Vuvuzela My Ass

flattr this!

Deutschland, die westliche Welt, erregt sich über das Lärmgerät mit dem schön afrikanischen Namen, den inzwischen auch jede/r noch so Sprachunbegabte aussprechen kann: Die Vuvuzela. Sie ziert den Spiegel wie die taz, jede Zeitung, die etwas auf sich hält, publiziert einen mehr schlecht als recht recherchierten Vuvuzela-Artikel. Sogar die New York Times fühlt sich bemüßigt, etwas zum Thema zu sagen, auch wenn die USA nicht gerade als Fußballnation bekannt ist.

vuvuzela daily sun make noise

Kommt nicht so gut an: Das vermeintlich traditionelle Horn, mit dem man Lärm macht / Foto: Screenshot aus Facebook

Auch das Internet ist im Aufruhr: Die einen unterstellen jedem, den der infernalische Lärm aus den Plastiktröten nervt, nicht nur Spießigkeit, sondern gleich kruden Rassismus. Und übersehen in ihrer Selbstgerechtigkeit schnell ihren eigenen, wenn sie nämlich implizit den (schwarzen) Südafrikanern per se unterstellen, dass sie Lärm super finden und auch nicht zu subtileren kulturellen Äußerungen fähig sind.

Und natürlich gibt es offene und latente Rassisten, die – um im Sprachgebrauch zu bleiben – genau in das gleiche Horn stoßen: Die Vuvuzela sei ein Ausruck einer fremden (=primitiven) Kultur, wie sie eben „Schwarzafrika“ eigen sei, die Vuvuzela passe nirgendwohin als da und sei für den (weißen) westlich geprägten Menschen eine Zumutung etc. Bei Facebook ist man damit beschäftigt, rassistische Bilder von Affen mit der Tröte und Anspielungen auf die vermeintliche Schwanzlänge von Afrikanern mit dem Spruch „How long can you blow me?“ zu entfernen.

rasssimus vuvuzela

Solche Bilder finden sich in Facebook zuhauf: Hier sind die Tröter offenbar als Afroamerikaner gedacht - aus Sicht des weißen Rassisten / Foto: Screenshot Facebook

Ich wurde zur Vuvuzela-Gegnerin, als sich mein weißer, deutscher, ca. 40jähriger Nachbar mit dem Gemüt eines 11jährigen so ein Ding bei Edeka (=Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler) besorgt hat und darauf den ganzen Tag herumhupte. Als er dann zur WM-Eröffnung seinen Fernseher auf den kleinen, extrem hellhörigen Hinterhof stellte, auf den alle meine Fenster gehen, und in voller Lautstärke die Spiele schaute, bin ich durchgedreht. Es war mir ehrlich gesagt völlig Wurst, aus welcher Kultur die Lärmerzeuger/innen kamen und welche Hautfarbe sie hatten – ich wollte nur Ruhe!

Von Anfang an war mir klar, dass die ganze Diskussion leicht in eine rassistische abdriften konnte, was ich auch immer wieder versucht habe zu thematisieren. Aus genau dem gleichen Grund sind die FIFA-Verantwortlichen – ob sie rassistisch eingestellt sind oder nicht – da jetzt sehr vorsichtig. Die ganze erste WM in Afrika war vom Gespenst des Rassismus überschattet. Dass jetzt auch die südafrikanischen Verantwortlichen und Fans erstmal bockig reagieren ist da verständlich. Sie sind stolz auf ihre WM und deren Symbol, die Vuvuzela. Dass diese – besonders im westlichen – Ausland, nicht so goutiert wird ist erstmal verletzend. Dem wollte man ja zeigen, was man drauf hat. Dass jetzt so ein Plastikteil, das eigentlich die Identität der Weltmeisterschaften ausmachen sollte, gleich zu Beginn unerwartet alles kaputt macht, muss erstmal verdaut werden.

how to use a vuvuzela

Die Mehrheit der Vuvuzuela-Geschädigten kann sich hoffntlich mit diesem Comic anfreunden / Foto: Screenshot Facebook

Dabei ist auch das eigene Land geteilt. Der „Townshipbewohner an sich“ ist vielleicht tatsächlich lärmunempfindlicher – aus schierer Armut notgedrungen. Schwarze Mittelklasse-Südafrikaner, die sich ruhigeres Wohnen leisten können, gehören ganz sicher auch zu denen, die dafür sorgte, dass die Ohrstöpsel im Lande kurzfristig ausverkauft waren. Und auch der westliche Fußballfan ist nicht für seinen übermäßig subtilen Charme bekannt – es wird gefeiert, getrunken und die Mannschaft lautstark angefeuert. Anders ist das bei dem gleichen Klientel in Südafrika wahrscheinlich auch nicht. Nur dass die Südafrikaner für meinen Geschmack die schöneren Gesänge haben. Dass diese unter dem fiesen Getröte völlig verloren gehen, bedauere nicht nur ich, sondern auch eine Menge schwarze Südafrikaner.

Auch ihnen fällt durchaus auf, dass das mit der Tradition und der Vuvuzela nicht so weit her ist: Auch wenn das Plastikteil Ähnlichkeiten mit dem Kuduhorn hat, mit dem die Vorfahren einst ihre Leute über große Distanzen zusammenriefen, ist es doch erst seit Ende der 90er ein Massenphänomen in den Stadien des Landes. Die Imageverantwortlichen für die WM wollten sie als Symbol für das „traditionelle Afrika“ vermarkten, was nun gründlich in die Hose ging.

Ganz böse Zungen behaupten, die Vuvuzela sei eine simple Imitation der zumeist kleineren und weniger lauten mexikanischen Corneta, die dort auf den Plätzen dazugehört und angeblich schon bei der WM 1970 für Irritationen gesorgt hat – wohl weniger wegen der Lautstärke als aufgrund des fremdländischen Klangs. Ähnliche Geräte wurden vereinzelt auch auch in den 60ern in den USA gesichtet, aber aufgrund der Lautstärke verboten. Fakt ist, dass ein südafrikanischer Fabrikant indisch-holländischer Abstammung für die erste Massenproduktion von Plastik-Vuvuzelas Anfang des Jahrzehnts verantwortlich ist. Und dann fand sich auch noch ein durchgeknallter Typ, der rein an optischer Spacigkeit George Clinton in den Schatten stellt, und sich als Erfinder der (Blech-)Vuvuzela ausgab. Mit ihm haben die Rassisten ihren Klischeeafrikaner, aber wenn man sagt, er ist einfach ein durchgeschallerter Selbstvermarkter und nicht die Stimme des schwarzen Südafrika, setzt man sich auch gleich Rassismusvorwürfen von der anderen Fraktion aus.

vuvuzela my ass

Ein Bild, was sehr schnell die Runde machte, weil es offenbar vielen aus dem Herzen sprach / Foto: Screenshot Facebook

Meinethalben können sich alle, die darauf stehen, egal wo sie herkommen und wie sie aussehen, gegenseitig zuhupen bis sie taub sind oder ihre Lippen fusselig – nur ich will einfach nicht damit belästigt werden. Respekt und Toleranz gegenüber anderen Kulturen steht auf einem ganz anderen Blatt.

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1 Kommentar zu "Vuvuzela My Ass"

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  1. Barbara Muerdter sagt:

    Übrigens hier noch ein Kommentar dazu, der mir gefällt: http://berlinergazette.de/vuvuzela-rassismus-fussball-wm/

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