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Young Marble Giants: „Es hat funktioniert, weil die Formel so eng war.“

Im Februar 1980 erschien eine Platte auf dem Londoner Label Rough Trade, das nicht nur damals einschlug wie eine Bombe, sondern längst zu einem Klassiker avanciert ist, der junge Bands bis heute beeinflusst: Colossal Youth, das Debüt und bisher einzige Album der Young Marble Giants. Die Band kam aus dem abseits vom popkulturellen Schuss gelegenen Städtchen Cardiff in Wales. Ein Jahr hatten sie im stillen Stübchen mit verbissenem Ehrgeiz an dem minimalistischen Meisterwerk gearbeitet. Sie wollten sich mit den simplen, zum Teil (unabsichtlich) reggaeartigen Riffs, dem kühlen, distanzierten Gesang und der kaum hörbaren Drummachine im Hintergrund nicht nur von der als langweilig empfundenen, altmodischen R & B-Szene ihrer Heimat abgrenzen, sondern vor allem vom wilden, lauten Londoner Punk.

Nachdem die Band ihre 15 Minuten am Pophimmel hatte, ging sie, vom unerwarteten Erfolg überfordert, auseinander. Obwohl die drei Mitglieder weiter Musik machten und auch hin und wieder zusammenarbeiteten, wurde keinem ihrer weiteren Projekte ein nennenswerter Erfolg beschert. Jedoch riss in all den Jahren die Nachfrage nach den Young Marble Giants nicht ab. 2003 bekamen sie ein konkretes Angebot, ein neues Album zu machen. Das gibt es bis heute nicht, aber die Band begann, zur Freude der alten und neuen Fans, zu gewählten Anlässen wieder mit dem alten Material aufzutreten.

Im folgenden, sehr ausführlichen Interview sprechen Bandkopf, Gitarrist und Keyboarder Stuart Moxham und Sängerin Alison Statton über die Entstehungsgeschichte des Albums, die sozio-kulturelle Lage im Großbritannien der späten 70er, ihren Erfolg und ihre Trennung und darüber, was nach der Reunion anders ist.

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Allison Staton, Stuart Moxham / Foto: Barbara Mürdter

Lass uns zunächst einmal zurückgehen in die späten 70er. Kannst Du beschreiben, wie die gesellschaftliche Situation damals aussah, aber auch die musikalische Szene, die euch umgeben hat?
Stuart Moxham: Die musikalische Lage war sehr konventionell. Punk Rock war da, aber er drang sehr langsam nach Westen durch, nach Wales. Es war ein Londoner Phänomen. Aber es gab eine Grundstimmung von Jugendrebellion. Viele Leute zogen sich merkwürdig und lustig an und so. Wir wollten also Aufmerksamkeit für unsere Musik erreichen, indem wir das Gegenteil von dem machten, was um uns passierte – indem wir leise waren, und sehr minimal, mit extrem kurzen Songs. All diese Faktoren waren absichtlich so gestaltet, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Wie sah es damals in Cardiff dann aus – musikalisch ist also nicht so viel passiert, wie du gerade sagtest.
SM: Musikalisch ist natürlich schon was passiert, aber nichts Interessantes. Ehrlich gesagt war ich auch nicht der Typ, der viel zu Konzerten ging. Da gab es nicht viel. Ich habe mehr Platten gehört.

Alison Statton: Wir hatten Freunde, die Musik machten. Das war für mich am inspirierendsten. Die waren auf diesem Compilation-Album (Anmerkung: Is The War Over? / Z Block Records, Oktober 1979), zu dem wir auch ein paar Tracks beigesteuert haben. Ein paar Leute waren gerade aus der Gegend von Cardiff in die Stadt gezogen. Die waren ziemlich politisch. Die haben uns beigebracht, unabhängiger und zu sein und mehr selbst zu machen und haben uns die Möglichkeiten eröffnet, Musik selbst aufzunehmen und zu produzieren. In ihrem Umfeld trafen wir einige Bands, die ziemlich experimentell waren.

Die gängige Musik, die um uns war, war Rock’n'Roll und R&B. In dem Bereich gab es recht gute Leute in Cardiff, aber alles war auf einen bestimmten Stil festgelegt. Im Underground bewegte sich etwas, aber man konnte nicht in Clubs gehen und sich das anschauen, weil sie nicht gebucht wurden. Es war die traditionellere Musik, die von den Kneipen- und Clubbetreibern gebucht wurde.

SM: Wir waren der Anfang einer Phase, wo etwas Interessantes zu passieren begann.

Wie habt ihr dann mitgekriegt, was so passierte? Auch über das Radio? Oder war es nur John Peel, der die neue Musik spielte?
SM: Ja, John Peel war unser Retter!

AS: Ja, er war die einzige Verbindung zu dem, was im Rest der Welt passierte, in London. Bei ihm haben wir herausgefunden, was los war und was es Neues gab.

Gab es noch andere Sachen im Radio außer ihm?
SM: An Radio Luxemburg erinnere ich mich noch. Das war es dann aber auch.

AS: So viel Radio habe ich zu der Zeit auch nicht gehört.

SM: Mehr Fernsehen – da gab es den „Old Grey Wistle Test“. Und auch „Top Of the Pops“ war gut, auch wenn es Charts-Zeug war. Aber es sind immer wieder interessante Dinge in die britischen Charts gekommen. Die waren berühmt dafür, dass da ungewöhnliche Sachen auftauchten und recht erfolgreich waren.

Ein paar Leute waren gerade aus der Gegend von Cardiff in die Stadt gezogen. Die waren ziemlich politisch. Die haben uns beigebracht, unabhängiger und zu sein und mehr selbst zu machen und haben uns die Möglichkeiten eröffnet, Musik selbst aufzunehmen und zu produzieren.

Sicher habt ihr auch den NME gelesen?
SM: Vor den YMG war ich in einer Coverband namens True Weel. Die hatte mein Freund Matthew Davis gegründet. Wir haben uns eine Wohnung geteilt. Er hat mir auch das Gitarrespielen beigebracht. Der las den NME und hat ihn mir nahe gebracht. Wir haben ihn jede Woche bekommen und war also Teil meiner Wahrnehmung. Aber das meiste Neue kam tatsächlich vom Platten hören. Vielleicht einmal die Woche hat man ein neues Album von jemandem gehört. Ich kann mich z.B. an die Sparks erinnern, die waren damals groß! Das war für mich die Hauptinspiration – Platten.

AS: Bei mir waren es auch Platten, oder was Freunde vorgespielt haben. Es war oft dieses gemeinsame Hören. Viel von dem kam als Anregung von anderen, als dass ich von mir aus viel selber entdeckte. Es war mehr ein Hören von Sachen, die aus allen Ecken kamen als eine Auswahl an Dingen, die ich wirklich spannend fand.

Generell ist ja Musikentdecken und sich darüber profilieren eine Jungssache, bis heute. Gab es viele Frauen, die sich in Cardiff in dieser Szene bewegten und auch selbst Musik machten?
SM: Frauen mögen Musik genauso wie Männer. Sie gehen ganz sicher genauso viel zu Konzerten wie Männer. Eine Menge Frauen kamen auf die Bildfläche: Debbie Harry und Patti Smith in den USA…

AS: In Cardiff gab es nicht so viele, ein, zwei. So in der Art von Debbie, Moira (von der Band Moira and The Mice). Leute, die wir kannten, die sich dafür einsetzten – ja man könnte sagen, eine aktivere Rolle in der Musik zu spielen, ihr eigenes Material zu schreiben, und zu planen, welche Musik sie machen werden. Erst als wir dann bei Rough Trade waren, lernten wir Leute wie die Raincoats kennen, Lora Logic…

SM: The Slits…

AS: The Slits, ja – ein Haufen Leute, die so aufgetreten sind, dass es keine Frage gab…

SM: […] feministisch zu sein. Der erste Gig, den wir in London spielten, da erinnere ich mich daran, dass Alison einen Notenständer mit zwei Fotos, die das Publikum sehen konnte. Eins davon war von Arnold Schwarzenegger. Im Publikum waren radikale Feministinnen. Die haben dich immer wieder mit Zwischenrufen provoziert, weil du ein Bild von einem Mann auf dem Büchlein hattest. Das war für uns schockierend, weil es ganz unschuldig war. Oder eigentlich ironisch. Wenn du eine junge Frau bist, denkst du doch nicht „Oh, Arnie!“, oder?

AS: Weil er auch so absolut doof aussah. Da ist ihnen in dem Fall die Ironie entgangen.

Wie seid ihr eigentlich als Band zusammengekommen und habt angefangen, eure Sachen aufzunehmen?
SM: Mein Mitbewohner Matthew Davis brachte mir damals wie gesagt das Gitarrespielen bei. Ich war da sehr enthusiastisch und habe es dann meinen Bruder Phil und ein paar anderen Leuten beigebracht. Dann bin ich eine Weile aus Cardiff weggezogen. Als ich zurückkam, spielte Phil Bass in einer Band mit Matthew. Die brauchten einen Sänger. Da habe ich gesagt, ok, ich singe dann. Alison und ihre Freundin Louise waren die Backgroundsängerinnen. Diese Band hieß True Wheel. Wir spielten viel in Cardiff und das lief ganz gut. Dann löste sich diese Band auf und wir suchten nach der nächsten Sache.

Und ich wollte meine eigenen Lieder spielen – das ging mir auf wie eine Offenbarung. Also haben wir drei uns zusammengesetzt und einfach angefangen. Es hat ein Jahr gedauert, alle Songs zu schreiben und zu entscheiden, welche wir aufnehmen wollten. Dann borgten wir uns eine Menge altes Equipment zusammen (lacht): Ein riesiges Mono-Bandaufnahmegerät, Ex-BBC, und ein uraltes Bändchenmikrofon. Wir mussten ja wissen, wie wir klingen. Während man selber singt und spielt, kann man es nicht objektiv hören. Deshalb machten wir eine Bandaufnahme, um nicht zu sagen diverse davon.

Eines Tages haben wir dann unsere besten Sachen zusammengesucht und sind in ein Produktionsstudio der BBC, was es in unserer Nähe gab. Wir haben die Techniker gefragt, ob sie uns diese Musikauswahl zusammenschneiden können. Sie machten es, meinten aber, wir würden unsere Zeit verschwenden. Das wurde dann „Colossal Youth“. Ich arbeitete damals als Security-Mann bei Virgin Records. Ich dachte, ok, lass uns ein Poster machen und ein paar Kassetten, die damals neu und sexy waren. Wir haben dann 30 Kassetten gemacht, und das Cover als Kartoffeldruck. Die haben wir dann im Laden verkauft. Wir waren nervös, weil unserer Musik so anders war und das Publikum in Cardiff nicht einfach. Sie sind sehr deutlich, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Also waren wir sowieso unsicher, unsere Musik live zu spielen. Wo es nun aber diese Kassetten gab, würden zumindestens ein paar Leute wissen, was sie erwartet und kommen, weil es ihnen gefällt.

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Stuart Moxham / Foto: Barbara Mürdter

Diese Kassetten kosten jetzt bestimmt einige tausend Pfund auf Ebay…
SM: Wir haben dieses Masterband ja unter dem Namen „Salad Days“ als CD wiederveröffenlicht. Also hat es jeder.

Aber es ist ein Sammlerstück! Nochmal zurück: Habt ihr eigentlich mit der Coverband schon ähnliche Musik gemacht wie mit den YMG?
AS: Nein, wir haben Cover gespielt, mit einer viel größeren Band, es gab Gitarrensolos wenn man es so nennen mag (lacht). Das war ziemlich konventionell, wir haben in den Kneipen und Clubs gespielt, das, was da angesagt war. (zu Staton) Ein bisschen waren wir aber weg von der Norm, oder?

SM: Ja, es war eine gute Songauswahl. Matthew hat die ausgesucht. Wir haben sowas wie Velvet Unterground, „Sweet Jane“, und die Stones und Stevie Wonder, oder „Black Magic Woman“. Lustiger Weise wusste ich lange nicht, von wem das war, weil ich die Platte nie gehört hatte. Rückblickend war das Gute an der ganzen Sache, dass wir das Basishandwerk dadurch gelernt haben, ohne dass jemand drauf geachtet hat. Wir machten ja nur Cover! So lernt man das Bühnenhandwerk, wie man das Mikro hält, wie man spielt und mit einem Publikum umgeht und all das, ohne zu sagen: He, hier sind wir und das ist unsere Musik, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Man lernt so in einem sicheren Umfeld.

Ich finde es interessant, dass ihr erwähnt, dass R&B so wichtig war im Repertoire. Das habe ich auch aus Bristol gehört…
SM: Ich habe mal diesen Artikel im NME gelesen. Da ging es darum, dass in Städten mit Schwerindustrie tendenziell auch harte Musik kommt. Cardiff ist genau wie Sheffield eine große Stahlstadt. Und Cardiff ist auch ein großer Hafen. Und eine Menge Kohle ist aus den Walisischen Bergen durch Cardiff gekommen. Es gibt auch riesige Papiermühlen, solche Sachen. Es ist wie das Ruhrgebiet – viel Schwerindustrie. Die größte Band in Cardiff war Status Quo – alle finden das toll (macht den Sound nach). Das war es: Laut und lustig! Blues war groß, alles US-amerikanische Musik, solche Bands wie Little Feet. Das war der Kontext. Und wenn du einiges von unserer Musik genau anhörst, ist es eigentlich Blues, nur etwas anders geordnet.

Ich wollte eigentlich auch auf den Einfluss schwarzer Musik hinaus. Wie hoch ist eigentlich der schwarze Bevölkerungsanteil in Cardiff?
AS: Wir haben einen Hafen, da konnte man in den Docks in einen ganz fantastischen Club namens Casablanca gehen. Die hatten auch Livemusik und eine gemischte Besucherschaft mit einem großen Anteil von Leuten aus der Karibik, die in den Docks leben. Man konnte da die tollste Musik hören und einige der Tänzer waren nicht von dieser Welt! Als wir da mal mit True Wheel gespielt haben war da dieser eine ältere Typ, damals schon in seinen 50ern, mit seinem Trillby, (zu Moxham) erinnerst Du Dich, aus den Docks? Der hat so fantastisch getanzt! Ja, in den Docks gab es eine interessante Musikszene.

SM: Cardiff hatte genau wie Liverpool immer schon einen ethnischen Mix weil es einen riesigen, lebendigen Hafen hatte, schon seit Jahrhunderten. Da gab es nie große Rassenkonflikte, weil jeder daran gewöhnt war, Leute aus aller Welt zu sehen. Es gab eine sehr gesunde Kultur ethnischer Mischung.

Cardiff hatte genau wie Liverpool immer schon einen ethnischen Mix weil es einen riesigen, lebendigen Hafen hatte, schon seit Jahrhunderten. Da gab es nie große Rassenkonflikte, weil jeder daran gewöhnt war, Leute aus aller Welt zu sehen. Es gab eine sehr gesunde Kultur ethnischer Mischung.

Ich denke es wird immer unterschätzt, welchen Einfluss schwarze Musik auf Punk und Postpunk in England hatte.
SM: Das ist interessant, weil viele Leute zu uns sagen: Ihr müsst einen Reggae-Einfluss haben. Aber ich hatte nie Reggae gehört, höchstens mal Bob Marley.

AS: Erst als wir mit den YMG das erste Mal auf Tour waren haben wir sowas gehört. Also später.

SM: Vorher kannte ich echt nur Bob Marley. Das hat mich sofort aufgerüttelt. Ich fand auch sein Englisch wunderbar, das Patois. Ansonsten war ich mit Reggae nicht vertraut, außer dem frühen Zeug wie Desmond Decker und „Moonstomp“, Sachen aus den späten 60ern. Also gab es irgendwo jamaikanische Musik, auch in den englischen Popcharts. Aber wenn man sich das anhört, ist das nicht wie Reggae. Die haben da Streichersätze drauf, bei „Young, Giftet and Black“ und sowas. Das war kein Roots-Reggae.

Als wir mit unserer Europatour auf den Kontinent kamen, hörten wir die ganze Zeit aber Joe Gibbs & The Professionals’ African Dub Chapter 1. Ich bin die ganze Tour gefahren, und das hat mich wach gehalten. Wir sind in Holland auf einen Flohmarkt gegangen und ich habe ich zwei große Basslautsprecher gekauft und sie mit Draht an den Fenstern am Auto angebracht. Alison schlief im Auto, so ein kleiner Van mit dem ganzen Campingzeug drin. Und ich hörte die ganze Zeit mit diesem „Pang, Pang Pang“! Und natürlich geht Mariuana-Rauchen Hand in Hand mit dem Dub. Ich habe jahrelang Dub gehört! Aber es hatte keinen Einfluss auf unsere Musik (YMG). Obwohl: “Eating Noddemix” ist fast wie Reggae.

Was mir jetzt in der Show aufgefallen ist als Unterschied zur Platte, ist dass man das Schlagzeug sehr stark gehört hat. Da habt ihr doch einen Drumcomputer benutzt, oder? Ich fand, das hat das Ganze jetzt noch ein wenig moderner klingen lassen, ohne dass das Album altmodisch klingen würde.
SM: Das klingt lauter durch die Mikrofone. Auf der Platte ist es ziemlich leise. Es diente nur, um den Rhythmus zu halten. Aber Andrew (Moxham, der jüngere Bruder) ist natürlich ein Drummer und man kann ihn schlecht bremsen.

AS: Ich glaube der Hauptunterschied ist, dass wir uns sehr an die Drummaschine angepasst haben, wenn wir spielen. Sie ist eine gnadenlose Maschine. Da durfte es keinerlei Schwankungen geben. Sie läuft eine bestimmte Zeit und man wusste: Wenn man es vermasselt, war das Drumband irgendwann vorbei. Man musste sich also nach ihm richten, und dann hörte es an einem bestimmten Punkt auf. Songs hatten also eine bestimmte Ordnung mit einem klaren Ende, wo dann der nächste Drumtrack kam. Wenn wir dann mit Drew spielen, kontrolliert er das Tempo. Der Sound und der Rhythmus, den er spielt, ist exakt das Original von der ursprünglichen Drummaschine. Der Unterschied ist, dass er das menschliche Timing hat, das bei ihm völlig perfekt ist, aber es ist immer noch von einem Menschen. Das entspannt auch uns etwas. Man bekommt das Gefühl, dass man atmen kann.

Wie fühlt es sich überhaupt an, diese Songs nach 30 Jahren wieder aufzuführen? Es wirkte, als ob es euch wirklich Spaß gemacht hat!
AS: Es hat uns Spaß gemacht. Es ist immer schön wieder hier zu sein und das Publikum war absolut großartig. Das Einzige, was ich bedauere war, das ich kein Deutsch in der Schule gelernt habe – ich hätte gern mehr mit dem Publikum kommuniziert.

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Alison Statton / Foto: Barbara Mürdter

Wann kam für euch eigentlich der Punkt wo euch klar wurde, dass das Album eine Kultplatte geworden ist?
AS: Ehrlich gesagt habe ich das immer noch nicht so richtig verarbeitet. Ich bin immer noch erstaunt. Ich glaube, das kommt so in kleinen Wellen, das einem das mehr und mehr bewußt wird.

SM: Irgendwie wussten wir es. Weil am Anfang, als das Album erschien, hatten wir derart unglaublich gute Kritiken bekommen, für die man die eigene Oma verkaufen würde. Die ganze Presse und wir wussten auch, dass es sich richtig gut verkauft, und die Shows – wir haben als Vorgruppe gespielt und die Hauptbands vergrätzt, weil wir angesagter waren als sie.

Wer zum Beispiel?
SM: Sage ich nicht! (lacht) Das war ein bisschen wie Bob Marley – der hat auch Bands vergrätzt. Dann war Rough Trade zu dieser Zeit das angesagteste Plattenlabel des Planeten – und wir waren aus Wales! Die haben uns gesagt: Wir finden gut, was ihr macht – kommt vorbei! Jeff Travis sagte: Was würdet ihr gern machen? In dem Gespräch sagten wir dann: Wir würden gern ein Album machen. Wenn man ein Album auf Rough Trade rausbringt, werden die Leute es sich anhören und uns bemerken. Das hat uns alles gesagt: Wir haben etwas Richtiges gemacht. Aber ich gebe dir (zu Statton) da Recht: Die tatsächliche kulturelle Wirkung, die es hatte…

AS: …ist die Tatsache, dass die nächste Generation es für sich annimmt. Ganz junge Leute, die es für sich entdecken.

SM: Ich wollte damals unbedingt, dass da war daraus wird. Aber ich hätte nie geträumt, dass auch nur der erste Erfolg so kommt. Es war eine völlige Überraschung, unfassbar. Ich war davon ausgegangen, das nichts passieren wird, weil noch nie jemand in Cardiff sowas gemacht hat. Ich dachte damals ernsthaft darüber nach, nach Berlin zu ziehen. Ich dachte, ich bin jetzt 25, ich weiß nicht, was ich mit meinem Leben machen will, ich bin nicht übermäßig glücklich und fühle mich in dieser Welt isoliert und entfremdet.

Wie kam es dass sich die Band trotz dieses Erfolgs dann so plötzlich aufgelöst hat?
SM: Auf gewisse Weise war es wegen des Erfolgs. Wir haben wie gesagt ganz stark versucht, diesen Erfolg zu erlangen, aber nie geglaubt, dass er kommt! Als er dann da war, hat er uns völlig auf dem falschen Fuß erwischt. Plötzlich waren wir in Berlin. Plötzlich waren wir in New York. Wir hatten keinen Plan, was wir als nächstes machen wollen, keinen Plan für den Erfolg und keinen für den nächsten Schritt. Phil und Alison waren zusammen und sie trennten sich. Ich war in einer Beziehung mit Wendy Smith, die einiges vom Artwork gemacht hat und mit uns auf Tour war – und wir trennten uns.

Also war es auf der persönlichen Ebene wirklich schwierig. Wir hingen die ganze Zeit auf einem Haufen und dann ging es die ganze Zeit um uns herum: Oh, die Young Marble Giants (macht bewundernden Laute). Irgendwie wollten wir da nicht sein. (zu Statton) Und wir kamen nicht so toll miteinander klar…Jetzt verstehen wir uns Bestens – wir sind Freunde und deshalb hat es gestern Abend auch so viel Spaß gemacht! Da ist soviel Zeit inzwischen vergangen und wir sind…(zögert) viel erwachsener. Wir wissen auch zu schätzen, was wir haben. Wenn man jünger ist, denkt man: Ist doch egal.

AS: Persönlich kann ich sagen: Als ich beim ersten Mal mit den Young Marble Giants gespielt habe, war ich völlig in meinem eigenen Kopf, in meinem eigenen Ego. Ich hatte kein Gefühl dafür verstehen zu wollen, wie sich die Anderen um mich fühlten. Ich habe nur gesehen, dass es für mich nicht funktionierte. Das habe ich nicht nach Außen getragen, aber das ging in mir ab. Ich fühlte Schmerzen, habe aber die Kämpfe und Schmerzen der anderen nicht wahrgenommen, ihre Unzufriedenheit mit der Situation. Wenn man älter wird und etwas nicht funktioniert, versucht man im Ganzen zu verstehen warum nicht, eher als so eine Mir-geht-es-nicht-gut-hol-mich-hier-raus.

Als ich beim ersten Mal mit den Young Marble Giants gespielt habe, war ich völlig in meinem eigenen Kopf, in meinem eigenen Ego. Ich hatte kein Gefühl dafür verstehen zu wollen, wie sich die Anderen um mich fühlten.
Generell war ich noch nicht aufgewacht, war noch keine eigene Persönlichkeit. Ich befand mich noch in einer schmerzhaften jugendlichen Entwicklungsphase.

Generell war ich noch nicht aufgewacht, war noch keine eigene Persönlichkeit. Ich befand mich noch in einer schmerzhaften jugendlichen Entwicklungsphase. Das war bei mir sicher später als bei heutigen Teenagern – die bewältigen viel mehr Sachen viel früher. Wenn ich mir meine Kinder anschaue, haben die viel mehr Kontakt zur Welt. Ich glaube, Jugendliche sind heute viel mehr darüber im Klaren, wie die Welt so abläuft. Sicher ist ein Teil von ihnen auch noch damit beschäftigt zu entdecken, wer sie sind. Das behalten sie dann wahrscheinlich eher in sich. Ich habe mich damals auf der Bühne nicht wohl gefühlt, und auch in meiner Beziehung nicht, weil ich mich in mir selbst nicht wohl gefühlt habe. Das hatte sicher eine großen Auswirkung auf…

SM: Das ist interessant, das zu hören. Das wusste ich gar nicht. Ich glaube, es gab eine Menge Spannungen zwischen uns dreien. Aus allen möglichen Gründen – das eingeschlossen. Ich würde da absolut zustimmen. Ich habe mich auch so gefühlt. Ich war in meiner eigenen kleinen Welt und habe an meiner Agenda gearbeitet. Ziemlich gnadenlos und recht gemein zu Dir in der Beziehung (zu Statton). Ich weiß noch, wie ich dich mal zum Weinen gebracht habe, weil ich dich aus der Gruppe drängen wollte.

AS: Ja, an einem Abend hast du mich beim Weinen gesehen…Aber nicht oft.

SM: Es tut mir Leid. Aber ich war damals absolut verzweifelt. Ich war 25 und war ein Desaster. Ich wollte keine (bürgerliche) Karriere und wusste nicht, was ich mit meinem Leben machen soll. Und ich habe es immer gefühlt…ich weiß noch, als ich so 17 war sagte meine damalige Freundin: Wann heiraten wir, Stu? Und ich habe sie wirklich geliebt! Da habe ich so eine Panik bekommen und das war es dann. Ich hatte danach Albträume, dass wir aus dem Auto steigen und dann in die Kirche gehen.

Ich weiß nicht warum, aber ich hatte das Gefühl, dass es mein Schicksal wäre, irgendwas zu machen. Das gehörte alles dazu. Das Projekt war alles für mich, absolut alles! Ich war sehr ehrgeizig und darauf fokussiert. Und ziemlich rücksichtslos mit Menschen, mit Alison, mit Phil. Man sagt, dass man Spannungen in sich haben muss, um kreativ zu sein. Und ich glaube, das stimmt. Zudem haben wir nie mit einander darüber gesprochen. Es war ein Tabu zu kommunizieren. Das macht alles sehr schwierig.

Der letzte Gig, den wir gespielt haben, war in New York, in einem Club namens Hurrah. Dann haben wir uns in das Flugzeug nach Heathrow gesetzt und nichts gesagt. Das war es dann. Nichts von: Ich bin total angepisst und wir trennen uns jetzt! Kein Streit, nichts. Wir haben einfach aufgehört. Jetzt sind 30 Jahre vergangen…

Wie habt ihr dann wieder zusammengefunden nach all der Zeit?
SM: So richtig böse Gefühle gab es zwischen uns niemals. Ich habe dich (zu Statton) immer wieder gefragt, ob du für mich singst und habe auch immer mit Phil gearbeitet. Also sind wir musikalisch in Verbindung geblieben. Und dann gab es einen Menge Druck auf uns. Die Leute wollten wissen, was wir machen, und haben E-Mails geschickt. Sie wollten etwas mit uns machen. Können wir das Album in Kambodscha veröffentlichen? Spielt ihr in London? Sowas. Also konstante Angebote, etwas zu machen.

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Philip Moxham / Foto: Barbara Mürdter

Ich hatte ein bisschen die Nase voll davon, und eines Tages schrieb ein Typ und fragte, ob wir was machen könnten. Ich schrieb zurück, wenn uns jemand das Geld dafür gibt können wir sicher ein neues Album machen. Und da er aus den USA war, hat er gehandelt. Er meinte, da sei Jemand von Sonic Youth, der unsere Sachen mag, und uns einen Plattenvertrag und alles verschaffen würde. Daraufhin habe ich Alison und Phil angerufen und gesagt, was haltet ihr von der Idee, dass wir ein neues Album machen? Wir haben uns in einem Pub zusammengesetzt, etwas gegessen und gesagt: Ja. Das war 2003. Es war, als ob keine Zeit dazwischen vergangen war, nicht mal eine Zehntelsekunde.

AS: Besser. Es war, als ob keine Zeit vergangen war, aber vieles von dem ganzen Müll war weg, das Unwohlsein, keine Zeit zu haben, keine Pause zu machen.

SM: Ich seh das jetzt als Teil der ganzen Geschichte, muss ich sagen. Und der Zufall wollte es, dass im März 2003, nachdem wir dieses Treffen hatten, BBC Radio Wales meinte, sie wollen eine Dokumentation über uns machen. Das war, als ob wir kosmische Strahlen ausgesandt hätten: Wir arbeiten, wir arbeiten. Wir haben dann sogar einen neuen Song dafür aufgenommen. Dann hatte uns Rough Trade gefragt, ob wir zu ihrem 25. Jubiläumskonzert spielen würden. Das fand nie statt, aber wir hatten zugesagt. Also hatten wir das Gefühl, wir müssten jetzt ein Konzert geben. Da haben wir 2007 auf dem Hay Festival in Hay-on-Wye gespielt, dem Literaturfestival, als Domino dann die Platten neu rausgebracht hat.

Arbeitet ihr sonst noch als Musiker oder was macht ihr?
AS: Ich bin Chiropraktikerin. Das ist mein Haupt-Brotjob. Eigentlich arbeite ich auch noch an einem anderen Projekt namens Spike, und mit der Band Weekend. Wir sollten eigentlich wieder was machen, aber es ist alles eine Zeitfrage. Ich schreibe Sachen, aber ich nehme gerade nicht auf und mache auch keine anderen Auftritte als mit den Young Marble Giants.

Ihr seid jetzt 30 Jahre älter, habt euch persönlich weiterentwickelt, aber auch musikalisch. Wie fühlt es sich an, mit dem alten Material aufzutreten?
SM: Zunächst waren da all diese emotionalen Erinnerungen an die Vergangenheit, ich persönlich hatte Angst, wieder damit anzufangen. Das alte Gefühl von Unwohlsein kam zurück. Aber eben weil wir mit unserem Leben ein Stück weiter sind, konnten wir das wegschieben. Und live zu spielen: Das Publikum ist so wichtig dabei und wir hatten so tolles Publikum! Und auch die Tatsache, dass wir ein neues, jüngeres Publikum haben, hat uns geholfen, Spass dran zu finden, die Musik zu spielen.

Und ich bin auf das, was wir gemacht haben, auch wirklich stolz. Und ich habe jetzt auch eine Sicherheit dabei, weil man den Erfolg, den die Sachen hatten, nicht mehr wegnehmen kann. Ebendsowenig wie all diese tollen Menschen, die sie zu uns gebracht haben. Und das ist für mich das Allerbeste: Die Menschen, die wir kennen lernen.

Das Projekt war alles für mich, absolut alles! Ich war sehr ehrgeizig und darauf fokussiert. Und ziemlich rücksichtslos mit Menschen, mit Alison, mit Phil. Man sagt, dass man Spannungen in sich haben muss, um kreativ zu sein. Und ich glaube, das stimmt. Zudem haben wir nie mit einander darüber gesprochen. Es war ein Tabu zu kommunizieren.

AS: Mir ging es ähnlich. Zuerst fühlte es sich sehr merkwürdig an, als wir die Songs wieder gespielt haben. Und in gewisser Weise kamen sie automatisch. Das zeigt, wie tief sie eingedrungen waren. Sie waren alle komplett wieder da, als ob wir sie gestern gespielt hätten. Was wir damals falsch gemacht haben ist es, das wir drei Leute zu viel Zeit zusammen in einem kleinen Raum verbracht haben, und die Musik für uns gespielt haben. Der Unterschied ist, dass wir uns heute treffen, einmal durch die Songs gehen und dann raus und spielen sie vor Leuten.

Es ist also viel mehr der Prozess des Teilens mit Anderen als das Analysieren und sich in unserem eigenen kleinen Kreis verlieren. Das macht einen Riesenunterschied. Auch wenn wir das 1980 letztendlich auch gemacht haben, waren die Young Marble Giants die meiste Zeit drei Leute in einem Raum. Jetzt sind da schon viel mehr Leute: Familie, Freunde. Wenn wir auf Tour sind, sind oft andere Menschen dabei. Die bringen einfach andere Themen rein, mit denen man sich beschäftigt.

Inwiefern hat das Auswirkungen auf die Show? Oder ist das schwer zu sagen, weil ihr ja nicht die Außenperspektive habt?
AS: Wenn es sich innerlich anders anfühlt, muss sich das auch nach außen spiegeln. Einerseits fühlen wir uns auch verantwortlicher, andererseits fühlen wir uns entspannter, weil wir zufriedener sind mit dem, wer wir sind.

MS: Ich denke, es gibt subtile Unterschiede. Wie den Drummer, der jetzt dabei ist. Und wir haben auch nicht mehr exakt die gleichen Instrumente wie damals. Das ist für mich frustrierend. Ich hätte gern diese alte Gitarre und das Keyboard. Gestern hat uns jemand ein Foto gegeben, an das sich niemand von uns erinnern konnte. Man schaut sich das an und merkt man das erstmal wieder: Mein Gott, das ist heute so anders!

Du hast ja danach auch weiter Gitarre gespielt und deinen Stil weiter entwickelt!
SM: Das war ein sehr interessanter Teil am Prozesses des wieder Zusammenfindens: Herauszufinden, wie habe ich damals gespielt? Das war das einzige Mal, dass ich für eine elektrische Gitarre geschrieben habe. Ich hatte einen Stil, bei dem ich nur zwei oder drei Saiten gespielt habe. Also sind die Akkorde sehr einfach, aber auch sehr zentral. Wenn man seine Finger also solang hält anstatt solang, hat man einen völlig anderen Akkord.

Da ich keine Noten lesen kann, musste ich mir das nochmal von der Platte abhören, weil ich mich nicht erinnern konnte. Und das Keyboard ist noch schwieriger, weil es alles lange Noten sind, also voll ausgehalten. Man denkt dann: Was war das nochmal? Ich habe ein ganzes Jahr gebraucht, diese ganz einfachen Akkorde wieder herauszufinden. Damals war das das Beste, was ich konnte. Jetzt scheint es so unendlich einfach. Aber es hat funktioniert – irgendwie (lacht)!

Ich habe während der Show manchmal darüber nachgedacht, wie ihr es schafft nicht peinlich zu sein wie viele andere Bands, die nach langer Zeit wieder zusammenfinden, sondern wirklich so rüberkommt, als wäre es gestern gewesen.
SM: Ich denke da an die alten Bluesmusiker, oder die Rolling Stones. Ich fühle mich wohl mit meinem Alter, das ist mir so egal. Ich bin immer noch der selbe Musiker, nur ist eben Zeit vergangen. Ich bin nun sogar ein besserer Musiker und weiß viel mehr darüber.

Nun ja, die Rolling Stones werden ja inzwischen auch peinlich. Und mit den alten Bluesmusikern ist das nochmal was anderes. Ich denke, es ist unglaublich schwierig für eine Rockband, in Würde zu altern. Und noch schwieriger, nur eine tolle Platte gemacht zu haben und sie nach so langer Zeit wieder aufzuführen.
SM: Die Musik ist das Ah und Oh. Die Musik hat sich als sehr zeitlos herausgestellt. Wir haben großes Glück, dass es ein Werk ist, dass nicht so furchtbar nach 80er-Jahre-Gefühl klingt. Es ist auf eine Art leer, die Songs sind ganz einfach gehalten. Also hat das überlebt.

AS: Und auch textlich hat es überlebt. Das klingt auch nicht wie eine bestimmte Zeit. Manchmal, wenn man auf etwas zurückschaut, was man vor 20, 30 Jahren mochte, denkt man, die Texte sind ganz schöner Müll. Oder dieses Musikstück. Aber die sind immer noch stark.

SM: Viele von ihnen handeln von inneren Erfahrungen, vom internen Gefühlsleben. Von Begehren, Frustration, Traurigkeit, all diese universellen menschlichen Themen.

AS: Um sowas geht es ja oft in Musik, aber sie sind nicht kitschig formuliert. Das Meiste von dem, was du geschrieben hast, drücken sie auf eine künstlerische Art aus, die funktioniert.

SM: Danke!

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Andrew Moxham / Foto: Barbara Mürdter

Habt ihr jetzt als Gruppe irgendwelche Pläne für die Zukunft? Das zweite Album, von dem du gesprochen hast ist doch nicht erschienen oder habe ich da was verpasst?
SM: Nein, nein. Du bist völlig auf dem Laufenden (lacht). Ich weiß es nicht, ist die Antwort. Wir wollen schon. Vielleicht kommt es. Aber wir wollen nicht drängen. Wir haben erstmal Spaß an dem, was jetzt passiert. Und ich glaube, dieser wichtige Prozess, dass wir zusammen kommen und etwas machen, und das wir dabei soviel Unterstützung erfahren, ist eine sehr positive Erfahrung.

Und uns wird glaube ea allen klar, dass es eine sehr zerbrechliche Erfahrung ist, in einer Band zu sein. Wir haben eine furchtbar schwierige Scheidung hinter uns und wollen das nicht nochmal erleben. Werden wir auch nicht, weil wir eine Ecke klüger sind. Also kann es passieren – aber die beste Art damit umzugehen ist aus meiner Sicht, das zu genießen, was jetzt passiert und zu sehen, was kommen wird. Ich glaube, wir sind noch immer eine spezielle kreative Einheit und wir können noch ein wirklich gutes Album machen, ohne unseren Ruf zu zerstören.

Es muss dann anders klingen. Es ist auch der Fakt, dass wir musikalisch einen so viel weiteren Horizont haben. Da gibt es Musik aus aller Welt, historisch gesehen mehr, und wir können mehr. Bei den Young Marble Giants ging es darum, genau zum Kernpunkt der Songs zu kommen. Dieser Prozess, weil er so herb war, die Formel so eng, dadurch hat es funktioniert. Da anzuknüpfen ist natürlich sehr schwierig, weil es so eine starke Philosphie ist. Wir hatten damals eine sehr starke Haltung. Wie siehst du unsere musikalische Zukunft, Alison?

AS: Ich sehe das auch so ähnlich wie du. Wenn wir es machen, muss es anders klingen, und es wird schwer sein, nochmal so etwas Starkes zu machen. Aber ich glaube, wir haben immer noch das Potential. Es geht nur um das Selbstvertrauen und die Zeit. Wir hatten damals so unendlich viel Zeit! Das ist nicht mehr so. Und in diesem kreativen Prozess, wenn man da wieder reinkommt, da braucht man mehr Zeit dafür!

Das ist ja leider eine generelle Sache. Auch für junge Musiker heutzutage. Die stehen schon von Anfang an unter diesem Druck, schnell etwas Gutes abliefern zu müssen oder sie sind weg vom Fenster. Das hat Ed Sanders von den Holy Modal Rounders auch mal geschrieben, dass die damals unglaublich viel Zeit hatten. Die haben dann auch mal einen Job gekündigt, weil sie wussten, dass sie sofort wieder einen kriegen, wenn sie Geld brauchten. Auch von englischen Freunden habe ich ähnliches über die 60er gehört. War das zu eurer Zeit immer noch so?
SM: Als ich in den 70ern aus der Schule kam, gab es noch Vollbeschäftigung. Und dann kam plötzlich die Massenarbeitslosigkeit. Das System war sehr großzügig. Wir konnten leben, wenn auch sehr, sehr ärmlich, und mussten nicht arbeiten. Damit hatten wir die Zeit, das zu machen. Rückblickend betrachtet war das fast wie eine staatliche Förderung von Kreativität. Sie wollten nicht absichtlich Massen an tollen britischen Bands produzieren, aber genau das passierte.

Mitte der 70er gab es noch Vollbeschäftigung. Und dann kam plötzlich die Massenarbeitslosigkeit. Das System war sehr großzügig. Wir konnten leben, wenn auch sehr, sehr ärmlich, und mussten nicht arbeiten. Damit hatten wir die Zeit, das zu machen. Rückblickend betrachtet war das fast wie eine staatliche Förderung von Kreativität. Und dann stellten sie fest, dass die Musikindustrie der zweitgrößte Industriezweig Großbritanniens ist.

Und dann stellten sie fest, dass die Musikindustrie der zweitgrößte, unsichtbare Industriezweig Großbritanniens war. Heutzutage kann man nicht einfach für zehn Jahre arbeitslos sein. Man muss arbeitssuchend sein, muss seiner Akte entsprechendeinen Job finden wollen und bekommt nicht einfach all das Geld, das wir bekommen haben oder kann nicht zur Uni gehen und ein Stipendium bekommen. Da haben sich die Zeiten sehr geändert.

AS: Ich habe zwar gearbeitet, aber ich hatte keine anderen Verpflichtungen, keine Familie, keine Kinder. Meine Beziehung war in der Band. Und ich hatte damals auch noch die Energie, morgens um 6.30, 7 Uhr aufzustehen und bis eins oder zwei im Proberaum zu sein, und das ganze am nächsten Tag wieder, meine ganze Freizeit. Und auch der Job, den ich machte. Ich habe das schon ordentlich gemacht, und hatte auch Spaß daran, aber nach Feierabend habe ich ihn einfach völlig vergessen. Meine jetzige Arbeit ist mehr ein Teil meiner Selbst, ich kann da nicht mehr so einfach abschalten.

Verfolgt ihr eigentlich noch, was aktuell musikalisch passiert oder ist das nicht mehr so wichtig für euch?
AS: Ich schon. Ich habe Kinder im Teenageralter und da ist das Haus jeden Tag damit erfüllt. Und vieles gefällt mir durchaus. Das Radio ist auch oft an. Radio 6 Music, die spielen wirklich eine gute Auswahl an Musik. Die Kinder streiten sich dann gern, was sie hören wollen. Auch viel mittelmäßiges Zeug, was ich grauenhaft finde. Aber selbst das ist ok, weil ich darüber erfahre, welche Musikstile gerade angesagt sind momentan. Dabei bin ich vielleicht auch ein wenig analytischer als früher und verstehe, warum ich das schlecht finde und das gut oder warum das in mein Unterbewusstsein gekrochen ist, ohne dass ich es eingeladen hätte.

SM: Ich glaube, dass Musik eine weitaus geringere Rolle in der Kultur spielt als früher. Musik war damals die Sache schlechthin. Jugendkultur wurde von Musik verkörpert. Jetzt ist sie wie ein Accessoire zu Computern und Computerspielen, zu Drogenkonsum und Raves – allem, was junge Menschen so machen. CDs gibt es umsonst und die ganze Plattenindustrie verschwindet. Also ein weiterer fundamentaler Wandel. Aber die ewige Wahrheit wird sein., dass Songs eine absolute Notwendigkeit im Leben eines jeden Menschen bleiben werden. Jeder hat für sein Leben einen Soundtrack.

Warum glaubst du, dass Musik unwichtiger geworden ist?
SM: Teilweise wegen Drogen, weil es in den späten 80ern, frühen 90ern Tanzmusik geworden ist. Songwriting verschwand fast. Und ich denke auch, die Musikindustrie, die ja sehr konservativ ist, hat nach Punk hart durchgriffen – nahm alle Postpunkbands unter Vertrag, schuf Pseudo-Independentlabels, und hat die guten Sachen, die passierten, fast völlig zerstört. Und weil andere Sachen gekommen sind, die wichtiger geworden sind. Computerspiele sind so angesagt heute. Das machen die Jugendlichen heute die ganze Zeit. Und das Internet. Es gibt überall Musik, am Telefon, in den Computerspielen und in Filmen – überall. Aber es ist nicht mehr die Sache schlechthin wie zu unserer Zeit. Seit den Beatles war es das, was man machte. Es war die sexieste, wertvollste kulturelle Aktivität als wir aufwuchsen.

Musik ist einfach omnipräsent heutzutage. Alle kulturellen Ausdrucksformen sind omnipräsent.
SM: Entwertet.

AS: Ja, das passiert irgendwie mit allen Sachen. Alles wird entmysthifiziert. Filmen, Bildende Kunst…überall wo man hinschaut. Alles wird auf eine Stufe runtergebrochen.

SM: Das ist zum Teil auch die Technologie.

AS: Das ist alles bis zu einem gewissen Grad auch gesund, weil man Leute nicht auf ein Podest stellt. Aber bei alldem geht auch etwas verloren.

SM: Wir werden immer Helden brauchen. Und Popmusiker sind Helden, die Selbstvertrauen und Sexyness repräsentieren. (Alison lacht). Der kleine Junge geht in den Plattenladen und kauft Britney, weil er sie liebt. Wenn du ein Mädchen bist, denkst du, ich will sein wie sie. Sie ist selbstsicher, sie ist blond und in den Zeitungen. Deshalb willst du sie kaufen.

AS: Und sie hat keine Akne.

SM: Helden gehören zur menschlichen Mentalität. Es gibt ein Bedürfnis zu glauben, das diese Leute, die Stars, nicht die gleichen Probleme haben wie ich haben, keine mondäne Existenz. Sie sind goldene Menschen – und darüber werden Platten verkauft. Der Unterschied ist mir aufgefallen, als wir bekannter wurden, gute Kritiken bekommen haben, und die Plattenverkäufe in die Höhe gingen. Da haben dich die Leute angeschaut – nicht wie ich dich anschaue jetzt, sondern: Oh Barbara! (macht eine bewundernde Haltung nach), sie haben gesehen, was sie glauben, das Barbara ist.

Das fühlt man, das kommt zurück. Das ist Ruhm. Das verändert die Dinge. Ich weiß nicht, wohin dieses Bedürfnis nach Helden jetzt gelenkt wird. Deine Theorie ist da interessant, dass alles an Wert verliert. In der Musik entwickelt sich die Technologie so unglaublich schnell weiter. Alles ist nächste Woche schon wieder veraltet. Es gibt jetzt Computer, die alles machen können, also kann jeder Musik machen. Das heißt aber nicht, dass die Musik gut ist.

Manchmal kommen dabei schon gute Sachen raus, auch wenn viel Müll ist…
AS: Bei YouTube oder sowas kann man alles sofort bekommen. Man muss nicht zu einem Konzert gehen, weil es jemand mit seinem Mobiltelefon aufgenommen hat. Man muss das nur anklicken und bekommt einen Eindruck. Was dann fehlt, ist die ganze Atmosphäre, da zu sein. Aber man muss sich dann auch nicht die Zeit nehmen und das Geld ausgeben. Man sitzt nur vor dem Bildschirm und drückt einen Knopf. Das ist eine völlig andere Erfahrung, die aber für viele Leute normal geworden ist. Sie legen keine Vinylplatte auf, sie gehen nicht raus und kaufen CDs, die drücken nur Tasten vor dem selben Würfel oder Flatscreen oder was auch immer, tagtäglich. Also verschwimmt das alles zu einem.

SM: Meine Theorie ist, dass die Leute sich bald nicht mehr sehen werden, nicht im selben Raum, und dass man dafür zahlen werden muss. Alle Autos werden dunkle Scheiben haben, um die Privatsphäre zu sichern, dass man nicht gesehen werden kann. Und wenn man menschlichen Kontakt haben will, bezahlt man dafür, dass man die gleiche Luft kann wie andere Leute. Das wird das große Ding sein: Ich rede mit dir, und ich kann dich riechen, ich kann deine Körperwärme spüren und sehen, was du trägst, wir können uns zusammen amüsieren und etwas trinken. Dafür wird man zahlen müssen. (Alison lacht). Ich glaube, dass Technologie die Lebensqualität ruiniert.

Exakt darum geht es ja auf dieser Konferenz, „Dancing With Myself“ hier im HAU, in deren Rahmen ihr gerade gespielt habt.
SM: Wooh! Gut.

Du solltest heute Abend das Panel bestreiten.
SM: Sehr gern! Ich werde heute Nachmittag Deutsch lernen.

Ach, die können auch Englisch.

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Young Marble Giants on MySpace
Cardiffians: the Young Marble Giants Web archive.

Diskussion

2 Kommentare zu “Young Marble Giants: „Es hat funktioniert, weil die Formel so eng war.“”

  1. Danke! Ich fand das Interview auch sehr spannend und habe wohl auch ein paar Sachen gefragt, über die sie selbst noch gar nicht so nachgedacht hatten. Jedenfalls hat es eine statt wie geplant eine halbe Stunde gedauert und sie haben danach gesagt, es wäre sehr interessant gewesen. Da sind alle zufrieden – so sollte es immer sein :) . Tolle, wichtige Band auf jeden Fall!

    Gepostet von Barbara Muerdter | August 1, 2010, 03:22
  2. Wirklich spannendes Interview. Genauso wie die Musik – und das nach all den Jahren. Hab die Band erst vor kurzem entdeckt, wirklich was Besonderes.

    Gepostet von Popwolf | Juli 29, 2010, 15:58

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