt hat sich nicht verändert, weil Väter vermehrt Kinderwagen schieben, Frauen in Teilzeitjobs ohne Karrierechancen arbeiten oder Männer nicht mehr so lange in der Fabrik schuften – weil sie nämlich arbeitslos sind. Andere zeitspezifisch scheinende Texte sind auf neue, ähnliche Entwicklungen und Ereignisse anwendbar wie den Irakkrieg („The Gasman Cometh“).
Nicht Erneuerer, sondern Übersetzer Anders ist das mit der Musik. Hier sah Lewis die klare Notwendigkeit, weniger als Erneuerer, sondern vor allem als Übersetzer tätig zu werden. Denn die schwierige, harte Musik von Crass macht es den Hörern nicht einfach, zu den Inhalten vorzudringen. Und hier kommt die ideologische Frage wirklich ins Spiel. Darf man so radikal systemkritische Lieder mit lieblichen, eingängigen Arrangements und Instrumentierungen versehen? Die Frage, wie kann ich mich durch ungewohnte und anstrengende Töne der Vereinnahmung der Kulturindustrie entziehen ist schon so alt wie diese selbst. Genauso so wie die Frage, wie bringe ich revolutionäres Gedankengut an die Massen, ändere ich konditionierte Denkweisen durch das Aufbrechen von Hörgewohnheiten oder drücke Dissidenz durch Dissonanz aus. Bitte Nachschlagen bei Arnold Schönberg, Hanns Eisler, John Coltrane etc.. Lewis setzt sich ganz bewusst in die Tradition eines Woody Guthrie oder Phil Ochs, die populäre Melodien benutzt hat, um ihre sozialkritischen Texte unters Volk zu bringen. Lewis nahm die Song zunächst wie die Altvordern nur mit der Gitarre auf , ganz Lo-Fi zu Hause mit dem Kassettenrecorder. Damit war er aber unzufrieden. Eigentlich möge er bei Songs eine ungehobelte Oberfläche, die einen gewichtigen Inhalt transportiert, meint Lewis. Aber da er hier fremdes Rohmaterial vorliegen hatte, wollte er seine Fähigkeiten als Produzent ausprobieren. Er ging zu „Major“ Matt Mason, einem Antifolk-Kollegen, ins Studio. „Ich habe jeden Song ein bisschen anders arrangiert und gestaltet,“ erzählt Lewis.
Tradition und Spielkram Herausgekommen ist der lewistypische Mix, der sich in der gesamten Tradition der US-amerikanischen, oder spezifisch New Yorker Musikkultur bedient: klassischen Folk als Grundlage, angereichert mit Jazz, Punk und Elektronika. Schön rhythmisch mit viel Perkussion und Spielkram wie Blockflöten. Das macht Spass und reißt mit. Dazu sprechsingen Lewis und seine Freundin Helen Schreiner nonchalant die harten Wahrheiten (oder das was man dafür hält), als ob sie vom Kaffeetrinken mit Freunden erzählen. Wäre es überzeugender gewesen, sie hätten geschrieen? Es ist nichts Neues, dass Punk und seine Wut sind längst zur Ware geworden sind. Schon Crass griffen ihre „kommerziellen“ Kollegen wie die Sex Pistols oder The Clash an. Mit der Verjüngungskur, die Lewis den Crass-Songs verpasst hat, holte er die Songs aus der Versenkung und gibt sie einer neuen Generation. Er hat sie glaubwürdig zu seinen gemacht – weil sie im Kontext seines ganzen Schaffens als Künstler glaubwürdig sind. Er teilt die Anliegen der Band und nimmt und ihr Werk ernst - aber eben nicht zu ernst. www.thejeffreylewissite.com Hier noch zwei Texte zu Jeffrey Lewis und der Tour, die obiges Album begleitete (aus langeleine.de):