„Pink Noises“ – so der Buchtitel – ist neben der offensichtlichen Konnotation (rosa seit Mitte des 20. Jahrhunderts in der westlichen Welt als Farbe des akzeptierten Weiblichen, Noise als Lärm, Krach, Geräusch) auch ein Begriff aus der Akustik, ähnlich dem „White Noise“, dem Weißen Rauschen (nähere technische Erläuterung). Die New Yorker Autorin, Wissenschaftlerin und Musikerin Tara Rodgers findet es bezeichnend, dass dieses Rosa Rauschen zwar als Referenzsignal in Aufnahmestudios eingesetzt wird, also essentiell wichtig ist, aber bei den Aufnahmen zumeist herausgehalten wird.
Ähnliches stellte Rodgers nämlich in der Geschichtsschreibung der elektronischen Musik fest: Die sowieso schon recht wenigen Frauen, die in dem Bereich aktiv und zum Teil wegweisend waren, kamen im offiziellen Diskurs gar nicht vor. Beispielhaft ist hier ein Dokumentarfilm von 1998, sogar von einer Frau gedreht: „Modulations: Cinema for the Ear“, der den Anspruch erhebt, die Geschichte der elektronischen Musik zu erzählen, kommt ganz ohne eine einzige Frau als Protagonistin aus, ebenso sind die fast 80 Informanten, mit denen über das Thema gesprochen wurde, ausschließlich Männer.

Pauline Oliveros / Foto: Barbara Mürdter
In 24 Interviews mit Frauen, die sich mit elektronischer Musik und elektronischem Sound beschäftigen – Musikerinnen, DJs, Remixerinnen, Komponistinnen, Instrumentenbauerinnen und Installationskünstlerinnen – versucht Rodgers herauszufinden, wer diese Frauen in der elektronischen Musikkultur nun sind und was sie umtreibt. Dabei geht es weniger um große Namen – Le Tigre und Blevin Blectum sind die bekanntesten – als um Künstlerinnen verschiedener Generationen und kultureller Hintergründe, um ein möglichst umfassendes Bild dieser unsichtbaren weiblichen Seite zu zeichnen. Rodgers beschäftigt sich seit Ende der 90er mit dem Thema und gründete 2000 die Webseite Pinknoises.com, aus der das Buch entstand.
In der Einleitung, die nicht nur ihre Arbeitsweise, sondern auch eine andere Sichweise auf das Thema wiedergeben soll, und ebenso eine Verbindung zwischen den Interviews herstellen will, vergibt die Autorin leider sehr viel. Der Ansatz ist sehr wissenschaftlich – der Verlag ist auch die Duke University Press – aber leider werden die komplizierten Gedankenansätze und erstmal nicht für sich selbst sprechenden Thesen oft nicht ausführt und Behauptungen nicht belegt. Diese klingen dann gerade unter dem Aspekt, dass feministisches Allgemeinplätze nicht allen Leser/innen vertraut sind und zudem besonders kritisch geprüft werden schnell wie ein Totschlagargument.
Selbst als Feministin kommt mir auch das Wort „feministisch“ mehr als einmal zu oft vor – eine argumentativ konzise geschriebene Einleitung hätte hier einen weitaus besseren Dienst geleistet, als unnötig oft die offensichtliche Herangehensweise zu betonen, selbst wenn sie ein Anschreien gegen den so genannten Postfeminismus ist, der meint, dass doch alles in Butter sei. Dass es ganz und gar nicht so ist, ist die schiere Existenzberechtigung des Buchs.
So bleiben Gedanken auf der Strecke, die es durchaus verdienten, weiter gedacht zu werden und exemplarisch sein könnten: Thesen, wie Frauen durch eine sehr stark männlich bestimmte Ästhetik und einen fast ausschließlich männlich bestimmten Diskurs von der Teilnahme an der Produktion elektronischer Musik abgeschreckt werden – und wenn sie in dem Bereich trotz aller Widerstände und mangelnder Rollenvorbilder aktiv sind, an ihrer Wahrnehmung und Akzeptanz in der Szene gehindert werden. Ebenso kommt zu kurz, was die Strategien, die Ästhetik und die Herangehensweise der Frauen ausmacht, die sich durchgesetzt haben. Das kann man dann höchstens aus den einzelnen Interviews herauslesen und selbst vergleichen.

Antye Greie (AGF) / Foto: Barbara Mürdter
Rodgers versucht sich ansatzweise in einer alternativen Geschichtsschreibung der elektronischen Musik: Sie setzt den Futuristen (leider auch nicht weiter ausgeführt, hier mehr), die gemeinhin als die ersten elektronischen Musiker gelten, die Arbeit von Clara Rockmore am Theremin seit den 20er Jahren entgegen. Leider ist das aber aufgrund des grundsätzlich unterschiedlichen ästhetischen Ansatzes dabei aber wie ein Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen und Rodgers tappt sowieso öfter in ihre eigene Falle, wenn sie vom Weiblichen und Männlichen spricht und dabei diese Dualität und die ihr zugeschriebenen ästhetischen Präferenzen akzeptiert. Trotzdem lohnt es sich zumindest für akademisch Interessierte, die Einleitung als Anregung mitzulesen.
Die leichtere und weniger ärgerliche Lektüre, die deshalb nicht weniger tiefgehend ist, sind sicher die Interviews, die den Hauptteil des Buches ausmachen. Die meisten Künstlerinnen werden sogar Musikinteressierten neu sein. Rodgers stellt sie – und ggf. auch das gemeinsame Verhältnis – kurz vor. Leider alles ohne Musik, was in diesem Fall natürlich essentiell wäre, aber wie bei anderen Buchprojekten dieser Art wahrscheinlich zu teuer geworden wäre. Da sei das Internet gelobt, und gegebenenfalls der gepflegte Fachhandel, soweit Tonträger existieren.
Die Protagonistinnen kommen dann ausführlich über mehrere Seiten selber zu Wort, in ihrer eigenen, nicht wie bei journalistischen Interviews oft stark geglätteten Sprache. Hier schlägt dann weniger die ideologische Phrasendreschmaschine zu, sondern unterschiedliche Erfahrungen und damit verbundene Sichtweisen sprechen für sich – und auch der musikinteressierte Mensch, der einfach nur etwas über die Künstlerinnen wissen möchte, kommt endlich zu seinem Glück. Diese werden zu ihrer persönliche Geschichte, ihrer Art zu arbeiten, ihrer individuelle Herangehensweise an das Genre und ihrer Auffassung von ihrer Rolle als Frau in einem männlich dominierten Bereich befragt.
Auch wenn die Autorin mit der inzwischen fast 80jährigen, aber noch immer sehr aktiven US-Pionierin Pauline Olivieros beginnt, die sich mit elektronischer Klangaufzeichnung beschäftigt, seit nach dem Krieg die ersten Bandmaschinen für den Konsumentenmarkt hergestellt worden sind und die seit Mitte der 90er digital arbeitet, geht Rodgers nicht chronologisch vor. Sie hat sechs eher abstrakte Schwerpunktthemen in den Selbstdarstellungen und der Arbeit der Künstlerinnen ausgemacht, unter denen sie die Interviews organisiert hat, z. B. „Time and Memory“ oder „Language, Machines, Embodiment“.
Trotz aller Kritik ist das Buch ist für an Musik und / oder Gender Interessierte, die sich von einer akademischen Herangehensweise und dem gelegentlichen ideologischen Holzhammer nicht abbringen lassen, eine lesenswerte Lektüre und nur der Beginn einer umfassenderen Geschichtsschreibung der weiblichen Seite der elektronischen Musik.
Die Interviewpartnerinnen: Maria Chavez, Beth Coleman (M. Singe), Antye Greie (AGF), Jeannie Hopper, Bevin Kelley (Blevin Blectum), Christina Kubisch, Le Tigre, Annea Lockwood, Giulia Loli (DJ Mutamassik), Rekha Malhotra (DJ Rekha), Riz Maslen (Neotropic), Kaffe Matthews, Susan Morabito, Ikue Mori, Pauline Oliveros, Pamela Z, Chantal Passamonte (Mira Calix), Maggi Payne, Eliane Radigue, Jessica Rylan, Carla Scaletti, Laetitia Sonami, Bev Stanton (Arthur Loves Plastic), Keiko Uenishi (o.blaat)
Tara Rodgers – Women on Electronic Music
Duke University Press
erscheint im Juni 2010 (in englischer Sprache)
Mehr Infos
Pink Noises Webseite
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