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Don Letts und der Notting Hill Carnival

Anläßlich des diesjährigen Notting Hill Carnivals am 29. und 30. August feiert Don Letts neuer Film Carnival seine britische Fernsehpremiere. Er war im letzten Jahr zum 50. Jahrestag des Karnevals vor Ort im legendären Tabernacle uraufgeführt worden und lief danach auf verschiedenen Filmfestivals.

Der heute 54jährige Letts, eine Ikone der britischen Film- und Musikszene, besucht den Karneval seit Mitte der 70er. 1976, als es dort heftige Unruhen kam, filmte er erste Bilder. Letts eigene Geschichte ist zutiefst mit dem Karneval verwoben, und diese wiederum mit der Geschichte der karibischen Einwanderer in London.

notting hill carneval

Notting Hill Carnival 1995 / Foto: Barbara Mürdter

Die erste Version des Karnevals wurde 1959 von der in Trinidad geborenen Menschenrechlerin Claudia Jones initiiert. Im Jahr zuvor hatte es die ersten Notting Hill Race Riots gegeben, Angriffe von rassistischen und zum Teil faschistisch gesinnten Teddy Boys auf schwarze Immigrant/innen, wie es sie in dieser Gewalttätigkeit in England zuvor nicht gegeben hatte.

Das einst großbürgerliche Viertel war in der ersten Hälfte des Jahrhunderts immer mehr heruntergekommen und bot so nach dem Krieg billige Unterkunft für die Einwanderer/innen aus der Karibik. Dadurch sank der Marktwert und der Ruf des Viertels noch mehr, aber es bildete sich auch eine starke schwarze Community. Auf der anderen Seite gab es bei den armen weißen Bewohnern eine starke Unterstützung für Oswald Mosley’s Union Movement und Colin Jordan’s White Defence League. Im Frühjahr 59 kam es zum ersten rassistisch motivierten Mord an Kelso Cochrane, einem jungen Mann aus Antigua. Unter dem Motto “A people’s art is the genesis of their freedom” (Die Kunst eines Volkes ist der Beginn seiner Freiheit) wollten Jones und ihre Mitstreiter/innen mit einem jährlich stattfindenen Mardi-Gras friedlich ihre Menschenwürde und ihr Existenzrecht in England demonstrieren. Don Letts sagt dazu: “Er repräsentierte die Träume und Hoffnungen von Leuten wie meinen Eltern, die wieder nach Hause gehen wollten”.

Grab von Claudia Jones auf dem Londoner Highgate Friedhof / Foto: Barbara Mürdter

Grab von Claudia Jones auf dem Londoner Highgate Friedhof / Foto: Barbara Mürdter

1966, mitten im Swinging London, organisierten Mitglieder der hipiesken London Free School ein Festival in Notting Hill, was das kulturelle Miteinander in Notting Hill demonstrieren sollte, an der aber auch Musiker/innen, Tänzer/innen und andere Künstler/innen teilnahmen, die bei den von Claudia Jones angeregten Veranstaltungen dabei gewesen waren. Während der Mardi Gras in der St. Pancras Town Hall stattgefunden hatte, präsentierten hier die Teilnehmer/innen ihre Kulturen zum ersten mal in den Straßen des Viertels. Zunächst zog das Event aber kaum mehr als tausend Menschen an.

Mitte der 70er kamen schon 150 000 Besucher/innen, und die karibische Kultur bestimmte den Karneval. Zu dieser Zeit kam auch Don Letts zum ersten mal dorthin. Er sagt heute, dass sich der Sinn der Veranstaltung dahingehend verändert hatte, dass es nicht mehr darum ging, über die heimatliche Kultur Menschenwürde zu beweisen: “Meine Generation versuchte zu verstehen, was es bedeutete, schwarz und Britisch zu sein.”

Letts, 1956 geboren, war als Kind jamaikanischer Eltern in London groß geworden. 1974 begann er in einem Laden namens Acme Attractions in der King’s Road zu arbeiten und wurde schnell dessen Gallionsfigur. Hier gab es ausgefallene Klamotten und allerlei cooles Second-Hand-Gerafffel, was Kids aus der Szene und aufstrebende Bands wie The Clash, aber auch etablierte Musiker wie Bob Marley anzog. Der Laden hatte eine ähnliche Funktion wie Malcolm McLarens und Vivian Westwoods SEX, dessen Vorläufer Let it Rock Acme ursprünglich nachempfunden war. Der Buchalter des Ladens erkannte die Zeichen der Zeit und gründete 1976 Londons ersten und legendärsten Punkclub The Roxy. Letts wurde dort der erste Resident DJ, und legte auch in Ermangelung von Punk-Platten, die damals kaum gepresst waren, viel Dub-Reggae auf. So wird ihm persönlich ein hoher Anteil an der Vermischung von Punk und Reggae zugeschrieben.

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Don Letts bei Acme Attractions / Foto: Wikipedia

Im selben Jahr kam es wieder zu Rassenunruhen, als die Polizei am Ende des Karnevals einen Taschendieb festhielt, und eine Gruppe seiner Freunde zur Verteidigung kam. Bei der daraufolgenden Schlacht, bei der 100 Polizisten verletzt wurden, waren sowohl Letts als auch Joe Strummer und Paul Simonon anwesend. Letztere formierten kurz darauf ihre Band The Clash und schrieben den Song White Riot über die Ereignisse. Ein legendäres Foto, auf dem Don Lett mit seinen langen Dreadlocks einer Gruppe zumeist weißer Polizisten, die die Straße absperrt, gegenüber steht, verwendeten sie als Cover des Albums Super Black Market Clash.

Aus diesem Jahr stammen auch die ersten Filmaufnahmen, die Letts vom Karneval gemacht hat. Als DJ, der coole Typ aus dem coolen Laden und Freund von aufstrebenden britischen Musikern und sogar vom berühmtesten jamaikanischen Musiker aller Zeiten, Bob Marley, hatte es Letts zu einer gewissen Reputation und auch ein wenig Geld gebracht. Er wurde Manager der legendären Frauenpunkband The Slits und stellte 1978 seinen ersten Film fertig, The Punk Rock Movie. Seitdem hat Letts, der u.a. bei Big Audio Dynamite auch selber Musiker war, diverse Musikdokumentationen und -videos veröffentlicht und hat seit 1 1/2 Jahren auch eine Radiosendung bei BBC 6 Music.

don letts police

Don Letts bei den Riots beim Notting Hill Carnival 1976 / Screenshot

Der Karneval sollte nach den Unruhen von 1976 zunächst abgesagt werden. Es fanden sich aber prominente Unterstützer/innen, die das verhindern konnten und er wuchs weiter als inzwischen auch touristische Attraktion, die in den letzen Jahren eine Million Menschen in das Viertel zog. “Heute ist er ein vielseitiger, multikultureller, universeller Ausdruck dessen, was London ist. Der Notting Hill Karneval war sogar ein wichtiger Teil des goldenen Jubiläums der Königin.” meint Letts.

Notting Hill als Viertel machte derweil die klassische Gentrifzierungsphasen durch – in den 80ern und 90ern entwickelte sich die Gegend zum hippen Umfeld für angesagte alternative Künstler, die Mietpreise stiegen deutlicher als in anderswo in London. Der offene Drogenhandel und die damit verbundene Gewalt, die noch in den 90ern einige Straßenzüge zu gefährlichem Pflaster machte, wurde zurückgedrängt. Inzwischen wohnten und wohnen auch jüngere konservative Spitzenpolitiker dort, wie der derzeitige britische Ministerpräsident David Cameron und Finanzminister George Osborne. Die Sicherheitsbedenken bewegten sich vor einigen Jahren weg von potentiellen ethnischen Konflikten zu der Tatsache, dass sich unendliche Menschenmassen auf einem recht kleinen Stückchen London amüsieren.

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Ethnische Konflikte und Drogenhandel bestimmten lange Jahre das Klima in Notting Hill. Aufnahme von 1994 / Foto: Barbara Mürdter

Weiterhin seien extrem gewalttätge Diebe und Gewalttätigkeiten unter Schwarzen zum Problem geworden, das die weitere Existenz des Karnevals bedrohe. Letts meint, das müsse besonders aus dem Grund thematisiert werden, da die Anfänge des Karnevals eine Antwort auf rassistische Gewalt und Mord gewesen seien und er immer ein Zeichen der Harmonie setzen wollte. Zudem haben sich zwar die Nachfahren der karibischen Einwanderer in der britischen Gesellschaft etabliert, aber neue Migrantengruppen hätten mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie einst seine Eltern.

Carnival! zeichnet die historischen Ereignisse bis heute nach und beschäftigt sich mit dem aktuellen Stand der Dinge. Dazu präsentiert Letts eigene und Archivaufnahmen, die es z. T. bisher selten oder noch nicht zu sehen gab. Letts entlarvt u. a. den britischen Politiker Enoch Powell, der 1968 in seiner berüchtigten “Rivers of Blood”-Rede einen Einwanderungsstop forderte als denjenigen, der nach dem Krieg die Einwanderer zum Wiederaufbau ins Land eingeladen hatte. Interviewpartner/innen aller Generationen wie DJ Norman Jay, Journalist Trevor McDonald, Moderatorin Miquita Oliver, und die Musiker Jazzie B und Paul Simonon (The Clash) betrachten aus verschiedene Erfahrungen und Sichtweisen die Phasen des Karnevals und somit auch des Zusammenlebens verschiedener ethnischer Gruppen in Großbritannien, ebenso wie die Entwicklung einer neuen identität als schwarze Brit/innen.

Termin:
Der Film wird heute zum erstem mal um 20 Uhr UTC auf dem britischen Blighty-Kanal gezeigt (Sky Channel 534, Virgin Media 206) Mehr Infos hier. Deutsche Termine sind noch nicht bekannt, Hinweise erwünscht. Im nächsten Jahr soll der Film auf DVD erscheinen.

Quelle der Zitate

don-letts-bbc6

Don Letts moderiert seine eigene Sendung bei BBC 6

Legendary London DJ, musician, filmmaker and journalist Don Letts released his latest movie Carnival! to celebrate the 50th anniversary of the beginnings of the Notting Hill Carnival last year. It looks at the historical situation – race riots and a racist murder – that lead to the first event of its kind, the fight for respect and equality of the Carribean community in England and the situation of the Carnival as a mirror of a multicultural society today. He also interviews several celebreties of different generations and backgrounds involved with the carnival, such as Norman Jay, Sir Trevor McDonald, Miquita Oliver, Jazzie B and Paul Simonon of The Clash. The film will premier on TV today at 8 pm on Blighty (Sky Channel 534, Virgin Media 206), and tomorrow at 9 pm. Carnival! will be released next year on DVD. For more information, go here, here and here.

Update:
Termin
Der Film wird auf dem In-Edit Musikfilmfestival in Berlin gezeigt:
Donnerstag 7.4.2011 14:00 Moviemento 1
Sonntag 10.10.2011 13:45 Moviemento 2
Kino Moviemento, Kottbusser Damm 22, Berlin
Ankündigung bei In-Edit (English)

DJ Sets
Don Letts DJ Set für Fred Perry
Major Lazer DJ Set Notting Hill Carnival 2010

Trailer Carneval!

Supersonic Sound – Doku über Don Letts

“I don’t make documentaries about stuff that I am not absolutely passionate about” – Don Letts from Alan Fentiman on Vimeo.

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