Bereits am 10. August (nach anderen Angaben 11. August) ist der Berliner Straßensänger, Maler und Schauspieler Bruno Schleinstein gestorben. Während der Tod Christoph Schlingensiefs gerade die Feullietons beherrscht, machte darauf nur der Berliner Tagesspiegel und das Vice Magazin aufmerksam, und ein paar andere Blätter schrieben eine kurze Notiz. Update: Auch die New York Times berichtete.
Schleinstein war unter dem Namen Bruno S Mitte der 70er bekannt geworden, als er in zwei der wichtigesten Filme von Werner Herzog die Hauptrollen spielte, einmal den Kaspar Hauser in Jeder für sich und Gott gegen alle (1974) und mehr oder weniger sich selbst in dem seinem Leben nachempfundenen Film Stroszek (1976).

US-Kinoposter zu Stroszek / Quelle: Wikipedia
Der Mann, der ein wenig wie der deutsche Daniel Johnston anmutet, wurde 1932 in Friedrichshain geboren. Die Verschrobenheit und die seelischen Nöte, die ihn später plagten, lagen nicht nur an einer psychischen Erkrankung, die als Autismus diagnostiziert wurde, sondern vor allem an den dysfunktionalen Familienverhältnissen, in denen er aufwuchs. Als Sohn einer Prostituierten, die nicht in der Lage war, sich um ihre drei unehelichen Kinder zu kümmern, wurden bei ihm schon als kleines Baby Mangelerscheinungen diagnostiziert. Im Alter von drei Jahren kam er endgültig in ein Heim, um von da an 23 Jahre lang in diversen Verwahranstalten herumgereicht zu werden, aus denen er immer wieder ausriß.
Er verdiente sein Geld als ungelernter Fabrikarbeiter und zog mit selbstgeschriebenen Moritaten über die Westberliner Straßen, bis ihn Herzog in einem Dokumentarfilm über ihn, Bruno, der Schwarze (1970), entdeckte und als Kaspar Hauser engagierte. Nach Stroszek blieben weitere Filmangebote aus. Schleinstein kehrte in sein altes Leben zurück und zog bis zu seinem Tod dreimal die Woche los, um seine traurigen, von Einsamkeit und Kälte erzählenden Lieder zu singen, sich selbst mit Akkordeon, Glockenspiel und Xylofon begleitend.
2003 drehte Miron Zownir einen Film über ihn und seine Lebensgeschichte, Bruno S. – Die Fremde ist der Tod, und gab auch ein gleichnamiges Buch mit Zitaten und Zeichnungen von Bruno S mit begleitenden Texten heraus. In Zownirs Spielfilm Phantomanie kehrte er 2009 auch noch einmal auf die Leinwand zurück.
Update: Vom 30.8. bis 15.9. gibt es im Berliner Kino Babylon Mitte eine Bruno S. Retrospektive. Gezeigt werden Jeder für sich und Gott gegen alle – Kaspar Hauser, Stroszek und „Phantomanie” und die Doku Bruno S.- Die Fremde ist der Tod. Programmdetails hier.
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Das ist aber auch eine Generationenfrage. Schlingensief war ja bis jetzt präsent und so ziemlich allen bekannt, an Bruno S. und seine Filme erinnert sich eher meien Generation, die die Filme mitbekommen hat.
War ganz erstaunt, daß Sasha Grey mit die erste war, die Brunos Tod auf Twitter mitteilte und ihm nachtrauerte…
ein nachruf von mir in der jungen welt erschien am 13.08.2010 unter:
http://www.jungewelt.de/2010/08-13/006.php?sstr=Bruno|Schleinstein
mit besten grüßen
Hmm, ich überseh ja auch gern auch mal was, aber dass Schlingensief gestorben war habe ich ein paar Minuten nach der Meldung mitbekommen und werde bis heute mit der Info bombardiert. Das eben habe ich nur zufällig über das Vice mitbekommen. Natürlich war Schlingensief relativ gesehen auch wichtiger. Die NYT ist aber ja sowieso ziemlich fit was sowas angeht und die Süddeutsche auch.
In der „Süddeutschen“ war, wenn mich die Erinnerung nicht täuscht, zeitnah eine ganze Spalte (leider nicht online) und die „New York Times“ hat’s auch groß gebracht: http://www.nytimes.com/2010/08/15/arts/music/15bruno.html