Vor fast dreißig Jahren kam der junge Holländer Anton Corbijn nach England, angelockt durch die Musik einer fast unbekannten Band namens Joy Division. Der angehende Musikfotograf machte eine Fotoserie von ihnen in einem U-Bahn-Tunnel. Die Bilder wurden legendär, ebenso wie die Band, die als Keimzelle des Post-Punk gefeiert wird. Auch der Fotograf schrieb Geschichte: Mit seiner durch Licht und Schatten bestimmten, körnigen Schwarz-Weiß-Ästhetik wurde er in den Achtzigern stilprägend für die Rock-Fotografie.

Sam Riley als Ian Curtis in Anton Cobijns “Control” (2007)
Ein altes Schwarz-Weiß-Foto
Produzent Oran Williams erinnerte sich an eben jene Fotos, als er einen Film über das kurze Leben von Joy-Division-Kopf Ian Curtis plante – und wollte Anton Corbijn als Regisseur. Dieser lehnte erst ab, dachte jedoch noch einmal über seine persönliche Bindung an das Thema nach und entschied, dass dies genau das richtige für ein Spielfilmdebüt sei.
Er wollte den Film in Schwarz-Weiß drehen, in seiner Bildsprache. Die Erinnerungen an Joy Division seien schwarz-weiß, meint Corbijn. Zu Lebzeiten von Curtis sei die Band nie so groß geworden, dass sie in bunten Hochglanz-Magazinen auftauchten, sondern nur in den selbstkopierten Fanzines, die damals die neueste technische Errungenschaft waren. Und selbst das Cover auf Englands berühmtester Musikzeitschrift NME im August 1979 war schwarz-weiß.
Vorsichtig und distanziert nähert sich der Regisseur dem verehrten Musiker an, mit Respekt vor dem Subjekt, aus dem Bewusstsein heraus, dass die Fangemeinde sehr kritisch auf das Endprodukt reagieren würde. Er vermeidet Psychologisierungen oder offensichtliche Wertung, Schuldzuweisung oder Erklärungen.
Viele Erzählungen zu einer großen verwoben
Als Grundlage für das Drehbuch wurde die Biografie verwendet, die Curtis’ Witwe Deborah über den eigenwilligen Künstler geschrieben hat. Darüber hinaus fungierte Deborah als Co-Produzentin für den Film. Jedoch wollte das Filmteam alle Sichtweisen beleuchten: die der Bandkollegen genauso wie die des Förderers Tony Wilson, der kurz vor der Fertigstellung des Endprodukts verstarb. Zum ersten Mal gelang den Machern des Filmes auch eine Kontaktaufnahme zur viel gescholtenen Geliebten von Curtis, Annik Honnoré, die sich für interne Interviews zur Verfügung stellte und Einblicke in die Briefe gewährte, die ihr der Sänger in den letzten sechs Monaten vor seinem Suizid schrieb.

Ian Curtis heiratet Debbie (Samantha Morton), als er 19 Jahre alt ist
Der Film entsteht erst im Kopf
Streng chronologisch in kurzen Sequenzen, die ohne Hektik und mit wenigen alltäglichen Worten das, was gesagt werden soll, auf den Punkt bringen, zeichnet Corbijn sieben Jahre aus dem Leben von Ian Curtis nach. Allein mit dem Ambiente Hochhaussiedlung/Wohnungseinrichtung wird die Klassenherkunft geklärt, mit einem nicht zurückgeschossenen Fußball, der ihm auf dem Heimweg vor die Füße fällt, wird der Protagonist in seiner Schrulligkeit und Verträumtheit charakterisiert. Tragend sind wenige Gesten und vor allem die Mimik des Hauptdarstellers. Die Angst, Hoffnung, Langeweile und Verzweiflung, die sich in seinem holzschnittartigen Gesicht mehr verbergen als zeigen. Nur die Augen und ein paar verzogene Muskeln sagen alles und lassen es offen für Interpretationen. Nur durch die Phantasie und das Mitgefühl des Zuschauers, der die Leiden der Figuren erahnt, entsteht der Film im Kopf. Das klingt nach wenig Action, und das ist auch richtig. Trotzdem fesselt der Film in seiner ganzen Länge.
Sieben Jahre im Leben von Ian Curtis
Wir folgen dem 16-jährigen Curtis von der ersten Verliebtheit in die Musik von David Bowie und bald darauf in das blonde Mädchen Deborah, welches er mit 19 Jahren heiraten wird. Es ist das Jahr 1973. Curtis ist ein zu schrägen Scherzen aufgelegter, verträumter Schüler, der alten Damen potentiell berauschende Medikamente stibitzt, gern Wordsworth zitiert und seine ersten eigenen Texte schreibt. Er träumt davon, ein Poet zu sein wie seine Vorbilder Burroughs, Ballard und Kerouac. Dann kommen die Sex Pistols nach Manchester, Freunde von ihm gründen nach dem Konzerteindruck eine Band. Er bietet sich als Sänger und Textautor an und bekommt den Zuschlag. Es ist eine musikalisch turbulente Zeit in England – die Band wird bald von Manchester-Musik-Impressario Tony Wilson entdeckt und gefördert. Sie wird über die lokalen Grenzen bekannt. Curtis jedoch trifft ein Schicksalsschlag: Er beginnt, an Epilepsie zu leiden. Zudem gerät die Diskrepanz zwischen beginnendem Rockstar-Dasein und biederer Häuslichkeit mit Baby in der Kleinstadt immer mehr zum Konflikt.

Verblüffende Ähnlichkeiten mit den echten Protagonisten: Rob Gretton (Toby Kebbell), Ian Curtis (Sam Riley), Steve Morris (Harry Treadaway), Peter “Hooky” Hook (Joe Anderson), Bernard Sumner (James Anthony Pearson) und Tony Wilson (Craig Parkinson)
Der Film konzentriert sich auf diese persönlichen Krisen, die außer Kontrolle geraten: Die Krankheit ist mit dem Leben eines Rockmusikers nicht vereinbar – Curtis entscheidet sich, epileptische Anfälle auf der Bühne hinzunehmen, schämt sich aber maßlos dafür. Und auch zwischen der Liebe zu einem Fan und dem Verantwortungsgefühl seiner jungen Familie gegenüber findet er keine Entscheidung. Durch eine falsche Medikation zusätzlich von schweren klinischen Depressionen geplagt, nimmt er sich am Abend vor der ersten USA-Tour das Leben. Er wurde 23 Jahre alt.
Eine Legende mit Licht und Schatten
So die Legende, an der Corbijn auch nicht zu rütteln versucht. Die Bilder sind ikonisch, ganz im Stil seiner Fotografien. Dennoch nimmt man Ian Curtis durchaus als Menschen war, als einen der leidet und auch seine Schwächen hat. Nicht nur die Wahl des Hauptdarstellers, des bisher fast unbekannten Sam Riley, sondern die gesamte Besetzung des Films erweist sich als äußerst gelungen. Die Schauspieler sehen den dargestellten Personen nicht nur optisch ähnlich. Sie schaffen es auch, atmosphärisch nah am Original zu sein. Beeindruckend ist ebenfalls, dass die vier “Bandmitglieder”, von denen zwei überhaupt keine musikalischen Vorerfahrungen hatten, sogar die Musik selbst spielen.
Da die einzigen britischen Filmfördergelder des knappen Drei-Millionen-Budgets von einer Institution in Nottingham kamen, wurden viele der Szenen dort gedreht und nur wenige in Curtis’ Heimatort Macclesfield südöstlich von Manchester. Trotzdem gelingt Cobijn mit wenigen Einstellungen eine überzeugende Darstellung der Düsterheit und Armut, die der aus ländlichen Verhältnissen stammende Pastorensohn selbst Ende der Siebziger in den nordenglischen Städten mit Erschrecken gesehen hatte, und die die Musik von Joy Division stark prägten.
Inszenierte Wahrheiten
Die Intention des Produzenten Oran Williams war es, ein Produkt zu schaffen, das von den Zuschauern als “die Wahrheit” über Joy Division betrachtet wird. Eine einzige Wahrheit gibt es allerdings bekanntlich nicht, und ein Film ist immer eine Interpretation – subjektive Geschichten von Curtis’ Wegbegleitern wurden verwoben, gestrafft und verändert, um sie der großen Erzählung dienlich zu machen. Einen weiteren Teil der “Wahrheit” wird man im Laufe des Jahres in einem Dokumentarfilm über Ian Curtis und Joy Divison erfahren können. Er wurde ebenfalls hochkarätig umgesetzt – von Grant Gee, der schon bei “30 Century Man” über Scott Walker die Kamera führte und beim Radiohead-Film “Meeting People Is Easy” die Regie führte, und dem britischen Punk-Pabst John Savage.
Dieser Film wird demnächst auch in deutschen Lichtspielhäusern zu sehen sein und wird von Kritikern bereits als die passende Ergänzung zum “Biopic” “Control” gefeiert. Pünktlich zum Filmstart hat Warner zwei remasterte Ausgaben des schmalen Werkes von Joy Division – die Band hat nur zwei Studio-Alben aufgenommen – herausgegeben, und es erschien ein neues Fotobuch namens “In Search of Ian Curtis”. Damit wäre das Thema für die nächsten Jahre popkulturell abgehandelt und durchgekaut, bis die Band von einer neuen Generation wiederentdeckt wird. Derweil freuen wir uns auf das experimentelle “Biopic” “I’m Not There” von Starregisseur Todd Haynes über Bob Dylan und einen Dokumentarfilm über den weniger bekannten New Yorker Cellisten Arthur Russell, welche die Reihe von Filmen über Kultmusiker in den nächsten Monaten fortsetzen.

Neu im Kino:
“Control” von Anton Corbijn
Filmstart: 10. Januar 2008
(Fotos: Pressefotos/Dean Rogers)
(zuerst erschienen in langeleine, dem Onlinemagazin für Hannover)
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