Junge Bands und Musiker/innen aus England verbindet man heutzutage mit NME-gehypten Rockbands oder Dubstep- und Drum’n'Bass-Künstler/innen. Der 27jährige Frank Turner ist ausgezogen, das Erbe seiner musikalischen Vorfahren aus den 80ern und 90ern weiterzutragen, die ihr Wurzeln in der britischen Folktradition, aber auch im US-amerikanischen Singer-Songwritertum haben. Und natürlich im Punk.
Mit seiner Single „Long Live the Queen“ kam er nicht nur einen Schritt näher an sein Ziel, den perfekten Song zu schreiben, sondern schaffte auch den musikalischen Durchbruch in England. Jetzt will er auch das Publikum auf dem Kontinent überzeugen.
Als jemand versuchte, mir deine Musik schmackhaft zu machen, hat er dich mit Billy Bragg und Paolo Nutini verglichen. Würdest du das unterschreiben?
Na, mit Paolo Nutini wär ich mir nicht so sicher, aber Billy Bragg ja: Ich bin mit Punk Rock in England groß geworden. Und Billy Bragg ist einer der größten Songwriter und eine kulturelle Ikone in England. Und ich bin auch jemand, der aus dem Punk kommt und dann angefangen hat mehr Folkmusik zu spielen. Das heißt, ich werde für den Rest meines Lebens mit Billy Bragg verglichen werden. Aber ich schätze seine Arbeit und habe sicher große Anleihen an dem, was er macht. Aber besonders auf der neuen Platte würde ich Springsteen und die Levellers als meine größten Einflüsse bezeichnen.

Frank Turner / Foto: Barbara Mürdter
Die meisten jungen Leute in Großbritannien wollen doch heutzutage Drum and Bass machen, oder irgendwas in der Richtung. Was reizt dich an deinem Genre?
Es gibt eine Menge Underground-Punk in England. Ich begann in Hardcore Bands und da gab es eine gute Szene. Und dann gibt es durch das Internet vielleicht heute auch weniger spezifische nationale Szenen. Townes Van Zandt, Gram Parsons, Springsteen und Counting Crows sind alles große Einflüsse für mich. Ich will die Musik dieser Leute nehmen und sie auf eine englische Art machen, weil ich nicht so tun will, als wäre ich Amerikaner.
Für mich klingt das, was du machst sehr traditionell britisch, wobei ja auch die britischen Musiker vor dir von US-amerikanischer Musik beeinflusst worden sind.
Mich interessiert Tradition sehr, bezüglich Musik oder auch der Nationalkulturen. Ich bin nun ganz klar kein Nationalist, der mit der Fahne wedelt, aber ich bin nun mal durch und durch englisch. Mich interessiert meine Nationalkultur und es ist mir wichtig, dass meine Platten englisch klingen. Wenn du das so hörst, ist das ein Kompliment für mich.
Wo bist du aufgewachsen und hast Musik kennengelernt?
In Winchester in Südengland, eine sehr schöne kleine, mittelalterliche Stadt. Meine Eltern sind beide Musikliebhaber, aber sie glauben, Musik ist ab 1900 zu Ende. Also gab es von da keine Popmusik. Aber als ich elf war, war ich im Haus eines Freundes und da hing ein Poster von Iron Maidens „Stranger in A Strange Land“. Ich dachte: Ein Zombie-Cowboy aus der Zukunft – das ist das Coolste, was ich je gesehen habe. Dann sagte er mir, das sei eine Band. Mir war vorher nie klar gewesen, dass Musik so cool sein kann. Über Metal bin ich dann zu Punk und dann zu Hardcore gekommen. Die Punkrock Hardcore-Szene wurde so zu meiner verschwendeten Jugend. Oder besser meine sehr gut verbrachte Jugend.
In den letzten sechs, sieben Jahren habe ich mich dann mit einem breiteren Musikspektrum beschäftigt. Die Levellers war eine Band, die mir schon meine ältere Schwester vorgespielt hat, ebenso wie die Counting Crows und ein bisschen Beatles. Das hatte ich ein bisschen vergessen, als ich so mit 18 ein selbstgerechter Punkrockkrieger war. Als dann meine letzte Hardcore-Band zerbrach wollte ich etwas Neues zu machen. Ich wollte auch nicht mehr in einer Band spielen, weil die Banddynamik meine ganze Band kaputt gemacht hat.
War das eine Band, von der du sprichst, oder mehrere?
Nein, hunderte! Als ich 19 war haben die Leute schon einfach eine Band gegründet, weil sie einen coolen Namen hatten, zu dem sie gern auch eine Band haben wollten. Es gab aber eine spezielle Band, Million Dead, mit der ich vier Jahre auf Tour war. Wir haben zwei Alben rausgebracht und es lief nach unserem Maßstab ganz gut. Nur am Ende wollten wir uns alle gegenseitig umbringen. Da mussten wir uns trennen.
Lebst du als Vollzeitmusiker oder hast du noch andere Jobs oder Berufungen?
Ja, ich lebe als Vollzeitmusiker und habe noch lange nicht vor, mich zurückzuziehen. Ich toure etwa 300 Tage im Jahr, gebe Interviews oder bin im Studio. Für mich sind die alten Bluesmusiker wie B. B. King Vorbilder: Das ist meine Arbeit und ich finde es ermutigend das so zu sehen. Ich arbeite hart und werde dafür bezahlt. Ich mache mein eigenes Tourmanaging. Ich bin ein „Arbeiter-Musiker“ – das ist für mich wichtig.

Frank Turner / Foto: Barbara Mürdter
Du erzählst Geschichten in deiner Musik, so wie in „Long Live the Queen“. Was ist Dir daran wichtig?
Ich erzähle gern Geschichten. Leute fragen mich immer, wieviel Fiktion in diesen Geschichten ist und ich sage keine. Nicht weil ich was gegen Fiktion habe, sondern weil ich einfach schlecht dabei bin. Ich bin echt schlecht, wenn ich versuche, mir Geschichten auszudenken. Ich toure seit elf Jahren und es ist glaube ich meine Art mit Dingen umzugehen – darüber zu schreiben.
In diesem Song speziell geht es um eine Freundin von mir, einer der lebendigsten Menschen die ich kannte, die ihren langen Kampf gegen den Krebs verloren hatte. Also habe ich auch darüber einen Song geschrieben. Da es ja aber ziemlich heftig ist, habe ich ihn erstmal ihren Kindern und ihrer Mutter vorgespielt um zu sehen, ob die damit zurechtkommen. Erst dann kam er aufs Album. Dann kam die Entscheidung, das als Single zu veröffentlichten. So richtig wohl habe ich mich damit zunächst nicht gefühlt und wir haben uns entschieden, den ganzen Erlös an die Brustkrebsinitiative zu spenden. Die Single wurde für mich zum Durchbruch in Großbritannien. Und ich bin sicher, wenn Lex noch irgendwo da ist, dann wird sie das sicher cool finden. Sie wäre glücklich, weil sie meine Musik immer unterstützt hat und mir geholfen hat.
Die Geschichte kommt sehr schön raus finde ich, sie wirkt nicht voyeristisch, sondern berührt. Jeder kann sich damit identifizieren.
Für mich ist der Heilige Gral des Songschreibens, etwas Kleines, Spezifisches zu nehmen und es groß und universal zu machen. Das versuche ich, und scheitere dabei oder schaffe es graduell unterschiedlich.
Wie stehst du zu politischen Songs? Viele gerade der britischen Bands oder Musiker, mit denen du verglichen wirst, sind ja sehr politisch, Billy Bragg, die Levellers…
Ich schreibe auch mal politische Songs. Aber es ist mir wichtig, dass ich kein Protestsänger oder politischer Sänger bin. Wenn du mal dieses Label an dir kleben hast ist das wie ein Albatross: Du wirst es nicht mehr los. Alle werden sich auf deine Politik konzentrieren und deine Musik ignorieren. Als Musiker will ich über meine Songs sprechen, nicht die ganze Zeit über meine Politik. Natürlich habe ich ein Forum, Dinge zu sagen. Und manchmal sind die Sachen, die ich sagen will eben auch politisch.
Um ganz ehrlich zu sein tut mir Billy Bragg manchmal Leid, weil er aus meiner Sicht ein viel besserer Songwriter ist als man ihm allgemein zugesteht, weil die meisten mit ihm nur über den verdammten Bergarbeiterstreik reden wollen. Und ich denke, „Levi Stubbs Tears“ ist einer seiner besten Songs – nur darüber will nie jemand reden. In diese Falle will ich nicht geraten.
Was bewegt dich persönlich wenn dann politisch?
Ein Song auf dem neuen Album „Poetry of the Deed“der heißt „Sons of Liberty“. Das ist ein Song über Freiheit. Das ist mein persönliches Hauptanliegen, was Politik betrifft. In Großbritannien haben wir derzeit eine Regierung, denen jedes Verständnis dafür abgeht, was Freiheit bedeutet. Als ob sie „1984“ nie gelesen hätten. Sie haben gerade diese nationale Datenbank eingerichtet, in denen sie alle möglichen persönlichen Daten sammeln. Sie fotografieren und filmen jeden 24 Stunden am Tag. Jetzt haben sie eingeführt, dass jeder, der mit Kindern arbeitet, 100 Pfund für ein Zeugnis bezahlen muss, dass belegt, das er nicht pädophil ist. Es stellte sich dann heraus, dass 11,5 Millionen Leute so einen Nachweis erbringen müssen! Völlig irre.
Und es macht mich besonders traurig, weil historisch gesehen England der Geburtsort von Freiheit als politisches Konzept ist. Dieses wichtige Erbe und diesen wichtigen Bestandteil unserer Kultur, auf den wir stolz sein sollten, haben wir jetzt verloren. Es gibt Gegenden in der Welt, die viel freier sind als wir. Das finde ich persönlich sehr tragisch. Darum geht es in dem Song. Als Engländer sage ich, wir sollten diese Tradition wieder herstellen. Genereller gesagt meine ich, die Welt sollten vorsichtig sein, und schauen was sie wegwirft.

Frank Turner / Foto: Barbara Mürdter
Gibt es ein übergreifendes Thema für das neue Album, das dich bewegt hat beim Schreiben?
Der Ausgangspunkt des Album war: Ich habe einen Freund namens Jay, der auch ein englischer Folksänger ist. Ein alter Song von mir heißt „Me and My Friends“. Das ist ein ziemlich pessimistischer Song, der davon handelt, das wir Musiker niemals bis zum Ende unseres Arbeitslebens diesen Beruf werden machen können, in ganz furchtbaren Jobs landen werden und unsere Enkel mit Geschichten langweilen werden, wie cool wir mal waren. Jay hat mich daraufhin gefragt: Warum sollten wir mit dem Leben, das wir führen wollen, aufhören müssen, wenn wir älter werden? Das konnte ich ihm nicht wirklich beantworten. Wenn es also überhaupt ein Thema für das Album gibt, ist es die Suche nach einem Weg, auf eine aufregende Art alt zu werden, und mit 50 noch genau so viel Spaß zu haben wie man ihn mit 21 hatte.
Die Antwort darauf ist – und ich glaube das sehr stark und singe viel darüber –, das Leute selber verantwortlich sind, wie ihr Leben aussieht. Henry Rollins sagt in der Einführung zu „Get in the Van“: Ich bin ein Durchnittstyp mit Durchschnittsintelligenz und ich habe über harte Arbeit das erreicht, was ich bin. Wenn ich das erreicht habe, stellt euch vor, was ihr schaffen könnt. Das ist für mich die inspirierendsten Aussage, die ich je gehört habe. Genauso sehe ich das auch. Manchmal kommen Fans meiner Musik an und sagen: Hey, ich könnte auch gern, was du kannst. Meine Antwort ist: Du kannst das auch, du musst nur hart arbeiten. Das ist eine der übergreifenden Botschaften des Albums. Du kannst aus dir machen, was du sein willst. Zumindest wenn du ein junger Mensch bist, der im 21. Jahrhundert im Westen lebt. Du brauchst nur harte Arbeit, Leidenschaft und Selbstvertrauen. Ist das vielleicht auch politisch? Möglicherweise.
Das ist leicht, das in deinem Alter zu sagen, oder wenn man tatsächlich erfolgreich war wie Rollins. Aber viele Leute, die es versucht, werden dann mit 40 feststellen, dass sie immer noch nicht weiter gekommen sind und dass das wohl auch nichts mehr wird.
Letztens habe ich einen englischen Folksänger gesehen, der ist um die 60. Der spielt noch immer für 150 Leute pro Show. Die meisten Musiker in dem Alter sind entweder auf Reunion-Tour oder spielen in Stadien. Ich fand es sehr inspirierend zu sehen, dass er noch immer das macht, was er mit 21 gemacht hat. Er kommt immer noch mit ganz wenig Geld klar, schläft auf dem Boden. Das ist ihm egal, weil er das macht, was er machen will. Für mich war das der Beweis, dass er Musik aus den richtigen Gründen heraus macht. Weil er nicht nach einer Limousine und einer Villa in Beverley Hills strebt, sondern Menschen unterhalten will. Das meinte ich mit dem „Arbeiter-Musiker“-Ding: Ich betrachte meinen Job als Unterhalter, und sorge dafür, dass die Leute, die zu meinen Shows kommen, sich gut amüsieren. Das ist für mich der tollste Job der Welt. Das will ich bis ins Alter machen und glaube, dass das klappt. Zumindest werde ich es versuchen.
Geht es dir in deiner musikalischen Entwicklung um eine technische Verbesserung oder willst du auch verschiedene Stile und Klänge ausprobieren?
Naja, ein bisschen bin ich musikalisch ja schon gereist bisher und habe gelernt zu sagen: Sag niemals nie. Vielleicht mache ich ja in fünf Jahren Progressive Techno-Platten, wer weiß. Eher wohl nicht, aber hätte mir jemand vor zehn Jahren erzählt, dass ich mal Folk mache, hätte ich wahrscheinlich laut gelacht.
Technisch will ich mich schon verbessern. Mein Hauptschwerpunkt ist das Songwriting. Ich habe diesen Glauben, der zurück auf Dylan geht, das es sowas wie den perfekten Song gibt. Den streben wir alle an und niemand wird er je gelingen. Mir geht es nicht darum, der technisch perfekteste Gitarrist zu sein, oder der modernste. Das überlasse ich Leuten, die Progrock spielen oder jede andere Musik, in der es um Innovation geht. Das ist völlig in Ordnung, aber nicht mein persönliches Interesse. Alle seit Dylan haben den perfekten Song gesucht – und irgendwann findet ihn mal jemand (lacht)!
Was würdest du jetzt spontan sagen – wer kam dem perfekten Song bisher am nächsten?
Springsteen. „Thunder Road“ ist das Näheste am perfekten Song, was ich in meinem Leben gehört habe. Als ich den das erste mal gehört habe, musste ich für den Rest des Tages erstmal alles andere abblasen und ihn mir immer wieder anhören. Ich kann noch immer nicht genug davon bekommen. Er ist so unglaublich perfekt! Springsteen hat da überhaupt ein paar gute Treffer im Spitzenbereich gelandet. Dylan auch. „Song to Woody“ ist einer meiner absoluten Lieblingssongs. Daraus werde ich mir tatsächlich demnächst ein paar Worte auf den Unterarm tätowieren lassen. Er sagt in dem Song: I’m leaving tomorrow, but I could leave today. Das ist mein Ethos.
Passt – du bist immer unterwegs. Wie organisierst du das für dich? Hast du eine Art Homebase irgendwo?
Offiziell lebe ich noch bei meiner Mutter in Winchester. Ich weiß aber gar nicht, wann ich das letzte Mal da war und wann ich wieder hinkommen werde. Das Büro meines Plattenlabels in London ist mein zweites Zuhause. Ich habe Glück damit gehabt, dass ich mit 16 auf etwas gestoßen bin, dass ich liebe und gut mache. Das heißt touren. Ich meine damit nicht, dass ich der tollste Musiker der Welt bin, sondern dass ich einfach auf dem Boden schlafen kann, im Bus, aus einem Koffer leben kann. Ich finde es super, lebendig und unterwegs zu sein. Die erste Single des neuen Album heißt „The Road“. Es ist ein Liebeslied für die Straße, für ein Leben, wo man jeden Tag woanders ist. Für mich ist es die beste Art zu leben.
Also nichts mit fester Freundin und Familiengründung…
(lacht) Meine Freundin finde meine Art zu leben nicht so toll, aber dazu ein andermal. Vielleicht sehe ich das in zehn Jahren auch anders. Aber jetzt mit 27 bin ich mir sicherer, dass es das für mich ist, als mit 21. Es gibt das Klischee, dass man von den Orten gar nichts sieht, wenn man auf Tour ist. Das stimmt schon, aber man trifft Menschen und redet mit Leuten aus aller Welt. Letztlich war ich in Moskau und russische Politik und Geschichte interessiert mich sehr. Es war so spannend, mit den jungen Russen über ihre Weltsicht zu sprechen. Und ein paar Wochen später war ich in New York und haben mit den Leuten über Obama oder sowas geredet. Und jetzt sitzen wir hier in Berlin!
Radiobeitrag
[audio:http://popkontext.de/wp-content/uploads/2010/03/ndrimfo_turner.mp3|titles=ndrimfo_turner]
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