Die Berlin Music Week wird ziemlich an mir vorbeigehen, weil ich andere Dinge zu tun habe, eine extreme Unlust verspürt habe, um Akkreditierungen zu betteln und sie medial sowieso mehr als gut abgedeckt ist. Aber ein bißchen wollte ich mir doch anschauen und habe auf der a2n-Camp vorbeigeschaut. Zumal ich es sehr zwiespältig fand, wie sich die im letzten Jahr kurzfristig entstandene Alternativveranstalltung zur Popkomm im Vorfeld vermarktet hat. Viel gesprochen wurde von “anders”, “neu” und “alternativ”, andererseits waren die Gesichter der Ideenmesse die gleichen älteren Herren, die mich auch bei der Popkomm eher vergraulen, mir das Gefühl geben, dass es nicht meins ist.

Tim Renner (Motor.fm) / Edgar Berger (Sony) / Foto: Barbara Mürdter
Dabei war das Programm nur schlecht vermarktet, und ansonsten recht interessant und vielseitig. So habe ich das Vergnügen gehabt, zwei von mir sehr geschätzte, innovative Projekte und ihre Macher kennen zu lernen, Soundcloud und das Free Music Archive (zu beiden bald mehr auf Popkontext). Selbst ein Gespräch von Tim Renner mit Sony-Chef Edgar Berger war interessant, nur um mal zu sehen, dass bei den Major-Bürokraten – Berger ist von Haus aus Maschinenbauingenieur und Wirtschaftswissenschaftler – noch immer absolutes Unverständnis dafür herrscht, wie das Netz funktioniert. Schöner Kracher zum Beispiel: Berger hat bei der Vorstellung einer günstigen monatlichen Flatrate to keep fast hyperventiliert. Da könnten sich ja die Leute in sechs Monaten sämtliche produzierte Musik herunterladen und dann das Abo beenden! Allein diese Idee zeigt, dass der Mann in der Beziehung Null Ahnung hat: Die Zahl der Leute, die das tatsächlich machen würden, ist zu vernachlässigen – die meisten würden vielleicht erstmal viel runterladen, aber nie systematisch alles, und bei einem akzeptablen Preis dabei bleiben und so neue – und neue alte – Sachen entdecken und kaufen. Renner meinte auch nur, runterladen tun sie ja jetzt schon, nur verdient ihr nichts daran.

Dave Haynes (Soundcloud VP Business Development London, rechts) und Berliner Soundcloud-Mitarbeiter / Foto: Barbara Mürdter
Leider ist Identity Politics offenbar an den Macher/innen völlig vorbei gegangen: Auch das Publikum war vorrangig männlich, weil das Image der Veranstaltung für Frauen etwa so ansprechend war wie die Piratenpartei, mir sind zudem ganze zwei nichtweiße Menschen über den Weg gelaufen, und das in so einer internationalen Stadt wie Berlin. Die ausländischen Gäste und Redner waren (fast?) ausschließlich englischer oder US-amerikanischer Provinienz – da war die Popkomm vor zwei Jahren deutlich internationaler, zumindest was die Stände anging. Das und das Durchsschnittsalter der wortführenden Herren – möglichst noch im Anzug – passt nicht zu einem alternativen Image. Als ich mir dann das Abendprogramm anschauen wollte, ein ganz toller Act aus dem Kaffee Burger, musste ich nach kurzer Zeit fliehen: eine Handvoll, ähm, älterer Herren vom Typ Bluesfreund auf der Bühne erzählte Rockgeschichte anhand von Chuck Berry und Keith Richards und spielte countryeske Rockmusik dazu. Später soll wohl noch kurz eine (sehr) junge Frau dazu gekommen sein. Irgendwer meinte, es muss ironsich gemeint gewesen sein, vielleicht habe ich ja was verpasst?
Andererseits entstand bei mir nach mehreren Gesprächen mit Macher/innen der Eindruck, dass die Alltogethernow von den anderen an der Berlin Music Week Beteiligten ziemlich wie das häßliche Stiefkind behandelt wird, einerseits potentielle Konkurrenz (von wegen Gemeinsamkeit ist plötzlich Trend), andererseits als nicht ganz ernst zu nehmend. So konnten wohl z.B. viele a2n-Mitarbeiter/innen und Speaker keine Karte für das Tempelhof-Gelände bekommen, auf dem der zweite Teil der a2n, der Kongress stattfand / stattfindet. In so einem Fall hilft es aber nicht, sich anzudienen und zu versuchen die Popkomm nachzuäffen, in dem man sich abgewrackte Prominenz wie Gorny an Land holt, um vermeintlich wichtig wichtig zu wirken. Ein Berger hat gereicht, um das alte, etablierte Denken vorzuführen. Aus meiner Sicht hat die a2n nur eine Chance, wenn sie es schafft, nicht nur neue, innovative Projekte im Programm zu haben, sondern das auch nach Außen zu kommunizieren über ein selbstbewußtes, wirklich frisches Image, in dem auch Frauen, Jüngere und Menschen aus der kulturell vielfältigen Szene Berlins und darüber hinaus vorkommen (und auch was zu sagen haben). Mit einem souveräneren, reflektierteren und eigenständigeren Image hat die Veranstaltung eine Chance, sich als Alternative auf Augenhöhe zu präsentieren und zu etablieren. Dieses Jahr war der erste Test – ich bin auf das nächste gespannt.
Related posts:







Diskussion
keine Kommentare zu “All Together Now Camp – Gutes Programm und Imageprobleme”