No Wave war ein zeitlich und lokal begrenztes kulturelles Phänomen der späten 70er, frühen 80er in New York, das jedoch tiefe Spuren in der Popkultur hinterlassen hat. Zumeist verbindet man es heutzutage mit Musik – zu diesem Thema erschienen in den letzten Jahren verschiedene Bücher und junge Bands beziehen sich auf die Zeit. Dass es auch eine rege Filmszene gab, aus der auch bekannte Regisseur/innen wie Jim Jarmusch und Kathryn Bigelow hervorgingen, ist zumeist vergessen und die Produktionen verstauben in privaten Mottenkisten.
Im vergangenen Jahr hat sich der Kulturkritiker Christian Höller daran gemacht, eine einzigartige Show mit diesen Filmen zusammenzustellen. Sie wurde bisher in Teilen auf dem Internationalen Kurzfilmfestival in Oberhausen und jüngst in Wien gezeigt (Popkontext berichtete) und soll auch in weiteren Städten zu sehen sein. Wir sprachen mit Christian Höller über seine Suche nach den verschollenen Filmen und darüber, was er an ihnen so reizvoll findet.

Christian Höller, Kurator der No Wave Filmreihe / Foto: Philipp Brugner
Interview: Philipp Brugner
Wie entstand dein Interesse an No Wave-Filmen?
Christian Höller: Das war hauptsächlich mit der Musik verbunden. Ich habe als Jugendlicher die Ausläufer von No Wave noch mitbekommen: 1977/78 war ich zwar noch zu jung, aber ab etwa 1980 hörte ich Sachen von Lydia Lunch, Arto Lindsay oder John Lurie, die stark präsent waren und eine bahnbrechende Art von Musik gemacht haben. Dieses Interesse für die damalige Zeit ist bis heute erhalten geblieben. Wichtig war auch die „No New York“-Platte 1978 und alle, die darauf versammelt sind – ein Festival, bei dem Brian Eno als Gast dabei war und kurz darauf eine inzwischen legendäre Compilation gleichen Namens herausbrachte.
Vieles ist in der Zwischenzeit in Vergessenheit geraten, aber ab den späten 1990er Jahren hat ein großer Wiederentdeckungsboom im Zuge der Revival- und Retrokultur eingesetzt. Damals wurde auch begonnen, den Post-Punk aufzuarbeiten.
Zusätzlich habe ich mich noch im Zuge der Ausstellung „Bad Painting“ 2008 im Wiener Mumok mit der Thematik auseinandergesetzt, bei der ursprünglich auch Crossover-Kulturen wie eben die der späten 70er Jahre in New York beleuchtet werden sollten. Ich begann zu recherchieren und bin drauf gekommen, dass es damals nicht nur Maler wie Jean-Michel Basquiat, Julian Schnabel oder Robert Longo gab, sondern ein ganzes Netzwerk von miteinander in Verbindung stehenden Figuren, die auf die eine oder andere Art künstlerisch aktiv waren.
Dabei bin ich auf die Filme gestoßen und habe gemerkt, dass sich hier ein ganz neues Feld auftut: Es hat nicht nur die No Wave-Musik gegeben oder diese Art von wilder, „schlechter“ Malerei Ende der 70er Jahre, die dann zu neoexpressionistischer Malerei wurde, sondern auch eine Filmszene, die zum größten Teil aus denselben Leuten bestand. Nur, dass es diese Filme irgendwie nicht mehr gab.
Das war dann wahrscheinlich ein zusätzlicher Anreiz, zu versuchen, die Filme zu bekommen und zu zeigen?
Natürlich. Ich habe begonnen zu recherchieren und bemerkt, dass es genau einmal, nämlich vor 14 Jahren, im New Yorker Whitney Museum, eine größere Schau gegeben hat. Diese nannte sich auch „No Wave Cinema“, hatte aber einen erweiterten Rahmen – sie ging bis in die späten 80er Jahre. Bis auf Ausnahmen, wo z. B. bei Festivals einzelne Arbeiten auftauchten, gab es seither nie mehr eine größere Zusammenstellung.
Ich habe mich gefragt, warum diese Filme so gänzlich von der Bildfläche verschwunden sind und ob es nicht wieder mal an der Zeit wäre, sie zu zeigen. Dazu kam, dass in den letzten Jahren mehrere historische Studien über die No Wave-Musik herauskamen, z. B. das Buch von Marc Masters. Und weil das ganze eine verflochtene Geschichte zwischen Film, Musik, Kunst und anderen Sparten war, hatte das Kapitel über No Wave-Film einen ganz selbstverständlichen Platz in dem Buch. Danach kam das Buch von Thurston Moore und Byron Coley, “No Wave: Post-Punk. Underground. New York. 1976-1980“, in dem sie Leute der damaligen Zeit befragt haben und die Geschichte dieser Downtown-Community als Oral History nacherzählen.

Der britische Musiker Brian Eno als Gast beim No New York Festival (im Hintergrund James Chance). Die gleichnamige Compilation, die er daraufhin herausbrachte, wurde legendär. / Foto: Julia Gorton aus No Wave. Underground. New York 1976-1980
Es gab im vergangenen Jahr auch noch den Dokumentarfilm „No Wave – Underground ’80 Berlin New York“, den Christoph Dreher für Arte gemacht hat. Und heuer bei der Berlinale den Film „Blank City“, der von der jungen Französin Céline Danhier gedreht wurde. Auch hier wurde das Kino des No Wave in den Mittelpunkt gerückt, neben vielen Interviews mit den Protagonisten. Gleich wie bei Dreher fehlten aber die Filme selbst. Es waren immer nur ganz kurze Szenen zu sehen. Dies war der letzte Anreiz, diese Aufgabe in Angriff zu nehmen.
Grundsätzlich also die Erkenntnis, dass man zwar versucht, den Zusammenhang zwischen Film und den anderen Sparten darzustellen, es aber einfach am Filmmaterial selbst fehlte? Zunächst verbinden die meisten ja No Wave mit Musik.
Ja, speziell bei der Musik gibt es fast nichts, was nicht schon einmal veröffentlicht worden wäre. Im Laufe der Zeit hat man ja alles ausgegraben und sämtliche Veröffentlichungen von Gruppen wie Mars, DNA, Teenage Jesus and the Jerks oder James Chance and the Contortions usw. neu aufgelegt. Was die Filme betrifft, ist nie etwas aus den Jahren vor 1980 auf DVD veröffentlicht worden.
Wie kommt man in solchen Fällen an das Material? Hattest du persönliche Kontakte?
Das sind zum Teil kuriose Geschichten: Zunächst bin ich über das Internet auf DVD-Editionen gestoßen, die aber eher unter der Hand vertrieben wurden und nirgendwo offiziell erschienen sind. Die Leute haben irgendwelche finsteren Quellen benutzt, sind vielleicht mal in den Besitz der einen oder anderen VHS-Kassette gekommen. Die haben sie dann auf DVD überspielt und so halblegal an ihre Kreise weitergegeben.
Bis auf wenige Ausnahmen gibt es bei den Filmen keine Verleihquellen. Vivienne Dick z. B. wurde in den englischen Independent-Verleih „Lux“ aufgenommen und ihre Filme kann man von dort beziehen. Lux hat die Filme zum Teil auch online gestellt. Aber das ist wirklich die große Ausnahme: Beth B und Scott B, Eric Mitchell oder James Nares musste ich alle persönlich kontaktieren, um ihre Filme sehen zu können.
Du bist also nach New York gefahren und hast die Leute aufgesucht oder ging das alles über E-Mail?
Ich habe eine kleine New York-Tour gemacht und versucht, so viele Leute wie möglich zu treffen. Die habe ich dann versucht, von meiner Idee zu überzeugen. In der Folge haben auch alle bereitwillig mitgemacht und ihre Filme zur Verfügung gestellt. Meist waren das Ansichtskopien, die sie noch hatten.
Mit vorführbaren Kopien lag es dagegen eher im Argen: Schnell gezogene DVD-Kopien können nicht in einem Kino gezeigt werden. Hinzu kommt, dass viele der Filme schlichtweg schlecht erhalten sind. Die meisten lagern im Ende der 70er gängigen ¾-Zollformat, genannt „Umatic“, in irgendwelchen Kisten oder Privatarchiven. Diese Filme mussten für die Kurzfilmtage in Oberhausen und die Filmschau in Wien auf heute gängige Formate überspielt werden. Anders wäre es nicht gegangen.

Bette Gordon, eine der wichtigsten Filmemacherinnen des No Wave, die bis heute aktiv ist, um 1980 / Foto: Presse / Kino.com
Haben die Regisseure auch selbst das Bedürfnis verspürt, ihre Filme wieder einmal zu zeigen?
Ja, mit den einzelnen Programmzusammenstellungen und dieser Gewissheit eines umfassenden Blicks auf das No Wave-Kino haben sie sich davon überzeugen lassen, all ihre Filme zur Verfügung zu stellen.
Anfangs war noch eine Mischung aus Ängstlichkeit und Freude im Spiel. Ängstlichkeit bei einigen wenigen darüber, dass man überhaupt wieder an diesen vergangenen Sachen rühren will. Für viele Leute war es ja eine sehr traumatisch besetzte Zeit, wild und drogenversessen. Und gut die Hälfte all jener, die in den Filmen gespielt und an ihnen mitgearbeitet haben, ist heute gar nicht mehr am Leben. Viele sind an Drogen oder AIDS gestorben.
Es gab aber noch andere Bedenken – allein die Frage, wie die Filme beim heutigen Publikum ankommen würden, bereitete manchen Sorge. Heute ist man eine andere Bild- und Tonqualität gewohnt. Einen grummeligen Super 8-Ton und die entsprechend wackeligen, grobkörnigen Bilder dazu zu sehen, ist ja heute in gewissem Maße eine Zumutung.
Die Filme, die jetzt in Wien zu sehen waren, sind zum Teil schon bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen im April gelaufen. Welche Rolle hattest du dabei?
Ich war Programmkurator von vier Kurzfilmprogrammen zu No Wave. Im Vorfeld gab es berechtigte Bedenken bezüglich der Quellenlage der Filme, und mir war klar, dass ich das nicht alles im Alleingang bewerkstelligen würde können. Deswegen bin ich an das Österreichische Filmmuseum herangetreten, wo man ja beste Kontakte zu Verleihern und Archiven pflegt. Dort ist man auf meinen Vorschlag gleich eingestiegen und eine Kooperation mit Oberhausen eingegangen. Das Filmmuseum hat dann einen Großteil der Filmrecherche für Oberhausen übernommen.
Wenn du nun vergleichst: Wie kamen die Filme in Oberhausen und Wien an?
In Oberhausen war das Publikum eher gemischt, entsprechend unterschiedlich fielen auch die Reaktionen aus. Bei einem Festival setzt man sich auch wahlloser in Filme und wartet einfach mal, was da so kommt.” In Wien war das Publikum gezielter auf die Filme eingestellt. So sind in Oberhausen dann eher Leute aus einem Film rausgegangen, als das in Wien der Fall war. Bis auf einzelne Ausnahmen wie z.B. John Luries „Men in Orbit“, wo in Oberhausen ca. 1/3, in Wien dann nur einzelne den Saal verlassen haben, sind die Filme in beiden Städten generell sehr gut angekommen.
“Men in Orbit” stellt mit seinem minimalistischen Setting und einer Dauer von 45 Minuten eine Herausforderung für das Publikum dar. Da sitzen zwei Astronauten auf der Couch und feiern sich selbst, und als Zuschauer muss man eben darauf eingestellt sein, um diesen Spaß nachvollziehen zu können. Auch wird die Soundkulisse gegen Ende hin immer extremer, und man versteht kaum noch ein Wort.
Ist es bei No Wave dieses Sich-selbst-feiern der an sich krummen Akteure, das man als Zuschauer nachempfinden können muss, um die Filme zu verstehen?
Ja, speziell bei „Men in Orbit“ muss man in einer Art „Warhol-Mood“ sein: Es darf einem nicht darum gehen, viel an Handlung oder Narrativen serviert zu bekommen. Es ist die Präsenz der Schauspieler, die dann einfach mal nichts tun außer Blödsinn machen oder auch gar nicht wissen, was sie als nächstes tun sollen. In erster Linie wird ihr amateurhaftes Verhalten ausagiert.

Filmstill aus Jim Jarmuschs erstem Spielfilm Permanent Vacation / Foto: Presse
Was ich bei „Men in Orbit“ aber ganz toll finde, ist dieses verdichtete Wohnzimmersetting. Es spielt sich alles in diesem engen Raum bzw. auf der Couch ab. Dazu gibt es eine tolle Kameraarbeit von James Nares, der die Schwerelosigkeit mit bestimmten Drehbewegungen zu simulieren versucht. Und die Schauspieler haben nichts anderes zur Hand als Haushaltsgeräte, einen Fernseher und Hamburger von McDonalds. Solch ein Beispiel für eine verdichtete Szene findet sich auch in Eric Mitchells „The Way It Is“ wieder, wo ein an sich harmloses Gespräch über ein Fahrrad durch die Handlungsweise der Schauspieler nach und nach in eine ganz eigenwillige Stimmung kippt.
Ist das ein Charakteristikum der No Wave-Filme? Diese Anhäufung von scheinbar belanglosen Gesten, die auf einmal eine enorme Tragweite bekommen?
Das ist ein Zug, der immer wieder vorkommt. Man hat keine hohen Budgets, Special Effects oder ähnliche Mittel zur Verfügung, weswegen alles durch das Charakterspiel der Akteure bewältigt werden muss. Es wird auch nicht wirklich mit Schnitttechniken gearbeitet, sondern alles mehr oder minder straight abgefilmt. Auf die Performances kommt es deshalb ganz entscheidend an. Durch dieses – wie ich es nenne – „Selbstdarstellertum“ zeigen sich ganz neue Seiten, als wenn ein geübter und professioneller Schauspieler eine Szene spielt.
Schon aus der lokalen Tradition war Andy Warhol ein starker Einfluss auf das No Wave-Kino. Aber auch der Film Noir und die Nouvelle Vague werden als prägend für die No Wave-Filmszene angeführt. Sind diese Verbindungen durch die Filme wirklich herstellbar?
Zu Warhol gab es sicher starke Anknüpfungspunkte bis hin zu persönlichen Kontinuitäten. Warhol-Figuren wie Jackie Curtis, Taylor Mead oder René Ricard wurden dann z. B. auch von Eric Mitchell eingesetzt. Genremäßig geht es in vielerlei Richtungen. Der Film Noir der 40er, 50er Jahre war bei vielen ein wichtiger Hintergrund. Man sieht das, wenn die Charaktere in eine urbane kalt-abweisende Umgebung geworfen sind. Dort passiert dann ein Verbrechen. Dazu gibt es einen Detektiv, der meist ein einsamer Wolf ist und an irgendeiner Stelle auf eine Femme Fatale trifft.
Bei Amos Poe ist auch die Nouvelle Vague anfangs noch ein starker Einfluss. Das verliert sich zwar in den späteren Filmen, wobei der erste Film „Unmade Beds“ mehr oder weniger ein Remake von Godards „Ausser Atem“ ist. Man hat sich aber auch an Kostümfilmen versucht, ein Beispiel wäre „Rome 78“ von James Nares. Aber es waren auch Anknüpfungen zum Weimarer Kino da. Man hat sich jedenfalls an ganz vielen Dingen in der Filmgeschichte bedient. Den direktesten Kontakt gab es aber sicher zur Warhol-Szene. Da spielt auch der Camp-Faktor eine Rolle, bis hin zu Jack Smiths Auftritt in „The Trap Door“. In diesem Film mimt Smith einen Psychiater, der seinem Patienten noch einmal ganz überspitzt die Schlechtigkeit dieser Welt erklärt.
Kann man den Film und die Musik des No Wave überhaupt trennen? Schließlich haben die Künstler damals alles ausprobiert, ein Musiker war oft zugleich auch Maler, Filmemacher etc.
Ich glaube, das ist ein ganz zentrales Moment der damaligen Szene. Das merkt man auch den frühen Filmen sehr stark an. Fast bei allen Filmen, die 1978-79 entstanden sind, ist Musik ein entscheidender Faktor. Erstens, was die Soundkulisse betrifft. Und zweitens würde ich sogar so weit gehen, den Stil der Filme als Pendant zur Musik des Post-Punk anzusehen. Das hauruckmäßige Drauflosfilmen, ohne es technisch wirklich zu beherrschen, war Zeichen dafür, dass es vor allem um eine Direktheit des Visuellen ging. Man könnte auch sagen, es war eine „Überrumpelung“: So wie es die damalige Musik mit Tönen und Rhythmen gemacht hat, hat man das auch auf filmischer Ebene versucht.

Lydia Lunch in Vivienne Dicks Film She Had Her Gun All Ready / Foto: Presse
Spielt die Improvisation in diesen Filmen dann auch eine Rolle?
Ja, bei Vivienne Dick z.B. sind die Narrative oft erst während des Drehens zustande gekommen. Ich glaube nicht, dass davor so etwas wie ein Drehbuch existiert hat. Die Szenerie hat sich mit den Schauspielern selbst entwickelt. Bei „She Had Her Gun Already“ mit Lydia Lunch und Pat Place [Contortions / Bush Tetras] stehen die beiden Figuren gleichsam wie musikalische Riffs im Raum und improvisieren die Szene durch Anziehung und Abstoßung stetig weiter.
Mein Eindruck ist, dass Frauen im No Wave-Film sowohl als Regisseurinnen als auch Schauspielerinnen vergleichsweise stark vertreten waren. Ist das richtig?
Punk in New York war ja noch sehr männerlastig. Blondie kann man nicht wirklich als Punk-Band bezeichnen, außerdem war das eine Frau, die von vier Männern begleitet wurde. Begonnen hat das ganze aber in England, wo Frauen in der Punk-Musik eine viel größere Rolle spielten. Bands wie The Slits oder The Raincoats waren reine Frauenbands. Zeitgleich entstanden im Post Punk-Umfeld New Yorks viele Frauenbands, Ut war so ein Beispiel. Lydia Lunch als starke Figur ist ohnehin bekannt, aber auch bei den Contortions war die Hälfte der Band aus Frauen bestehend. Oder DNA von Arto Lindsay [Schlagzeugerin Ikue Mori].
Das hat sich auch im Film niedergeschlagen. Vivienne Dick ist eine der bekanntesten No Wave-Regisseurinnen, sie hat dann auch Musik gemacht und war mit Lydia Lunch in einer kurzlebigen Band namens „Beirut Slump“. Daneben produzierten Beth B, Bette Gordon oder Tina L´Hotsky, zahlreiche Filme. Erwähnen sollte man auch, dass viele Frauen aus dem Kunstumfeld kamen. Ab 1978 gab es ein Kollektiv namens „Colab“ (Collaborative Projects, Inc.), das ein ganz wichtiger Einfluss für die No Wave-Szene war und in dem viele Frauen tätig waren. Andrea Callard, Coleen Fitzgibbon oder Beth B., die in der Schau vertreten sind, gingen alle aus Colab hervor.
Nach welchen Motiven hast du die Filme ausgewählt? Wolltest du einfach alle Namen des No Wave-Films vertreten wissen?
Also alle Namen sind bestimmt nicht vertreten. Das liegt auch daran, dass in Oberhausen nur vier ca. 90-minütige Programme realisiert werden konnten. Ich musste von den vielen relevanten Arbeiten der Zeit die wichtigsten auswählen und gleichzeitig Zusammenstellungen mitüberlegen, die Sinn machen.
Ich hatte von Anfang an klare Stränge im Kopf hatte: Musik war natürlich ein wichtiger Ausgangspunkt, der Zusammenhang von Gewalt, Angst und Bedrohung oder auch die Gender- und Sexualitätsproblematik, um die viele Filme gekreist sind. Während meiner Suche wurde ich auch immer wieder auf neue Dinge hingewiesen, die mir bis dahin unbekannt waren. Bei Besuchen in Ateliers wurden mir Sachen vorgeführt, wie z. B. Arbeiten von Coleen Fitzgibbon. Sie ist eine heute eher in Vergessenheit geratene Künstlerin und Filmemacherin, die ab 1976 viele Filme gedreht und auch bei Colab eine wichtige Rolle gespielt hat. Oder als ich im Archiv der New York University war, wo einige wenige Filme aus der Zeit lagern, wurde ich zufällig auf Andrea Callards Film „11 thru 12“ hingewiesen, den ich sonst sicher nicht entdeckt hätte.
Ein toller Fund passierte auch noch, als ich beim Filmemacher Franco Marinai zu Gast war. Er hat mir einen seiner Filme vorgeführt und dann gefragt, ob ich den Film „Pompeii in New York“ von Ivan Galietti kennen würde. Ich hatte noch nie von dem Regisseur oder Film gehört. Marinai meinte dann, Galietti sei ein Freund von ihm und er könne ihn auch gleich anrufen, damit er herkomme. Er kam dann wirklich zehn Minuten später angehetzt und hatte seinen Film dabei! Es stellte sich heraus, dass der Film wunderbar ins Programm passt, und ich hatte wieder eine unerwartete Entdeckung gemacht.

Fimstill aus Ivan Galiettis Pompeii New York, in dem es um sexuelle Identitäten geht / Foto: Presse
So wurde das Programm schrittweise erweitert, und es konnten durchaus auch unbekanntere Namen in die Schau geholt werden. Ich bin mir sicher, dass man bei genügend Zeit und Mitteln noch auf weitere Sachen stoßen würde. Irgendwann musste die Zusammenstellung aber zu einem Ende gebracht werden. Durch die Kontakte in New York hat sich dann auch langsam herauskristallisiert, wo und wie man die einzelnen Filme bekommt. Bis auf eine einzige Ausnahme haben wir auch alle gewünschten Filme bekommen.
Ein besonderer Film?
Ein sehr begehrter Film. Es war der erste Film von Kathryn Bigelow mit dem Titel „The Set-Up“. Davon gibt es zwar im MoMA eine Archivkopie, aber leider hat Bigelow irgendwann die Order ausgegeben, dass er nie außer Haus verliehen werden dürfe. Dabei ist es schlussendlich auch geblieben.
Du hast ja auch in New York studiert. Welchen Einfluss hatte das auf die Schau?
Ich war 1996 bei der erwähnten Schau im Whitney-Museum. Da ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass es Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre dieses rege Treiben und Filmschaffen gab. Aber als ich von 1991-1994 dort studiert habe, war diese Art von Kino nicht besonders angesagt. Die einzigen, die es noch gab, waren Leute wie Jim Jarmusch, der ja kontinuierlich Filme machte und sehr erfolgreich war.
Wurde Jim Jarmusch zu dieser Zeit nicht schon ganz anders wahrgenommen?
Er war damals schon einer der erfolgreichsten Independent-Regisseure, und der Begriff „No Wave“ wurde nicht mehr mit ihm in Zusammenhang gebracht. Aber man wusste, dass er aus dieser früheren Downtown-Szene Ende der 70er stammte. Ich glaube, ein größeres Interesse an No Wave entstand erst im Zuge der Neuentdeckung von Post-Punk. Dazu hat auch das Buch „Rip It up and Start Again“ von Simon Reynolds seinen Teil beigetragen, wo es auch ein Kapitel über „No New York“ gibt. Aber es war ausschließlich auf Musik beschränkt.
Was ist mit den anderen Filmemachern des No Wave passiert?
Amos Poe und viele andere haben es im Laufe der 80er Jahre nicht mehr geschafft, weitere Filme zu realisieren.
War es dann mehr ein Sich-nicht-anpassen-Wollen an diesen neu entstehenden Film-Kanon oder fehlte es an den Mitteln, um weiter Filme zu drehen? Waren die No Wave-Filme nicht einfach zu trashig, um sich im Independent-Kino etablieren zu können?
Es gab nur einige wenige wie Jim Jarmusch oder Kathryn Bigelow, die weitergemacht haben. Bei ihr ging der Weg ohnehin direkt nach Hollywood, und ihre Karriere war sicher eine der erfolgreichsten, die im Umfeld von No Wave gestartet wurden. Bigelows erster Spielfilm, „The Loveless“ aus dem Jahr 1982, der von einer Motorradgang in den 50er Jahren handelt, nimmt stilistisch klare No Wave-Anleihen, und auch der in der Schau gezeigte Debütfilm von Jarmusch, „Permanent Vacation“, kommt aus diesem Kontext.
Die meisten Regisseure, wie Amos Poe, der bis 1984 noch sehr viel gemacht hat, hatten ab Mitte der 80er Jahre kaum mehr Gelegenheit etwas zu produzieren. Heute ist Poe wieder gut situiert, ist Professor an der New York University und macht immer wieder mal kleinere Filmprojekte.

D.N.A., eine der bekanntesten Bands des Genres: Ikue Mori und Arto Lindsay / Foto: Julia Gorton aus No Wave. Underground. New York 1976 - 1980
Auch Beth B hat eine typische Karriere durchgemacht. Sie hat gemeinsam mit Scott B mit sehr harten, gewaltvollen Filmen begonnen und mit “Vortex” 1982 einen größeren Durchbruchsversuch gestartet. Dafür hat sie auf Festivals und in gewissen Kreisen auch entsprechende Resonanz bekommen. 1987 hat sie mit „Salvation!“ noch einen Film gemacht, der auf ein größeres Publikum zielte. Trotzdem war dem Film kein wirklicher Erfolg beschieden, und sie ist ziemlich abgestürzt. Erst zehn Jahre später hat sie sich wieder gefangen und mit Videoarbeiten bzw. Fernsehproduktionen weitergemacht. So in etwa sind die meisten der Karrieren verlaufen.
Also sind Jim Jarmusch und Kathryn Bigelow die einzigen, die ernsthaft als Regisseure weiterarbeiten konnten?
Ja. Vielleicht noch Bette Gordon, die alle zehn Jahre einen Film macht. Erst jetzt hat sie wieder einen Film gedreht, „Handsome Harry“, der auf Festivals in Amerika ganz gut angekommen sein dürfte. Amos Poe, der in den späten 80ern noch einen Film gemacht hat, ist heute wie gesagt in erster Linie als Professor tätig, versucht aber auch immer wieder, ein Filmprojekt zu lancieren. Eric Mitchell hat nach 1984 so gut wie keinen Film mehr gemacht. James Nares, der bis 1982/83 sehr aktiv war, hatte auch eine längere Pause, bis er vor vier, fünf Jahren begann, wieder intensiver mit Film zu arbeiten.
James Nares hatte insgesamt eine sehr interessante Karriere. Bevor es No Wave überhaupt gab, hat er 1975 schon sehr minimalistische Filme gedreht. Als Musiker war er dann kurz bei den Contortions oder später dann mit Jim Jarmusch zusammen in einer Band (The Del-Byzanteens). Eigentlich war er aber bildender Künstler – heute ist er in erster Linie Maler – kam dann aber mit der Musikszene in Berührung und zum Filmemachen. In der Zeit von 1976 bis 1982 hat er sehr viele Filme gedreht. Dann dürfte er in ein größeres Karriereloch gefallen sein. Erst vor wenigen Jahren sind seine damaligen Filme wiederentdeckt und restauriert worden. Jetzt wird er wieder als Künstler geschätzt und setzt da fort, wo er vor über 20 Jahren aufgehört hat.
Zum Abschluss würde ich den Blick gerne noch einmal nach Deutschland lenken. Lydia Lunch war Anfang der 80er in Berlin und hat dort u. a. mit den Einstürzenden Neubauten zusammengearbeitet. Sie war eine der Hauptfiguren des No Wave-Films in New York. Hat No Wave verspätet auch in Deutschland eingesetzt?
Nach Deutschland gab es mehrere Verbindungen. Und das schon ziemlich früh: Von 1978 bis 1979 war Martin Kippenberger Programmplaner im Berliner SO 36. Kurz zuvor war er in New York und hat dort Leute wie Eric Mitchell, auch ein Filmemacher, kennengelernt. Er hat dann Bands wie Teenage Jesus mit Lydia Lunch nach Berlin geholt. Und es wurden auch Filme gezeigt. Somit hat No Wave in Berlin schon sehr früh eine Präsenz bekommen.
Weiter ging es dann zu Beginn der 80er Jahre, als Lunch in Berlin gelebt hat und mit den Neubauten und anderen Bands aus diesem Umfeld aufgenommen hat. In New York war No Wave damals schon wieder am Abebben, und die Filme entwickelten sich mehr in Richtung Independent-Kino.
Wurden in Berlin No Wave-Filme gedreht?
Es gibt eine DVD-Compilation namens „Berlin Super 80“ [Monitorpop], auf der einiges enthalten ist, was in diese Richtung geht. Das ganze war eine Spur zeitversetzt, so von 1980-1984. Filmisch hatte diese Super 8-Bewegung mit der New Yorker Szene vieles gemein. Es gab Regisseure wie Jörg Buttgereit, der in diesem Kontext seine ersten Filme gedreht hat. Ein anderes Beispiel von jemandem, der heute noch aktiv ist, wäre Christoph Dreher [damals bei Die Haut], der mit „OK OK – Der moderne Tanz“ 1980 einen Film gemacht hat, der wunderbar in die No Wave-Szene passen würde.
Einen direkten Link gab es aber auch zu Hamburg. Dort ist 1984 der Film „Decoder“ gedreht worden. Regisseur war mit Jürgen Muschalek ein ehemaliger Punk-Musiker, der sich mit dem Namen „Muscha“ abgekürzt hat. Er hatte eine ganz direkte No Wave-Connection. In seinem Film spielt Bill Rice mit, der auch bei Scott und Beth B oft in Erscheinung getreten ist. Und die Kamera hat Hannah Heer gemacht, die auch bei Amos Poes „The Foreigner“ und „Subway Riders“ filmte. Auch hier bin ich mir sicher, dass man noch mehr finden würde, wenn man länger recherchierte.
Du denkst auch darüber nach, die aktuelle Schau nach Berlin zu bringen. Gibt es da schon konkrete Planungen?
Für Berlin wäre es sicher naheliegend, die Schau um all die deutschen Produktionen, auf die ich gerade verwiesen habe, zu erweitern. Bislang hatte ich leider noch keine Zeit, konkreter darüber nachzudenken. Ein Ausbau um die Filme in Berlin oder Hamburg wäre aber sicher notwendig und auch sehr reizvoll.
Update: Im November 2011 gewann Christian Höller den Arts Critics Award.
Ausschnitt aus Amos Poes “Unmade Beds”
Lydia Lunch in Vivienne Dicks “Guerillere Talks”
Trailer zu Bette Gordons “Variety”
Ausschnitt aus dem Film “OKAY, OKAY. DER MODERNE TANZ” von Christoph Dreher und Heiner Mühlenbrock
Links:
Ganze Filme bei der Online Präsenz des Lux-Filmverleihs:
Guerillère Talks Vivienne Dick 1978
Letters to Dad Beth B & Scott B USA 1978
No Age, New York Nick Abrahams / Ana Cory-Wright 1993
Seite des Österreichischen Filmmuseums Wien zur Schau
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Unterstützt das neue Filmprojekt von Amos Poe
http://www.kickstarter.com/projects/1044939468/a-new-translation-of-dantes-la-commedia-by-the
Poes Film “The Foreigner” mit Debbie Harry hier als video on demand stream zu sehen
http://www.realeyz.tv/en/amos-poe-the-foreigner_cont1489.html