Ian Dury gehört nicht zu den Musikern, die im Zuge des Revivals der britischen Punk und New Wave-Musik in den letzten Jahren noch einmal besondere Beachtung gefunden haben. Obwohl er zweifellos zu einem der wichtigsten Protagonisten dieser Zeit zählte, war er zu sperrig, zu eigen und ja, zu britisch. Wie z. B. auch bei David Bowie besonders in seiner frühen Phase, schwang bei Dury neben musikalischen Einflüssen aus Punk, Rock, Funk und Jazz auch immer seine Liebe zur britischen Music Hall mit, einer Art Varieté-Musik, die den gemeinen Punkliebhaber besonders außerhalb des britischen Kulturkreises eher befremdet.

Andy Serkis als Ian Dury / Foto: Promo
Aber der derzeitige Biopic-Boom machte auch vor ihm nicht halt und Regisseur Mat Whitecross setzte dem 2000 verstorbenen Sänger mit dem Film „Sex & Drugs & Rock’n'Roll“ nicht nur ein Denkmal, sondern bringt ihn – wie auch eine neue Biografie von Will Birch – in die Erinnerung der Musikfreunde zurück. Der Film, der weniger eine originalgetreue Nacherzählung von Dury’s Leben ist als ein Eindruck seiner Persönlichkeit, nimmt stilistisch das Grobe und Bizarre dieser Person Ian Dury auf, ebenso wie das darunter liegende Sensible und Verletzliche.
Harte, schnelle Schnitte – teilweise mit Animationen von Dury’s einflussreichem Kunstlehrer und Freund Peter Blake – und laute, chaotische Momente werden langsamen, nachdenklichen und tragischen Passagen gegenüber gestellt. Als weiteres, zunächst irritierendes Stilmittel lässt man die Schauspieler nicht wie gewohnt der Geschichte entsprechend Altern – sie sind entweder Kind oder Erwachsene, ob zwischendurch zehn Jahre vergangen sind oder nicht. Damit wirkt der Film, wie schon die teilweise surrealistischen Animationsszenen nahelegen, ein wenig wie ein Theaterstück.
Dury war aufgrund einer Polio-Erkrankung in seiner Kindheit gehbehindert – der Film zeichnet nach, wie er die Verletzungen aus seiner Kindheit in seine Beziehungen zu anderen Menschen – seiner Band und seinen Frauen – trägt und sich einerseits völlig egozentrisch, rücksichtslos und zuweilen grausam verhält, andererseits ständig auf der Suche nach Liebe ist – und diese auf seine Art auch hin und wieder geben kann. Neben dem Persönlichen ist der Film eine Hommage an das künstlerische Schaffen von Ian Dury, das sehr eng mit seiner verschrobenen Person verwoben ist.

Nachstellung des berühmten Covers des ersten Ian Dury and The Blockheads-Albums / Foto: Promo
Die Geschichte beginnt mit einem Auftritt seiner ganz und gar nicht nach coolem Rock’n'Roll aussehenden und entsprechend erfolglosen Pubrock-Band Kilburn & the High Roads (hier ein Foto der echten Band). Dann trifft Dury (Andy Serkis) Chas Jankel (Tom Hughes), der zu seinem wichtigsten Mitstreiter werden soll. Mit einer neuen Band, den Blockheads, und unter neuem Management landet er mit „Sex & Drugs & Rock & Roll“ auf dem ebenfalls neuen Plattenlabel Stiff Records den lange ersehnten ersten Hit, sein Blockheads-Debüt „New Boots and Panties!!” (1977) wird ein Millionenseller.
Der komische „Krüppel“, zu diesem Zeitpunkt bereits 35 Jahre alt, wird zum gefeierten und seinerzeit einflussreichen Rockstar. Zumindest eine Filmszene widmet sich hier auch explizit den Texten, in denen es nicht nur oft auf obszöne Weise um Sex geht, sondern die eine derbe, aber dichterisch herausragende Betrachtung des Lebens der britischen Arbeiterklasse sind (obwohl er zumindest mütterlicherseits aus dem Bildungsbürgertum stammte).
In diesen spielt er, nicht immer zur Freude der vermeintlich politisch Korrekten, auch häufig auf seine Körperbehinderung an. Er nennt sich selbst „Raspberry“, in der Cockney-Sprache die Bezeichnung für „Krüppel“ („Rasberry Ripple“ – Himbeer-Vanilleeiscreme – als Reim auf „Cripple“) und feiert das Internationale Jahr der Behinderten 1981 mit dem provokativen Song „Spasticus Autisticus“, das von der BBC gebannt wurde. Dieses Krüppel-Sein, zentral prägend für Dury’s Karriere und sein ganzes Leben von der Aggression gegen Andere bis zum unbedingten Willen zum Ruhm, dient dem Film als Leitmotiv und Metapher.
Dury hatte jedoch als Musiker nicht nur Schwierigkeiten, jenseits des Musters seines Hits „Sex & Drugs & Rock & Roll“ innovativ zu komponieren, sondern er vergraulte durch sein provokatives und zum Teil bösartiges Verhalten bald wichtige Kollaborateute und war vom Starruhm genervt – weshalb der Film folgerichtig auch Anfang der 80er endet, als Dury’s kreativste Schaffensphase vorbei war und er als alkohol- und pillenabhängiger Rockstar in einem Hotel lebend sein Umfeld tyrannisierte. Diesem Negativbild wird allerdings auch ein liebevoller, zumindest streckenweise gereift wirkender Dury entgegen gesetzt, der sich für behinderte Kinder einsetzt.

Der echte Ian Dury (1978) / Foto: Wikipedia
Ian Dury-Darsteller Andy Serkis, der auch das Gollum im Herrn der Ringe gespielt hat, beweist hier wieder seine Fähigkeit, ein sehr eigenes, sensibles und komplexes – in diesem Fall menschliches – Wesen überzeugend zu verkörpern. Alle anderen Figuren dienen dazu, die Hauptfigur zu zeichnen. Der Schmerz aber auch die Liebe, die der manipulative Schürzenjäger Dury bei seinen Frauen auslöste, wird nachvollziehbar anhand der schauspielerischen Leistung von Olivia Williams als Durys ersten Ehefrau Betty und Naomie Harris als die exemplarisch für diverse Liebhaberinnen stehende Freundin Denise. Zentrale Handlungsträger, die helfen, sich Dury zu nähern, sind auch sein wichtigster Kollaborateur Chas Jankel stellvertretend für die Blockheads (Tom Hughues) und sein Sohn Baxter (der heute 15jährige Bill Milner). Letzterer überzeugt vor allem durch seine Wandlung vom schüchternen, angepassten Grundschüler zum rebellischen Teenager. Die Filmmusik stammt neben den Originalsongs vom echten Chaz Jenkel, der Co-Autor vieler Blockheads-Hits war und dessen Weggang 1979 den Anfang vom Ende von Dury’s innovativer Schaffensphase markierte.
Während die Blockheads dem Film kritisch gegenüber standen, u. a. weil die Musik zu wenig und die persönlichen Beziehungen Dury’s zu stark Beachtung fanden (Interview bei The Quietus), war Baxter Dury unter dem Strich trotz der schonungslosen Darstellung seines Vaters zufrieden. Er fand nur einiges übertrieben und sagte dem Guardian: „Ich mache mir Sorgen, dass die Leute denken, dass wir eine Art Rock’n'Roll Experiment waren, aber wir waren eine ganz normale, glückliche Familie.“ Andererseits unterstützt er die Aussage des Films vollkommen, in dem er zitiert, was einmal über seinen Vater gesagt wurde: „Er war wie ein schön eingerichtetes Hotel, auf der eine Seite mit Blick auf einen Traumstrand, auf der anderen Seite mit Blick auf den Gaza-Streifen.“
Filmstart war in Großbritannien der 8. Januar 2010, für Deutschland gibt es noch kein Datum. Der Film wurde als Deutschlandpremiere auf der Berlinale 2010 gezeigt.
Termin
Der Film wird auf dem In-Edit Musikfilmfestival in Berlin gezeigt:
Dienstag 5.4.2011 20:45 Moviemento 2
Freitag 8.4.2011 23:00 Moviemento 1
Sonntag 10.4.2011 22:15 Moviemento 1
Kino Moviemento, Kottbusser Damm 22, Berlin
Ankündigung bei In-Edit (English)
Sex&Drugs&Rock&Roll Trailer from Sex&Drugs&Rock&Roll on Vimeo.
Mehr Infos
Webseite des Films
Webseite Ian Dury
Ian Dury, The Definitive Biography von Will Birch (hier eine Zusammenfassung)
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