Ken Livingston, bis 2008 linker Bürgermeister von London, hat ein Polizeiformular zur Konzertgenehmigung angeprangert. Da es bestimmte Musikstile, die mit ethnischen Gruppen in Verbindung gebracht werden, als besonders gefährlich einstufe, sei des “entzweiend” und “falsch”. Leute, die ihre Worte weniger wägen müssen oder wollen, nennen es kurzerhand rassistisch.

Ken Livingstone / Foto: Wikipedia / World Economic Forum
Es geht um die “Promotion Event Risk Assesment Form 696” der London Metropolian Police. Es wurde in der kritisierten Form im September 2007 offiziell eingeführt, wenige Monate vor der Abwahl Livingstons als Oberbürgermeister. Danach mußten ca. 70 zum Alkoholausschank lizensierte Veranstaltungsorte in London (Zahl von 2009) das Formular ausfüllen und 14 Tage vor der geplanten Veranstaltung einreichen, um diese genehmigt zu bekommen. Neben den persönlichen Daten sowohl von Musiker/innen, DJs als auch Promoter/innen müssen Zielpublikum und Musikstil angegeben werden. Bis Ende 2008 war auch nach der wahrscheinlichen ethnischen Zusammensetzung des Publikums gefragt worden, was nach heftigen Protesten weggelassen wurde. Weiter müssen die geplanten Sicherheitsmaßnahmen und die Veranstaltungsorte, an denen der Künstler vorher gespielt hat, angegeben werden. Im September 2009 war die Polizei noch weiter zurückgerudert und der Musikstil muss nicht mehr verpflichtend angegeben werden, ebenso gibt es Kompromisse bei der Telefonnummer der Auftretenden. Dagegen wird sich weiter nach dem “Make-Up der Kundschaft” erkundigt.
Von Anfang an stand das Formular unter der Kritik, zu viele Daten erheben zu wollen und zudem einseitig Musikstile, die bei schwarzen Besuchern besonders beliebt sind oder oft von schwarzen Künstlern ausgeübt werden, wie Hip Hop, Grime und Ragga, besonders zu diskriminieren. Sie kam u. a. aus dem House of Commons als auch von Feargal Sharkey, der nicht nur selbst Musiker, sondern ebenfalls Vorsitzender von UK Music, einem Sammelverband der britischen Musikindustrie, ist.

Auch etablierte Künstler wie Grime-Musiker Wiley sind nicht vor Absagen aufgrund von Ängsten der Veranstalter um Lizenzverlust gefeit
Bereits das mangelhafte Ausfüllen des Formulars reicht zur Erhöhung der eingeschätzten Gefahrenstufe, bestimmte Musikrichtungen gelten per se als besonders risikoreich. Es liegt zwar noch immer noch in der Entscheidung des Veranstalters, das Event stattfinden zu lassen oder nicht. Aber Betreiber befürchten, dass ihre Lizenz zum Alkoholausschank nicht verlängert wird, wenn sie sich nicht nach dem “Rat” der Beamten richten und es auf der Veranstaltung tatsächlich zu Problemen kommen sollte.
Die Polizei dagegen sieht das Gesetz als Erfolg an. 2008 hätten statt wie zuvor eine von sechs Schießereien nur noch eine von zwanzig in oder im Umfeld solcher Veranstaltungsorte stattgefunden. Dadurch, dass die Daten vorher geprüft werden, könne man windige Promoter und auch schräge Künstler / DJs im Vorfeld aussortieren. Bei (vermeintlich) höherer Gefahr (durch ein potentiell gewalttätiges Klientel im Publikum) könne man auch mehr Beamte zum Schutz bereithalten. Der Eindruck des Rassismus entgegnete der zuständige Detective Superintendent Richard Martin nach Zitaten der BBC, dass sich die Zeit nach 22 Uhr und dabei Events mit aufgezeichneter Musik als besonders risikoreich erwiesen hätten und impliziert, dass dadurch bestimmte Genres stärker betroffen wären.
Livingston, der für zwei Wahlperioden Oberbürgermeister Londons war, aber schon 1981 Vorsitzender des später von Margeret Thatcher abgeschafften Greater London Council, möchte 2012 gern als Oberbürgermeisterkandidat seinen Nachfolger Boris Johnson herausfordern. Dessen Sprecher sagte zu seiner Kritik, dass es auch im Interesse der jetzigen Stadtverwaltung sei, die lebendige Club- und Konzertszene der Stadt vor unnötigen Regulierungen durch die Polizei zu schützen. Laut Guardian hatten allein 2008 acht Clubs geschlossen, nachdem die Polizei Angst vor potentieller Gewalt geschürt hatte.
(Zitate und Zahlen nach BBC-Meldungen hier, hier und hier.)
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