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Portugal. The Man, 2007
Radioporträt zum Erscheinen von "Church Mouth" (Transkript)
Interview: Barbara Mürdter
John Gourley Portugal. The Man (2008) / Foto: Barbara Mürdter
1 John Gourley: Es war Zufall, dass wir uns nach Portugal genannt haben. Wir wollten der Band einen Namen geben, der so eine Art Kunstfigur darstellt. So wie sich David Bowie Ziggy Stardust genannt hat, oder die Beatles Sergeant Pepper waren. Wir wollten der Band den Namen einer Person geben, ohne einen der Realnamen von uns selbst zu benutzen. Der Name eines Landes schien da gerade recht, eine Gruppe Menschen zu repräsentieren. Dann den Punkt nach dem Namen Portugal zu machen und The Man danach zu sagen soll bezeichnen, dass es eine Person ist. Das Land war einfach Zufall wir hätten einfach den Finger auf den Globus legen können. Es hätte auch Pizza. The Man sein können, oder USA. The Man oder Alaska. The Man das klang aber nicht so cool. Portugal klingt einfach am besten. 2 Wo man herkommt, hat immer einen Einfluss. Sicher ist es anders, in Alaska aufzuwachsen als in den USA. Aber wir waren alle im Mittelwesten auf Tour, da gibt es die gleiche Art zu Denken wie in Alaska, ebenso wie im Süden von Oregon. Wir leben jetzt in Portland. Das ist eine sehr moderne, liberale Großstadt. Aber im Süden des Bundesstaates ist es nicht anders wie bei uns zu Hause, sehr kleinstädtisch. 3 Zach und ich kommen aus einem kleinen Ort, sogar für die Verhältnisse da oben. Außerhalb der Städte ist es in Alaska wunderschön für mich der schönste Ort, den ich kenne. Wir sind jetzt schon viel in den USA unterwegs gewesen, und auch schon hier in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Alaska hat diese unglaubliche Leere, es ist so abgelegen. Und dann erlebt man wieder die großen Städte mit vielen Menschen. Man hat diese beiden Seiten, wie auch im Rest der USA. Alaska hat kaum große Städte, und ist ein wenig wie ein eigenes Land mit seiner eigenen Mentalität. Es ist so weit weg von den USA, fünfundzwanzigtausend Meilen. Wir kriegen viel von der US-Kultur nicht mit, wir haben da zwar unsere eigene und uns fehlen ein wenig die Manieren. Wir haben wenig Musik und Kunst da oben. Als wir nach Oregon gezogen sind war das wirklich ein Kulturschock. In Portland, was eine sehr liberale Stadt ist, gibt es bergeweise Kunst und Musik. Das war eine sehr merkwürdige Erfahrung, aber sehr cool und wir haben sehr viel gelernt. In Alaska fehlt die aktuelle Kunst. Wir haben die einheimische Kunst, die wirklich beeindruckend ist, so wie in Afrika. Aber eben nichts Neues. Unsere Band hat ihren eigentliche Sound erst nach den Reisen entwickelt, nachdem wir das erste mal in Deutschland waren. Da mussten wir endlos vor den Leuten spielen, ausprobieren. Wir haben Ideen von einander entwickelt, für einander gespielt und nicht mehr einfach nur die Musik aus dem Radio nachgespielt oder irgendwas geschrieben, was den Labels gefallen könnte. In Alaska hört man nur Mainstream-Musik. 4 Das erste Album war wirklich spontan und chaotisch aufgenommen worden. Wir sind ins Studio gegangen und haben alles falsch gemacht. Ich habe die Gitarre gespielt, als ob ich zum ersten mal auf der Bühne stünde. Bisher hatte ich sie auch nur zum Schreiben benutzt oder anderen einen Song zu demonstrieren. Also habe ich 26 Songs einfach so auf der Gitarre vorgespielt, sie einfach aufgenommen. Erst danach kam der Produzent und meinte ich soll damit aufhören, weil gar nicht so viel Platz auf der Platte ist. Das war einfach Songwriting aus dem Bauch raus, ich an der Gitarre, Zach am Bas und unser Keyboarder. Jason, unser Drummer, kam erst ganz zum Schluss dazu das ist eigentlich etwas, was man beim Aufnehmen niemals macht das Schlagzeug zuletzt. Bands machen das höchstens zum Experimentieren, wie Radiohead. Wir haben es einfach gemacht, ohne uns dabei was zu denken. Aber es war gut, dass wir so was gleich zum Anfang gemacht haben. Ich habe immer die Beatles und die Zombies gehört, mehr Pop geht gar nicht. Aber wenn ich dann Songs geschrieben habe, kam da immer ein totales Wirrwar raus. Das neue Album jetzt kommt mehr auf den Punkt. Aber da war keine Absicht dahinter, das jetzt zugänglicher zu gestalten. Das Label hat uns freie Hand gelassen. 5 Es ist schon seltsam wie das läuft. Ich war in einer Band, als ich noch in Alaska gelebt habe in wir haben Demos rumgeschickt. Drei Label haben sich dann auch gemeldet. Die meinten, wenn ihr irgendwas erreichen wollt, dann müsst ihr aus Alaska weg. Deshalb sind wir weggezogen. Und als wir dann in den USA waren habe ich gemerkt, wie offen und frei es da ist, das sich das auch auf die Musik ausgewirkt hat. Aber irgendwie ist es überall so. Wenn wir jetzt nicht auf einem Label wären, wüsste ich nicht, wie ich es anstellen würde, eins zu finden. Und anderen scheint es ähnlich zu gehen wir bekommen auf Tour so viele Demos zugesteckt, ob das nun Kansas City, New York oder Seattle ist. Wir hören uns die Sachen wohl an, können aber nicht viel machen. Wir sind froh, den Raum zu haben, den wir haben und ein Label, das uns machen lässt denen kann ich nicht irgendwelche Bands andrehen. 6 Niemand liebt mich und ich liebe niemanden grad. Äh, also die Texte sind einfach Gedanken, die sich über eine gewisse Zeit verdichtet haben. Ich denke, Rockmusik handelt davon, deine Meinung auszudrücken, deine Gedanken und nicht nur über dieses Mädchen, das dein Herz gebrochen hat oder solcher Müll. Ich sage aber nie direkt was zu unseren politischen und religiösen Ansichten. Es gibt ja immer zwei Seiten. Denn ich kann in eine Kirche gehen und dort meine Meinung verkünden und niemanden überzeugen. Die sagen einfach, ich sehe das anders und das ganze ist fruchtlos. Das wäre dann so eine Band wie Rage Against the Machine, die einfach direkt mit dem rauskommen, was sie sagen wollen. Das kann ich so nicht und überlasse das denen, die es können. 7 In den USA ist es so, dass im Mitwesten die ganzen fundamentalistischen Christen wohnen und an den Küsten die Hippies. In Alaska trifft das direkt aufeinander. Man hat die wirklich konservativen Christen, die das Öl- und Geldgeschäft beherrschen. Und dann hat man die Leute, die extra nach Alaska gekommen sind, weil es eben so offen und frei ist. Sie leben von der Natur. Sie sind nicht Sportjäger, die Tiere töten um sie sich an die Wand zu hängen. Als Jugendlicher bin ich mit dem Rad durch die Gegend gefahren. Ich habe dann einerseits Freunde in Reihenhäusern besucht, und dann wieder welche in völlig unerschlossenen Gegenden, deren Häuser einfach aus irgendwelchem Material hingezimmert waren, was es grad gab, alles völlig unfertig. Das waren Leute, die einfach nur weg wollten, ganz anders als die in den Städten das war so ein Riesenunterschied dazwischen. Das ist in Alaska alles so offensichtlich, dass man einfach bestimmte politische und religiöse Ansichten entwickeln muss. Das ist nicht anderes als bei Rage Against The Machine in Südkalifornien, mit diesen verrückten Einwanderungsgesetzen. Die sind da ja gleich an der Grenze mit Tijuana, Mexiko. Unsere Sachen sind in einer geringeren Art politisch. Wir sind keine großen Redner. Wir haben aber unsere Gedanken und es ist glaube ich schon sehr klar, wo wir stehen, wenn man die Musik hört, die Texte liest und sich unsere MySpace-Blogs anschaut. Wir wollen einfach den Leuten nicht das aufdrängen, was wir denken, weil wir das auch nicht mögen, wenn uns Leute ihre Ansichten aufdrängen. Wir sagen einfach das, was wir wollen. 8 Unsere Klamotten sind vorrangig einfach billig. Ich weiß nicht, ob ihr so was wie die Heilsarmee kennt. Einfach Second Hand-Kleidung. Wir nehmen uns da, was uns gefällt. Unser Outfit kostet so um die 15 Dollar. Und das gilt auch für unser Equipment. Unsere Verstärker und alles haben weniger als 1000 Dollar gekostet. Wir haben einfach kein Geld. Meine Klamotten habe ich bestimmt schon fünf Jahre. (Einwurf: Die alten Klamotten passen besser.) Ja, stimmt. In neuen Klamotten sieht man aus wie ein Gangster-Rapper, ich habe letztlich ein paar Hosen in meiner Größe anprobiert, die waren viel zu weit. (Einwurf: Mein Hut ist einer der wenigen neuen Accessoires die ich habe. Den hat mir jemand in einer Hut-Boutique in Portland gekauft. Aber er erinnert mich total an meinen alten Fischer-Hut aus Alaska. Deshalb mag ich ihn so.) Ich habe jetzt Bilder von meinem Vater vor Augen, als er 72 oder so nach Alaska gezogen ist. Er würde so perfekt in unsere Band passen. Es wäre prima, wenn er Gitarre spielen könnte. 9 Diese ganze Kultur ein Schock. Wir sind in einer sehr kleinen Stadt aufgewachsen, einem sehr abgeschlossenen Ort. Wir waren sehr naiv und wussten nichts über die Welt. Die kannten wir nur von dem, was wir in Filmen gesehen und in Büchern gelesen hatten. Wir mussten raus und das alles erleben. Es war ein wirklich überraschender Schock zu erleben, dass es da so viel mehr gab. Wir sind jetzt schon viel gereist und haben viel von den USA und dem Rest der Welt gesehen. Aber es gibt noch so viel mehr. Ich will da gar nicht aufhören, sondern immer weiter machen, weil es so viele verschiedene Kulturen und tolle Sachen zu sehen gibt. Für mich war das Erstaunlichste, was mir auffiel, als ich aus Alaska weggezogen bin der andere Tagesverlauf. Das hatte ich vorher nie erlebt das die Sonne morgens um 6 aufgeht und abends um 8 untergeht. Ich war daran gewöhnt, dass es entweder fast den ganzen Tag hell war oder eben mehr oder weniger dunkel im Winter. Soweit zur Natur. Aber ich war auch beeindruckt davon zu sehen, was man so alles machen kann. Alaska ist so behütet, da gibt es nur wenige Möglichkeiten. Besonders was Musik betrifft. Wir haben völligen Mainstream gespielt und ich fand es sehr befreiend, dann irgendwann einfach spontan das zu schreiben, was mir einfach einfiel und spontan das zu machen, was ich will. (Transkript eines Radioporträts, Radio Flora Hannover, 2007) portugaltheman.net Mehr Fotos von Portugal. The Man (2008) hier.