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Mark Stewart, 2008

Der Noise-Faktor

Von Barbara Mürdter

Mark Stewart hat vor 30 Jahren als Frontmann der Pop Group die Musikwelt verändert. Jetzt veröffentlicht er sein sechstes Soloalbum „Edit“.

Mark Stewart ist ein polteriger vierschrötiger Kerl mit dröhnender Stimme und grobem englischen Humor. Bei seiner Konstitution könnte man sich vorstellen, dass er mit dem Presslufthammer Asphalt aufreißt, mit der Kettensäge meterdicke Bäume umlegt oder schwere Metallplatten verschweißt.

Letztendlich ist das auch genau das, was er als Musiker macht – und das, wenn man genau hinhört, mit erstaunlicher Sensibilität und Präzision. Er sammelt Grooves aus aller Welt. Diese verzerrt er zu manchmal fast unkenntlichen Bleeps, verlangsamt sie oder überlagert scheinbar völlig unpassenden Sounds, die er passend macht: „Vom Dub habe ich gelernt: Man braucht einen richtigen funky, festen Backingtrack-Rhythmus als starkes Skelett, dann kann man ausflippen, Sachen verdrehen, dekonstruieren.“

Mark Stewart / Foto: Barbara Mürdter

Sein erstes Album hatte der Bristoler Musiker mit 17 veröffentlicht – und damit gleich den Klassiker produziert. Mit ein paar Kumpels hatte er sich vom Punk die Frechheit genommen, sich einfach auf die Bühne zu stellen, loszukrakeelen und auf widerspenstigen Instrumenten herumzudreschen. Eine Geschichte, die damals zehntausendfach passierte. Ungewöhnlich allerdings schon der Name, den sie sich angeblich ironiefrei gaben: The Pop Group. Dazu kam ihre Liebe zum schwarzen Funk, den sie aus den einschlägigen Clubs kannten. Sie fühlten sich wie Bootsy Collins’ Band, nur merkte das niemand.

Als 1979 das Debüt „Y“ erschien, überschlugen sich die Kritiker vor Begeisterung über die genialen Dilettanten, die sie für innovative Avantgardekünstler hielten. In der Pophistorie gilt es als Beginn der Verknüpfung von Punk mit Funk bzw. Disco und HipHop, die bald auf beiden Seiten des Atlantik - zumeist tanzbarer – praktiziert wurde. Heute beruft sich wieder eine ganze Generation junger Bands darauf – gemeinhin werden aber die nervenschonenderen Gang of Four genannt. Musiker wie Nick Cave oder Nine Inch Nails schätzten dagegen gerade das Kakophonische der Pop Group.


Zwischen "Crate Digging" und iPod

Grooves, Noise und der Punk in der Haltung blieben die Grundzutaten, aus welchen der schrullige Künstler seine Musiksuppe zusammenkocht, und das garantiert so scharf gewürzt, dass die Zunge brennt. Stewart war einer der ersten Musiker neuen Typs, bei denen es nicht um eigene instrumentaler Virtuosität geht, sondern das Gefühl für Sounds und die Kenntnis der richtigen Platten ist für Samples. Das hatte er sich in erster Linie von den afrokaribischen Soundsystems seiner Heimatstadt abgeschaut. „Crate Digging“, Plattenkisten nach Schätzen durchwühlen wie die DJs, hätte er bereits als 12jähriger betrieben, erzählt Stewart.

In Zeiten fast absoluter Verfügbarkeit jedes Musikstücks im Internet muss das für die Vertreter der iPod-Generation klingen wie eine Episode aus Oliver Twist. Ein kompletter Anachronismus ist auch, dass sich der Riese am Computer anstellt wie ein altes Mütterchen. Mit großen Sorgenfalten auf der Stirn bedient er sein E-Mail-Programm, während für die meisten Kollegen ihr Laptop Instrument und Studio ist. So produziert er bis heute ganz Old School am Desk oder per Befehl an die Mitstreiter: "Genau den Sound will ich haben!"


Ein musikalisches und menschliches Unikum

Auf der Werkretrospektive „Kiss the Future“, 2005 bei Soul Jazz erschienen, fügen sich die Songs aus einem Viertel Jahrhundert erstaunlich nahtlos aneinander. Das liegt vor allem daran, das Stewart so ein Unikum ist. Zum einem ist er extrem rührig, kontaktfreudig und immer an Neuem interessiert. Er schwärmt von Baile Funk, Reggaeton, dem französischen Electro-Label Ed Banger. Der Crookers-Remix seiner Neuaufnahme des alten Pop-Group-„Hits“ „We Are All Prostitutes“ mit Adam Sky macht ihn stolz: „Das war letztes Jahr ein Clubhit. Da entdeckt eine ganz neue Generation meine Arbeit!“ Dann wieder kreist er in seinem eigenen Universum, das er sich in seinen Teenagerjahren in Bristol zusammengebastelt hat. Freimütig gibt er zu: „Meine Vorstellungen und Interessen haben sich nicht groß verändert, seit ich 13 oder 14 bin.“

Stewart lebt heute als Musiknomade mal in Wien, Berlin, Spanien oder auch wieder Bristol. Meist hat er nicht mehr als einen Koffer dabei, aber dafür irgendwelche Musikprojekte am Start. Im Moment arbeitet der Pate des Bristol Sound, welcher in den 90er Jahren unter dem ungeliebten Namen TripHop um die Welt ging, mit seinen alten Freunden von Massive Attack. Die basteln eifrig an ihrem lange angekündigtes Comeback-Album, ebenso wie Tricky, dem Stewart einst mit seinem Debütalbum „Maxinequaye“ auf die Sprünge half.


„Wenn ich was Interessantes höre, rufe ich da einfach mal an.“

Umgekehrt sucht sich der Veteran für seine eigenen Alben zu seiner altgedienten Backing-Band The Maffia immer neue Musiker dazu: „Wenn ich was Interessantes höre, rufe ich da einfach mal an.“ Für das neue Album ließ er sich Dancehall-, Grime- und Dubstep-Beats zuschicken, ebenso anglo-indischen Desi-Sounds, die er über alle Maßen liebt. Das ist das Rohmaterial, mit dem Stewart seine Songs unterfüttert. Der österreichische Elektroniker Philipp Quehenberger steuerte mit „Loner“, das von der Stimmung ein wenig nach Joy Division 2008 klingt, die einzigen Fremdkomposition auf dem Album bei. Daneben gibt es ein Cover des textlich ungewöhnlich zeitgemäßen Yardbirds-Klassikers „Mr. You’re a Better Man Than I“. Wie nicht anders zu erwarten, wird hier dem Song der Blues ausgetrieben und Stewart zerrupft es freudvoll im Duett mit einer Freundin aus alten New-Wave-Tagen, Ari Up von den inzwischen wiederbelebten Slits.

Auf seinem letzten Solo-Album „Control Data“ von 1996 hatte Stewart zum ersten Mal versucht, sich für seine Verhältnisse gefällig zu geben. Das ging in die Hose, weil er sein Alleinstellungsmerkmal, die völlige Kompromisslosigkeit, aufgab. Nach den Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie ging es im riesigen täglichen Musikoutput unter. Das neue Album ist wieder komplett auf Krawall gebürstet. Im Brachialsound wird jede Lücke, in der sich Heimeligkeit oder auch nur ein tanzbarer Rhythmus einnisten könnte, sofort wieder ausgemerzt. Stewart allerdings empfindet seine Musik selbst als positiv, so ein bisschen wie ein Fakir, meint, sein Nagelbett sei recht kuschelig: „Das ist eine Feier der verschiedenen Stile als Gegensatz zu den Texten, in denen oft harte Dinge angesprochen werden.“


Alles in Frage stellen

Während man von Billy Bragg behaupten kann, er werde mit jedem neuen grauen Haar mehr zur weichgespülten Version seiner selbst, kann man das Mark Stewart auch bei den Texten nicht nachsagen. Schon die Pop Group war berüchtigt für ihre linksradikalen Slogans, die nicht immer klug, aber eindrucksvoll waren. Diese Mischung aus Anti-Thatcher-Rhetorik, anarchistischen Ideen der französischen Situationisten und politischen Verschwörungstheorien à la Charles Levinsons „Wodka-Cola“, die Stewart mal geprägt hat, schwirrt noch immer recht präsent in seinem Kopf.

Damals hatte er die Grundformel gelernt, mit der er das Leben bis heute begreift: Nichts ist wie es scheint, alles, aber auch alles, ist in Frage zu stellen. So singt er im Song „Puppetmasters“ von den Leute hinter den Kulissen, „Börsenhaie, Industrielle und Konzerne“, die die Welt lenken, ohne das es die Öffentlichkeit bemerkt. „Das ist für mich die wahre Politik. Das interessiert mich bis heute. Wobei ich nicht sage, ich habe recht und du nicht. Aber ich finde es wichtig, dass jemand diese Gedanken vehement kommuniziert als Gegenmittel zu diesen völlig gehirngewaschenen Sachen, die man normalerweise erzählt bekommt.“

Albumtitel: „Edit“

Künstler: Mark Stewart

VÖ: 4.4.08

Label: Crippled Dick Hot Wax

DVD „On/Off“ Dokumentarfilm über Mark Stewart von Tøni Schifer (VÖ 2009)

www.crippled.com

(in veränderter Version im Tagesspiegel erschienen)


Video: