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Hugh Masekela, 2009

"Wir sind im Protest aufgewachsen"

Von Barbara Mürdter

Im April wurde er 70 und das Berliner Haus der Kulturen der Welt würdigte ihn aus diesem Anlass mit einer dreitägigen Gala: die südafrikanische Jazz-Legende Hugh Masekela. In seiner Musik verbinden sich Swing, Bebop und Funk mit afrikanischen Rhythmen aus den Townships Südafrikas, aber auch diverser anderer Länder des Kontinents, in denen er gelebt und mit Musikern gearbeitet hat. Seine wahrlichafro-amerikanische Hybrid-Musik zeugt von der Odyssee seines Lebens zwischen Apartheid, Exil und Heimkehr.



Foto: Barbara Mürdter

Hugh Masekela macht den Eindruck eines pensionierten Lehrers: ein kleiner, agiler Mann mit lebendigen Augen und wachem Geist. Keine Spur von Sex, Drugs und Rock’n’Roll, auch wenn er dieser Dreifaltigkeit ausgiebig gefrönt hat. Dass der 70-jährige Trompeter und Sänger zu den bedeutendsten Jazzmusikern Afrikas zählt, tut er mit einer Handbewegung ab. Wenn er von sich erzählt, gleitet er immer wieder in größere politische und historische Zusammenhänge ab. Ungeachtet der Tatsache, dass er fast die Hälfte seines Lebens in den USA und in afrikanischen Staaten verbracht hat, ist es Südafrika unter der Apartheid, das sein Leben gemacht hat. Es ließ ihn werden, wer er ist. Die Unterdrückung seiner Leute trieb ihn ins Exil, viele seiner Freunde und Verwandten hat das Regime zu menschlichen Wracks gemacht – oder getötet.


Apartheid als prägender Faktor

Als Bebop-begeisterter Teenager wollte Masekela raus aus der Enge und Unfreiheit in seinem Land. 1960 erfüllte sich sein Traum, doch bald plagte ihn das Heimweh: „Ich habe niemals diese Aufregung verspürt, die andere Leute erfasst, wenn sie in New York sind. Für mich war es schwer, glücklich zu sein, wenn auf deine Leute jeden Tag geschossen wird.“ So blieb er mit Landsleuten und Kollegen eng verbunden, die ebenfalls im US-Exil waren – am innigsten mit Miriam Makeba. Selbst dass er 1968 einen Superhit hatte, „Grazing In The Grass“, ließ ihn die Heimat nicht vergessen. „Südafrika blieb für uns im Mittelpunkt, weil wir über unsere Leute sangen. Wir waren von ihnen inspiriert.“ Viele seiner Songs wie „Coal Train“ behandeln Township-Themen, wobei in dem Titel auch die Verehrung für Coltrane mitschwingt.


Musik und Rassismus

In Masekelas Musik verbinden sich Swing und Bebop mit afrikanischen Rhythmen, wie er sie über die Musik der Townships kennengelernt hatte, wo traditionelle südafrikanische Musik mit US-Jazz verschmolzen wurde. „Jeder hatte damals ein Grammofon. Und diese Musik auf Platten, 78er Vinyl“, erinnert er sich an die Kindheit in der Bergarbeiterstadt Witbank. Das Die „Shebeen“, der illegalen Kneipe seiner Großmutter, ist für ihn noch lebendig, die Straßen der Townships, die schlecht ausgestatteten Häuser, der alltägliche Rassismus, die Gewalt. Er erinnert sich auch an die Gesänge der Kirchenchöre und Blechblasorchester, die musizierend durchs Viertel zogen; die Minenarbeiter aus dem gesamten südlichen Afrika und ihre traditionellen Tänze und Lieder. „Jedes Wochenende war eine Art Spontankarneval – wo immer sie ein Plätzchen fanden, machten sie Musik.“



Foto: Barbara Mürdter


„Wir waren uns früh der sozialen Einteilung bewusst, der Fremdenfeindlichkeit und des Rassenvorurteils, der Stammestrennungen.“ Wenn sie auf dem Markt einkaufen gingen, wurden sie als Affen bezeichnet. Die Großmutter, die auch schon mal einen betrunkenen Minenarbeiter verprügelte, hatte offensichtlich Angst vor den Weißen. „Es gab damals aber auch schon Leute wie Albert Lutuli, A. M. Lembede, also politische Führer und illegale Gewerkschaften.“ Von klein auf verfolgte er politische Diskussionen und ging mit auf Kundgebungen.


Brücken zur afrikanischen Kultur

Dass man seine funky-pulsierenden Lieder im Westen meist politisch interpretierte, läßt Masekela lachen: „Wir haben das nie in Kategorien gepackt. Wir sind im Protest groß geworden.“ Lange bevor er in den Achtzigerjahren an der Entstehung von Paul Simons „Graceland“-Album beteiligt war, bildete er die Nahtstelle zu afro-amerikanischen Kollegen, die im Zuge der Bürgerrechtsbewegung Solidarität mit dem Freiheitskampf der afrikanischen Völker entwickelten und afrikanische Kultur entdeckten. So initiierte er 1974 in Kinshasa das Musikfestival, das im Vorfeld zum "Rumble in the Jungle", dem legendären Boxkampf zwischen Muhammed Ali und George Foreman als kulturelle Brücke angelegt war.



Foto: Barbara Mürdter


Masekela redet mit kehliger, raspelnder Stimme. Obwohl er eine Handvoll Sprachen fließend spricht, hat er allein im Englischen einen riesigen Wortschatz. Und immer wieder lacht er ein kurzes, meckerndes Lachen, das den bitteren Unterton nicht verhehlen kann, meistens dann, wenn es um das heutigen Südafrika geht. Er hat nie an die Heilsversprechen nach dem Ende der Apartheid geglaubt. Man habe von den Schwarzen verlangt, ihren ehemaligen Unterdrückern zu verzeihen: „Es hätte aber auch eine ökonomische Versöhnung geben müssen. Noch immer sind 95 % des Bodens in weißer Hand, und fast 100 % der Wirtschaft. Die Apartheid hat 1652 begonnen und bis heute nicht aufgehört.“

Für seinen Freund Nelson Mandela hatte er 1987 die Hymne „Bring Him Back Home“ geschrieben. Gegen was soll er jetzt kämpfen? So hat er sich ausgeklinkt und schnaubt: „Es ist schon witzig, dass es während der Unterdrückung eine viel größere musikalische Aktivität als heute gab. Die Apartheidregierung hat die schwarze Kultur gefördert, um sich im Ausland positiv darzustellen.“

(in leicht veränderter Version erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 14.05.2009)


Radiobeitrag:
"Hugh Masekela" / NDR Info Nachtclub, 2009

Video:
Hugh Masekela und Jazz Jamaica "Grazing in the Grass" live im Haus der Kulturen der Welt 14.5.2009

Link: Hugh masekela jazz jamaica


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