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Angelique Kidjo’s “Oyo”: Erinnerungen an eine afrikanische Kindheit

Angelique Kidjo gehört neben ihrem Vorbild Miriam Makeba zu den bekanntesten afrikanischen Musikerinnen. Wie bei den meisten Weltstars des Kontinents begann ihre Karriere im Westen: Nachdem sie aus ihrer Heimat Benin aus politischen Gründen fliehen musste, lebte sie zunächst in Paris. Dort lernte sie auch ihren Ehemann und musikalischen Partner Jean Hebrail kennen. Hier nahm sie 1990 ihr zweites – und als erstes auch außerhalb Benins verfügbares – Album auf, dem bisher neun weitere folgten.

angelique kidjo

Foto: Barbara Mürdter

Kidjos Markenzeichen sind neben der Verbindung von afrikanischer mit westlicher Musik eine dynamische kraftvolle Persönlichkeit, die am Besten in ihrer Bühnenshow zur Geltung kommt, die auf afrikanischen Tanztraditionen beruht. Gestärkt durch ein freigeistiges Elternhaus, dass sie von Anfang an auch als Mädchen in der Entfaltung ihrer Interessen anregte, setzt sie sich heute besonders für afrikanische Frauen und Mädchen ein. Diese sieht sie als weitgehend übersehene und ungenutzte Quelle, aus der sich vor allem auch das ökonomische Wachstum des Kontinents speisen könnte. So ist das schnell aufgenommene aktuelle Album Oye vielleicht nicht ihr musikalisches Meisterwerk, aber persönlich äußerst wichtig für sie: Es ist eine Hommage an ihren verstorbenen Vater, der ihr nicht nur die Liebe zur Musik geweckt hat, sondern ihr auch die Kraft für ein Leben im Exil und eine große Karriere gegeben hat.

Würden Sie Afrika immer noch als „zu Hause“ beschreiben, nachdem sie lange Jahre woanders gelebt haben, zuerst in Paris und jetzt in New York?
Absolut! Überall in Afrika, wo ich hinkomme, fühle ich mich wohl. Ich war Anfang Dezember in Südafrika. Ich fand es so schön und war die ganze Zeit in der Sonne! Man sagte mir, ich werde mich verbrennen, und ich meinte: Nein! Es ist zwar heiß, aber es gibt auch Wind. Und ich muss bald wieder in die Kälte, da brauche ich ein bisschen Hitze. Afrika ist immer noch mein Kontinent.

Wegen des Klimas oder auch wegen der Menschen?
Besonders wegen der Menschen. Die Straße entlangzulaufen und die Menschen kommen an und sagen: Wir finden toll, was du machst, und wir wünschen dir viel Glück, du bist toll – das ist mir mehr Wert als Geld. Es ist etwas Besonderes für eine Künstlerin, wirklich Millionen von Menschen zu haben, die sich um einen kümmern, für einen beten. Ich habe den ganzen Kontinent. Das weiß ich zu schätzen.

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Foto: Barbara Mürdter

Im Pressetext zu dem neuen Album steht, dass Sie mit diesem Album zu ihren Wurzeln zurückkehren. Waren sie denn nicht ihre gesamte musikalische Karriere über mit ihren Wurzeln verbunden?
Auf dem Album gehe ich nicht zu meinen Wurzeln zurück, sondern in meine Kindheit. Der Grund dafür ist, dass ich im letzten Jahr meinen Bruder verloren habe, und zehn Tage später meinen Vater. Und mein Vater war derjenige, der mich und meine Geschwister mit der Musik bekannt gemacht hat, die auf diesem Album zu hören ist. Er hat mir „Petite Fleur“ vorgesungen, und sagte ganz einfach: Wenn ihr Musik hört, euch für Kunst und Sport interessiert, lernt ihr auch besser in der Schule. Und die Schule wird auch nicht zur Last, weil ihr auch noch andere Sachen habt. Und dieses Album erinnert mich daran, wie wichtig es für mich war, in diesem Haus geboren worden zu sein.

Musik war immer mein Rückzugsort, mein Rückgrat, und sie hat mich von Problemen ferngehalten, von Teenagerdummheiten. Anstatt draußen rumzuhängen und Palmwein zu trinken und zu kiffen wollte ich immer nur Musik hören. Jetzt musste ich mit dem Fakt abschließen, das mein Vater gegangen ist, und das für immer. Das habe ich auch über Musik geschafft, und indem ich diese Musik mit der Erinnerung an ihn verknüpft habe. Er hat die Musik immer selber gekauft oder meinem Bruder das Geld gegeben, um das Vinyl nach Hause zu bringen. Es war immer wie ein Weihnachtsgeschenk, wenn man die Platte aus der Hülle genommen hat, sie aufgelegt hat und anfing zu lauschen. Es war wie: Wow – deine Welt verändert sich…

Ihre Mutter war ja auch künstlerisch aktiv. Sie hatte ein Theater. Welchen Einfluss hatte sie auf Ihre Entwicklung?
Meine Mutter hat meine Stimme beeinflusst. Sie hat mir beigebracht, wie man stehen muss, um richtig zu atmen, wie man auf einer Theaterbühne spricht, und wie man singt. Jedesmal wenn ich eine neues Lied gelernt habe, hat sie mich genau angeschaut, dass ich ja nicht krumm dastehe. Sie sagte: So kann man nicht singen! Steh gerade und öffne dich! Mein Vater hat mir auf seinem Banjo die Akkorde gezeigt. Mein Bruder kam danach, als er anfing, Gitarre und Klavier zu spielen. Ich habe dann angefangen, mit ihm Lieder zu schreiben. So war das etwa in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin: Ich bin zur Schule gegangen, kam dann zurück, machte meine Hausaufgaben, hörte Musik. Morgens nach dem Aufstehen ging ich zum Strand, wo mir mein Bruder Selbstverteidigung über Karate beibrachte. Im Sommer, wenn Ferien waren, habe ich schwimmen geübt. Ich hatte ein Leben, wo ich nie gelangweilt war, weil ich rund um die Uhr etwas tat – Fussballspielen mit meinem Bruder, auf Bäume klettern und sobald ich mich hinsetzte, gab es Musik.

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Foto: Barbara Mürdter

Mit welcher Musik sind Sie denn groß geworden? Viele Leute im Westen glauben ja immer noch, dass es in Afrika bis vor Kurzem nur Buschtrommeln gab.
Die erste Musik, die ich gehört und gesungen habe waren traditionelle Lieder aus dem Süden des Benins, wo ich herkomme. Mein Vater war immer sehr eklektisch und sehr frei. Er brachte Musik aus allen Ecken der Welt an. Da gab es englische Musik, und europäische Musik allgemein, US-amerikanische Musik, lateinamerikanische Musik – Salsa war sehr populär im Benin -, Musik aus Zaire, Musik aus Kamerun, der Elfenbeinküste und Ghana. Ich wuchs also mit Aretha Franklin, James Brown, Carlos Santana, Jimmy Hendrix, Otis Redding, Percy Sledge, The Rolling Stones, The Beatles – auf – allem…

Indische Musik hat man doch bei Ihnen auch gehört, über die Filme. Wie stark war der Einfluss von Bollywood-Musik?
Es gibt viele Inder in Afrika. Und wenn wir ins Kino wollten, war es das einzige, was wir uns leisten konnten. Sie waren billig und wir hatten nicht genug Geld, um für den europäischen Markt interessant zu sein, für die Lizenzen. Das gleiche galt für US- und lateinamerikanische Filme. Also waren es zuerst die Inder, die uns ihre Bollywood-Filme brachten, und dann, während des kommunistischen Regimes, kamen die chinesischen Kung Fu- und Karatefilme.

Über Monate gab es den selben Film zu sehen, und wir sind jeden Samstag reingegangen. Ich habe diesen einen Film [aus dem sie jetzt den Song "Dil Main Chuppa Ke Pyar Ka" geovert hat] mindestens 20 Mal gesehen. Von Anfang habe ich immer alles getan, um meinen Vater da mitzuschleifen. Nach dem zehnten Mal meinte er dann: Ich halte deinen Film nicht mehr aus! Hier hast du das Geld geh hin. Ich kenne das Ende, den Anfang und die Mitte – ich geh da nicht mehr rein. Und ich konnte nicht genug von dem Film kriegen! Und der Titelsong hat mich verfolgt. Als ich ihn jetzt gesungen habe, tat er das nicht mehr. Aber manchmal war dieser Song beim Einschlafen in meinem Kopf und ich wollte ihn da unbedingt wegbekommen.

Aber Sie mögen ihn immer noch?
Ja, und es war sehr schwer für mich, ihn zu finden. Alle meine indischen Freunde sagten: Wir wissen nicht, wovon du redest. Ich konnte mich nicht an den ganzen Song erinnern, also konnte ich ihn nicht vorsingen. Mein Bruder arbeitet für eine Flugzeuglinie, die Indien oft anfliegt. Er schlug mir vor eine mp3 mit dem, woran ich mich erinnere aufzunehmen. Das hat er mit nach Indien genommen und in dem Büro, wo er arbeitete vorgespielt. Die indischen Angestellten sind verrückt geworden. Sie sagten: Wir kennen es, aber wissen nicht mehr genau woher. Bis dann einer seiner Kollegen ankam und meint: Ich kenne den Song, und ich habe ihn. Er hat ihn mir dann per E-Mail geschickt und ich machte nur: (kreischt). Du dummer Song wirst jetzt endlich aus meinem System rausgehen! (lacht.) Ich habe ihn gesungen und ich konnte Afrika hören, was wir zu dieser Zeit gemacht haben. Ich habe beides miteinander verbunden.

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Foto: Barbara Mürdter

Das neue Album haben Sie in einem sehr kurzen Zeitraum, in nur vier Tagen, aufgenommen. Wie lief das ab?
Wir haben bei mir zu Hause begonnen, da habe ich ein Heimstudio. Wir haben Stimme und Percussion oder Stimme und Gitarre aufgenommen. Punkt. Die Anfänge aller Songs, die ich in meinem Leben geschrieben habe, waren ganz einfach. Keine Arrangements, kaum Harmonien. Nur die Inspiration, wie sie kommt. Peng. Danach arbeite ich damit. Ich bat zunächst den beninischen Gitarristen Lionel Loueke dazu. Er meinte erst: Was soll ich dazu noch spielen? Das ist doch so schon schön! Ich sagte nur: Bitte spiel, geht das? Er: Ok, ich werds versuchen. Als wir damit durch waren, dachten wir: Wir werden das nie richtig aufnehmen, weil die Plattenfirma nicht versteht, was ich will. Aber dann habe ich gesagt, das ist mir doch egal, dann mache ich es mit meinem eigenen Geld, egal ob ich da was verliere, ich mache es trotzdem.

Also haben ich und mein Mann befreundete Musiker angerufen und ein Casting gemacht. Wir haben ihnen die Musik zugeschickt und gesagt: In vier Tagen nehmen wir auf. Wir waren dann im Studio und haben gesagt: Los! Ihr kennt das Lied ein bisschen, wir liessen es vom Band laufen und dann haben wir angefangen zu spielen. Ein paar Tempowechsel, Wechsel in der Atmosphäre, dann haben wir gesungen und gejammt, um ein Ende zu finden (macht die chaotische Stimmung nach). Auf die Art haben wir 16 Songs in vier Tagen aufgenommen!

Das war sicher ein Unterschied zu Ihrer letzten Plattenaufnahme, die Tony Visconti produziert hat.
Tony war die reine Freude! Ich wünschte, alle Produzenten, mit denen ich im Leben gearbeitet habe wären wie Tony gewesen. Ich hatte bei den Aufnahmen befürchtet, dass die traditionellen Percussionisten, die ich aus dem Benin geholt hatte, sich nicht wohl fühlen würden. Ich habe mit ihm darüber geredet. Er hat sicher gestellt, dass sie im Mittelpunkt der Aufnahmen stehen. Er hat die ganze Zeit mit ihnen geredet und sie haben ihn geliebt. Jedes mal, wenn ich sie sehe fragen sie: Wie geht’s Tony?

Das Problem war, dass traditionelle Musiker nicht auf Abruf spielen. Sie nehmen nicht in einem Studio auf. Das ist etwas ganz anderes. Ich erinnere mich, als ich selbst das erste mal einen Fuß in ein Studio gesetzt habe – ich habe es gehasst! Ich habe geweint: Was soll ich hier? Gegen eine Wand singen? Hier ist kein Publikum! Und glücklicher Weise gewartet bis ich die Gangbé Brass Band getroffen habe [um solche Aufnahmen zu machen]. Die haben schon ein paar Alben eingespielt und somit die Studioerfahrung. Aber sie hatten noch nie mit mir gearbeitet und waren nervös, weil sie mich eventuell enttäuschen könnten. Ich habe zu ihnen gesagt: Ihr werdet mich nicht enttäuschen. Wir haben die selbe Kultur, aus der wir kommen. Ihr werdet im Mittelpunkt der Aufnahme stehen, und alle werden mit euch spielen. Und Tony hat das geschafft.

Er hat ja ein bisschen Erfahrung damit. In den frühen 70ern hat er ja mit Osibisa gearbeitet, da waren auch afrikanische Percussionisten dabei. Das ist aber schon eine Weile her.
Ja, das hat er auch gesagt, dass er so eine Aufnahme seit Jahren nicht gemacht hat. Heute macht das niemand mehr. Es gibt ProTools und die Leute wollen es bequem haben. Allerdings weiß ich nicht, wie ProTools funktioniert, ich meine nur (lacht).

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Foto: Barbara Mürdter

Sie haben auf dem neuen Album mit verschiedenen Gastmusiker gearbeitet, die Leute von Antibalas und Roy Hargove z. B. Wie haben sie die gefunden?
Sie sind Freunde. Sie freuen sich immer, wenn ich ein neues Projekt mache und wollen wissen, was es ist. Weil ich ihnen die Freiheit gebe, sich auszudrücken. Wenn sie dabei sein können, sind sie da, und wenn nicht, bin ich nicht sauer.

Sie gehören zur musikalischen Communty von New York.
Absolut. Ich kenne so viele tolle Musiker. Wir respektieren uns gegenseitig. Ich wende mich an sie, und manchmal muss ich das nicht Mal, sondern sie kommen von alleine und fragen: kannst du das und das machen.

Und bewegen Sie sich da in einer bestimmten Szene, einer Jazzszene?
Mir ist das egal – es ist einfach Musik. Man kommt und spielt. Es macht den Song schön. Man kann aus dem Rock’n'Roll kommen, Hardrock oder Punk, oder Grunge – du bist dabei. Dabei bei was Großem! (lacht)

Spielt der Ort an, dem Sie schreiben und aufnehmen eine Rolle für ihre Musik?
Wahrscheinlich. Weil ich von unterschiedlichen Klängen umgeben bin, auch wenn man sich dessen nicht unbedingt bewusst ist. Ich lebe ja in meiner Zeit und an einem bestimmten Ort, und nicht innerhalb meines Körpers irgendwo anders. Auch bei den Aufnahmen ist das so. Die Musik die ich da höre geht irgendwie in mich rein und man wird sie irgendwo hören.

Und wie wohl fühlen Sie sich mit all den verschiedenen Kulturen, denen Sie begegnen? Sogar zu Hause mussten Sie sich ja schon mit der französischen Kolonialkultur beschäftigen, Französisch lernen…
Ich lernte Französisch im Benin, englisch, Deutsch, Griechisch und Latein, weil ich auf ein altsprachliches Gymnasium gegangen bin. Wir hatten damals sehr gute Lehrer, nicht wie heute, wo schwer ist gute Lehrer in Afrika zu finden sind. Ich glaube, wie ich groß geworden bin, hat mir geholfen, mich überall auf der Welt wohlzufühlen. Unsere Eltern haben uns nie erzählt, das wir nur nach Afrika gehören. Sie haben gesagt: Du bist ein Mensch, die kannst hingehen wo du willst und machen was du willst. Du wirst immer mit anderen Menschen zu tun haben. Nichts anderes.

Ist das eine übliche Einstellung oder war das eine Ausnahme?
Als Kind dachte ich, das wäre normal. Ist es aber nicht. Ich habe es nicht verstanden, wieso meine Freunde vorbeikamen und stundenlang mit meinen Eltern diskutiert haben. Was wollten die von meinen Eltern? Aber meine Eltern haben unser Haus zu einer offenen Zone für Diskussionen erklärt, in denen es keine Tabus gibt. Die meisten Kinder in Afrika dürfen nicht reden. Sie sagen nicht, was und wie sie etwas wollen. Bei uns gab es beim Mittag oder zum Abendbrot manchmal richtig heftige Diskussionen. Ich habe einen Bruder, der gegen alles ist. Die Diskussion wurde dann immer länger und heftiger. Meine Freunde bekamen von meinen Eltern die Ratschläge, nach denen sie fragten. Das war damals überhaupt nicht üblich in Afrika.

Bis heute werden sie von einigen neidischen oder bösartigen Leuten „Weiße“ genannt. Das soll bedeuten, sie sind Afrikaner, leben in Afrika, benehmen sich aber wie Weiße. Mein Vater sagte immer, was ist weiß daran, dass ich logisch denke. Logik hat keine Hautfarbe. Intelligenz hat keine Hautfarbe. Und wenn ich meine Kinder erziehe und ihnen die Fähigkeit vermitteln möchte, die Welt zu verstehen, in der sie groß werden, was ist daran weiß? Er hat sich einfach geweigert, das einzusehen.

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Foto: Barbara Mürdter

Das war einerseits gut für Sie, aber durch so ein freies Denken kommt man schnell auch in Konflikte mit diktatorischen Regierungen. Sie mussten ja auch irgendwann das Land verlassen, nachdem Sie bereits eine Karriere als Musikerin im Benin begonnen hatten.
Wegen des kommunistischen Regimes. Das war keine leichte Entscheidung, weder für mich noch für meinen Vater. Aber es wurde gefährlich für mich. Ich musste entweder raus oder ins Gefängnis. Ich wollte nicht ins Gefängnis, und meine Vater wollte auch nicht, dass ich mein Leben im Gefängnis verbringe. Mein Vater stand auch unter Beobachtung, ebenso wie ich, weil ich mich weigerte, Loblieder auf das kommunistische Regime zu schreiben, wie es die anderen Künstler taten.

Zwei Jahre hatte ich eine gute Ausrede, weil ich auf Tour war, von einem Ort zum andern gezogen bin bis es mich einholte. Ich habe gesagt, das mache ich nicht nochmal mit und mein Vater sah die Gefahr und sagte: Du musst gehen. Und das war auch der richtige Moment, weil man da kein Visum brauchte, um nach Frankreich einzureisen. Es gab einen Flug nach Frankreich, an jedem Wochenende kurz vor Mitternacht. Da habe ich mich mit meinem Flugzeugticket reingeschmuggelt.

Wie alt waren Sie damals?
22, 23. Ich war dann einfach weg.

In den 70ern und 80ern gab es ja in Westafrika einige solcher Regime. Das hat Hugh Masekela in seiner Autobiografie gut beschrieben.
Es war furchtbar in Westafrika! Aber Hugh Masekela und Miriam Makeba mussten ja wegen der Apartheid aus Südafrika raus.

Er war lange in den USA, aber auch zeitweilig in Westafrika. In Guinea zum Beispiel.
Hi, hi. Weil da Miriam Makeba war. Da ging jeder hin. Ihr war ja die Rückreise in die USA verweigert worden, weil sie Stokeley Carmichael geheiratet hat. Da haben ihr alle Pässe angeboten, der Präsident von Tansania, der Präsident von Ghana und der von Guinea.

Es ist immer sehr interessant, was man von Musikern alles erfährt. Ich wusste bis dato recht wenig über diese Zeit in Westafrika.
Das will man auch nicht wissen. Es war nicht schön.

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Foto: Barbara Mürdter

Was hat sich seitdem in Benin geändert?
Eine Sache, mit der wir gesegnet waren, war die Nationalkonferenz. Da haben die Leute gesagt, wir haben die Nase voll von diesem Unfug. Wir wollen kein kommunistisches Regime mehr. Das Konferenzzentrum war von Militär belagert. Da haben sie gesagt: Entweder ihr tötet uns alle oder ihr geht weg. Das war 1989. Die haben auch vom Fleck weg einen neuen Präsidenten ausgewählt. Das war ein ehemaliger Wirtschaftswissenschaftler der Weltbank. Der war gerade im Benin im Urlaub. Er hatte keine Pläne, Präsident zu werden. Aber sie sagten: Du musst. Der Erzbischof De Souza war da, was sehr hilfreich war.

Es gab eine Fraktion im beninischen Militär, die bereit war, alle zu töten, um an der Macht zu bleiben. Aber da hat der Präsident Nein gesagt. Er sagte: Ich gebe euch das Land zurück, so lange ich nicht vor Gericht gestellt werde und mein Haus behalten kann. Und das Volk sagte: Wenn das alles ist, geh. So sind wir von einer Diktatur zur Demokratie geworden und das Erste, was wir machten, war die Verfassung so neu zu schreiben, das dass sie wieder dem Gesetz entsprach. [Der Präsident] bleibt für fünf Jahre, und dann ist wieder Wahl. So ist das bis heute. Und plötzlich gab es auch all die Zeitungen, die es bisher nur im Untergrund gab. Jetzt haben wir Redefreiheit in Benin, Dank 1989.

Also ist es für Sie kein Problem mehr, dahin zu reisen?
Ich fahre in zehn Tagen wieder hin.

Sie haben diese Stiftung für Mädchenbildung gegründet, Batonga. Was heißt das?
Batonga ist ein Wort, das ich mir ausgedacht habe. Es heißt: Lass mich zufrieden. Ich kann sein, wer immer ich sein will. Wenn man ein Mädchen ist, das auf eine weiterführende Schule geht, dann wird man von den Jungs unter Druck gesetzt, da abzugehen. Aber wir brauchen gut gebildete Frauen in Afrika, um eine wirkliche Wende herbeizuführen. Wir brauchen Wirtschaftswachstum. Das bekommen wir nie, wenn wir nur auf gebildete Männer setzen. Wir müssen die Kindersterblichkeit drastisch reduzieren. Wir müssen die HIV / AIDS-Epidemie in Griff bekommen, ebenso Malaria. Um diesen Wechsel zu vollziehen, brauchen wir die gut ausgebildeten Frauen.

Würden Sie das als eine feministische Herangehensweise beschreiben oder ist das ein westliches Konzept für Sie?
Ich bin Feministin, seit ich acht bin. Ohne es zu wissen. Meine Mutter nahm mich zum Frauentreffen mit. Seit damals, seit den 60ern, erbitten sie sich mehr Respekt und mehr Rechte. Das ist nicht feministisch. Wenn die Männer das Richtige machen, reden wir auch nicht über Feminismus. Wenn Männer anerkennen, dass wir ihre Partner im Leben sind, in der Wirtschaft und der Ökonomie, dann reden wir nicht von Feminismus. Man kann mich gern feministisch nennen, weil ich kein Besitz eines Mannes sein will. Ich bin ein Mensch und habe ein Gehirn. Ich bin zur Schule gegangen. Und ich kann ohne einen Mann leben. Kann ein Mann ohne mich leben? Das würde ich bezweifeln.

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Diskussion

2 Kommentare zu “Angelique Kidjo’s “Oyo”: Erinnerungen an eine afrikanische Kindheit”

  1. Danke! Ja, Angelique kidjo scheint im englisch- und französischsprachigen Raum deutlich präsenter zu sein. Ich hatte obiges Interview auch mehreren Zeitungen angeboten – obwohl sie Fußballbotschafterin in SA war und auch gerade 50 wurde, bestand kein sonderlich reges Interesse an dem Thema.

    Gepostet von Barbara Muerdter | Februar 2, 2011, 12:37
  2. Tolles und aufschlussreiches Interview!
    Habe mich sehr gefreut über Angelique Kidjo zu lesen, da ich ihre Musik sehr mag und sie ja sonst kaum in den Medien vertreten ist.

    Gepostet von Natalie E. | Februar 2, 2011, 09:01

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