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Interviews

Aus dem Archiv: Kevin Barnes (Of Montreal) 2008: Der kreative Prozess als Antrieb

Das nachstehende Interview habe ich mit Kevin Barnes, dem kreativen Kopf der Band Of Montreal aus Athens, Georgia, 2008 zum Erscheinen des Albums Skeletal Lamping geführt. Mehr zum heute erscheinenden Album False Priest hier. Am 10. Oktober tritt die Band zu ihrem bisher einzigen Deutschlandtermin im Admiralspalast Berlin auf.

of montreal

Foto: Barbara Mürdter

Wenn man eine Band wie euch hört, würde man erstmal vom Sound her denken, ihr seid eine von den vielen interessanten neuen Bands aus Brooklyn. Aber ihr seid nicht nur schon seit über zehn Jahren dabei, sondern lebt auch noch in dem kleinen Universitätsstädtchen Athens in Georgia. Die einzige Band, die ich kenne, die da herkommt, ist R.E.M. Seid ihr da Exoten oder gibt es da auch eine Szene für Musik wie eure?
Es gibt ohne Ende Bands in Athens, aber niemanden, der wirklich so wie wir ist. Es gab einige Zeit ein sehr gutes Künstlerkollektiv, zu dem wir gehört haben, Elephant 6 Collective. Aber in den letzten fünf Jahren oder so waren es nur wir. Wir haben unser eigenes Ding gemacht, in unserer eigenen kleinen Blase.

Wo bekommt ihr dann die Anregungen her, das zu tun, was ihr macht?
Ich weiß nicht, ob das so viel mit dem Umfeld zu tun hat. Es gibt so viele verschiedene Musikrichtungen, und ich nehme etwas von all diesen Einflüssen, um etwas zu machen, das ich interessant finde.

Und was für Einflüsse sind das?
Prince, David Bowie, Ray Davis und die Beatles sind wahrscheinlich die größten Einflüsse. Dann sind da noch die Beach Boys, und HipHop, zum Beispiel Erykah Badu, Outcast und Neptunes. Ich mag auch Funk sehr gern, Curtis Mayfield und Sly and the Family Stone. Und 60s Popmusik. Das packe ich dann alles zusammen.

Das ist der Musikteil. Of Montreal ist aber auch viel Performance. Wo kommen die Ideen dafür her?
[Das ist] einfach nur absurde Komödie. Das meiste ist sehr ironisch und kann manchmal auch ein bisschen bizarr sein. Aber zumeist ist es einfach Spaß, wir nehmen uns da nicht so ernst. Das hat keine tiefere Bedeutung oder Symbolismus.

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Foto: Barbara Mürdter

Aber wo kommen die Anregungen dafür her? Die Leute in New York bekommen sie durch Liveshows, die sie sehen. Schaut ihr euch Sachen auf Video an, oder im Fernsehen?
Nein. Das kommt einfach als unserem Kopf. Im Prinzip versuchen wir uns einfach vorzustellen, was für ein Publikum cool aussehen würde und machen das, wozu wir gerade Lust haben. Wir denken darüber nicht groß nach, ob es jetzt funktionieren wird. Man muss es einfach machen. Dann merkt man schon, was geht und was nicht.

Als ihr angefangen habt, klang eure Musik ja ein bisschen anders. Da gab es einen relativ auffälligen Bruch, oder zumindest eine starke Veränderung hin zum Groovigeren so Mitte des Jahrzehnts. Wie kam das?
Ich war irgendwann ziemlich gelangweilt von diesen ganzen 60s Sachen, die Kinks, Ray Davies, die Pretty Things. Kaleidosope und vieles andere, psychedelische Popmusik. In letzter Zeit hat uns mehr Musik interessiert, die vom Beat bestimmt ist, elektronische Musik.

Hat das Auswirkungen auf euren Erfolg gehabt? Mir persönlich ist eure Band erst nach diesen musikalischen Veränderungen aufgefallen und ich kenne die früheren Sachen gar nicht wirklich.
Wir sind seitdem definitiv bekannter geworden. Die einzige Erklärung, die ich dafür habe ist, dass es in der Zeit, als wir das gemacht haben, die 60s Psychedelic Music als anachronistisch und nicht in die Zeit passend aufgenommen wurde und die neuen Sachen als zeitgemäßer wahrgenommen werden, weil wir aktuell angesagte Elemente wie programmiertes Schlagzeug und andere Sachen einsetzen, die dem Ganzen eine aktuellere Produktionsqualität verleiht.

Ist es richtig, dass du die meisten Sachen schreibst und die Band mehr für die Aufführung zuständig ist?
Ja, ich mache das meiste erstmal selbst, nehme ein Instrument nach dem anderen auf. Ich habe ein kleines Studio. Ich arbeite in diesen ganz winzigen Räumen, die Decke ist keine zwei Meter hoch. Aber das ist mir egal, denn wenn ich arbeite, bin ich irgendwo anders. Da ist die Umgebung völlig unwichtig. Ich habe das immer schon gemacht. In der Oberschule hatte ich einen Kassettenrecorder, wo ich immer eine Spur auf die andere gelegt habe und das ist jetzt die Fortführung.

Wie arbeitest du dann mit der Band?
Wir versuchen das Album so originalgetreu wie möglich wiederzugeben, und manchmal finden wir Sachen bei den Proben, die noch besser sind als auf dem Album. Aber zumeist bleiben wir sehr nahe an dessen Arrangement und Orchestrierung. Wir arbeiten dann gemeinsam an dem theatralischen, visuellen Moment.

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Foto: Barbara Mürdter

Findest du es dann besser, jetzt, 2008, Musiker zu sein oder wären die 60er lieber, wo alles noch einfacher und die Pfade unbetretener waren?
Ich lebe ganz klar lieber jetzt. Das besondere an den 60ern, und das kann man leicht romantisieren, ist, dass so viele tolle Sachen in dieser Zeit entstanden sind. Aber ich versuche daran zu denken, dass in 30 Jahren vielleicht 2008 als die großartige Epoche betrachtet werden. Die Leute schauen dann vielleicht zurück und denken, was für eine tolle Periode war das. Und ich glaube das, denn es gibt im Moment viel tolle Musik.

Vor ein paar Jahren hast du mal gesagt, die aktuelle Popmusik wäre zu nett und zu glatt. In letzter Zeit sehe ich aber eine Menge interessante neue Bands, eine neue Qualität – geht dir das auch so?
Ja, da stimme ich völlig zu. Eine Menge Leute scheinen Musik der Kunst wegen zu machen und sind nicht von Verkaufszahlen motiviert, sondern durch den Wunsch, etwas auf einem bestimmten Level Interessantes, Provokatives oder Originelles und Außergewöhnliches zu schaffen. Und das ist ganz bestimmt auch unsere Motivation.

Meinst du, sie sind in dem Versuch auch erfolgreich?
Auf jeden Fall. Viele Leute benutzen die aktuelle Technologie auf wunderbare Weise. Das ist aus meiner Sicht die einzige Möglichkeit, Musik zu entwickeln, die Technologie, die jetzt da ist und die vor zehn Jahren noch niemand hatte auch zu nutzen. Früher mochte ich aktuelle Sachen nicht und wollte sie nicht hören. Aber ich habe dann erkannt, dass das dämlich ist und ich mich selbst einschränke.jetzt finde ich das sehr spannend und will die Platte machen, die die Richtung ändern, in die sich die Musik entwickelt, ein bahnbrechendes Album, das sehr vorwärtsgewandt, aufregend und neu klingt.

Welche Bands gefallen dir im Moment?
Ich finde MGMT ganz toll, Deerhoof, Animal Collective, Fiery Furnaces, Caribou, Gang Gang Dance, Health – da gibt es so viele Bands (lacht).

Für das letzte Album Hissing Fauna hast du diese Figur George Fruit entwickelt, die jetzt auf Skeletal Lamping weiter entwickelt wird. Kannst du mehr dazu erzählen?
Das war vor allem ein Werkzeug für das Songwriting. Vielleicht hatte ich unbewusst genug davon, diese ganzen offen persönlichen Songs zu schreiben, Ich hatte Skeletal Lamping nicht von Anfang an so geplant, es ist einfach natürlich so geworden, aber das war die einzige stetige Sache, dass ich die Dinge habe passieren lassen, die in mir eine Stimme brauchten. […] ist anders als Skeletal Lamping, hoffe ich. Das ist immer mein Ziel, ihm immer eine andere Persönlichkeit zu verleihen.

Dein George Fruit ist sexuell sehr provokant und spielt auch mit Geschlechterrollen. Die erste Figur in der Art im modernen Pop war wahrscheinlich Bowies Ziggy Stardust und mit dem wird immer alles verglichen werden. Was ist der Unterschied zwischen ihm und George Fruit?
Das ist unser eigenes Ding. David Bowie hatte damals, 1972 oder so, nicht so viel unterschiedliche Musik, die er hören konnte, die ihn beeinflusst hat. Und wir sind sicher von Ziggy Stardust und allem, was David Bowie seitdem gemacht hat beeinflusst, aber auch noch tausenden anderen Platten, die zwischen 1972 und 2008 entstanden sind. Das ist wahrscheinlich genau der Unterschied: Es verändert sich langsam über die Zeit und wir wollten nie einfach einen David Bowie Abklatsch machen. Wir nehmen ein bisschen von David Bowie, ein bisschen von Sly Stone, ein bisschen von Duran Duran oder Prince und mischen alles zusammen.

Was findest du reizvoll daran, mit Geschlechterrollen zu spielen?
Ich denke, dass sich viele Leute sehr eng definieren. Ich versuche, die weibliche und die männliche Seite in mir zuzulassen und nichts zurückzuhalten. Und ich versuche, durch meine Musik und unsere Shows, diese Haltung zur Sexualität zu fördern. Wenn Leute mich fragen, ob ich eigentlich schwul oder hetero oder bi bin, sage ich, das hängt vom Moment ab, ich kann alles sein, jeder kann alles sein, wenn wir offen genug sind und das zulassen.

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Foto: Barbara Mürdter

Du spielst auch mit Ethizität – deine George Fruit Figur ist schwarz. Wie kommt das?
Ich habe mich sehr für Soul interessiert und es gibt so viele merkwürdige Thesen darüber, was Weiße oder Schwarze für Musik machen. Die sind wirklich lächerlich, einschränkend und unnötig. In meinem Kopf dachte ich, wenn ich mich so verhalte und solche Songs schreibe, dann ist es vielleicht authentischer, wenn es eine schwarze Person ist, die das macht, also musste es eine schwarze Figur sein.

Hast du diesen Artikel von Sasha Frere Jones im New Yorker gelesen, wo er darüber schrieb, dass es keine schwarze Musik mehr in der Indie-Musik gäbe. Der wird ja derzeit heiß diskutiert.
Ja, und ich glaube, er hat absolut unrecht. Die verfolgen Musik nicht genau genug um zu hören, dass es eine Menge Bands gibt, die dieser Aussage nicht entsprechen.

Manchmal ist es aber schon so, dass Leute, die ihre musikalischen Vorbilder benennen sollen nur Weiße aufzählen. Oder wenn sie bewusst Schwarze nennen, wirkt es gezwungen und passt nicht.
Naja, man identifiziert sich mit bestimmter Musik und es ist egal, was für eine Hautfarbe die Musiker haben. Vielleicht können sich manche Menschen sozial nicht mit bestimmten Songs identifizieren, die direkt aus einer schwarzen Perspektive kommen. Aber mit ein bisschen Vorstellungskraft und Lebenserfahrung kann man sich mit allem identifizieren, jeder Form der Wahrnehmung und Realität.

Und kennst du Stuff White People Like?
Ja, klar. Das ist sehr lustig und trifft es ziemlich genau (lacht).

Ich habe das gerade erst entdeckt und war erstmal ein wenig verwundert und habe mich gefragt, worauf das hinauslaufen soll.
Ich finde es witzig, weil soviel auf meine weißen Freunde zutrifft, was er schreibt. Es geht einfach um den Spaß und soll nicht polarisieren. Deine Hautfarbe ist reiner Zufall. Das Leben ist zu flüchtig und es ist lächerlich, sich durch die eigene Hautfarbe leiten zu lassen. Sie sollte einem nicht das Selbstkonzept vorschreiben. Wenn ich jetzt schwarz geboren wäre, aber mit dem selben Geist, wäre meine Hautfarbe völlig irrelevant. Natürlich macht man dann Erfahrungen aufgrund seiner Hautfarbe, abhängig davon, wo man lebt. Manchmal ist es dann von Vorteil, schwarz zu sein, und manchmal nachteilig. Das gleiche, wenn man weiß ist – abhängig vom Szenario. Aber eigentlich denke ich über sowas gar nicht nach.

In einer sehr netten Review zum neuen Album stand, dass man eure Band entweder mag oder nicht mag. Und wenn man euch mag, würde einem auch das neue Album gefallen. Allerdings könnte es sein, dass man etwas peinlich berührt sei, wenn man die Songs auf einer Party hört. Warum thematisierst du Sexualität so gern direkt und provokativ?
Ich musste es einfach, ich kann nicht sagen warum und habe darüber nicht weiter nachgedacht. Es ist so passiert, mir war danach, über Sex zu singen, und da habe ich es gemacht (schmunzelt).

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Foto: Barbara Mürdter

Man könnte ja auch annehmen, du singst über Sex, weil das mehr Leute anzieht, die dann zu den Shows kommen.
Also ich glaube nicht, das es der einzige Grund ist, dass sie zu einer Of Montreal Show kommen, weil ich über Sex singe, sondern weil sie ausgelassen, spielerisch und dynamisch ist. Emotional und intellektuell kann sie nicht nur in eine Ecke einsortiert werden. Ich glaube, dass Menschen, die kreative Musik schätzen Of Montreal mögen werden.

Vor zwei Jahren hast du diese Werbung für Outback gemacht. Da bist du ja von vielen Leuten drauf angesprochen worden. Was war das genau?
Ich war damals pleite und ich habe eine Tochter. Sie war damals ein Jahr alt. Und da kam diese Werbeagentur und fragte, ob sie diese eine Melodielinie verwenden könnten. Wir geben dir das Geld nur für die Melodielinie. Damals war ich nicht in der Position Nein zu sagen. Sie haben es auch nicht ganz richtig dargestellt und sagten, sie würden es wahrscheinlich nur für einen Radiojingle verwenden, ganz klein. Es stellte sich dann heraus, dass es für die größte Fernsehwerbungskampagne war, die sie je gemacht haben.

Das ganze war gut und schlecht. Ich habe eine ganze Menge Geld bekommen, und als die Leute anfingen, mich des Ausverkaufs zu bezichtigen war ich motiviert zu zeigen, dass das nicht der Fall war. Also habe ich dadurch einen guten Arschtritt bekommen, etwas Kreatives zu schaffen. Ich habe es als Positives benutzt anstatt in Panik zu verfallen und mich runter ziehen zu lassen.

Nun ja, Künstler mussten immer auch ökonomischen Aspekten Tribut zollen. Eine Gesellschaft, in der der Künstler nur für die Kunst leben kann gab es noch nicht. Oder glaubst du, dass das irgendwie funktionieren kann?
Das ist die fundamentale Quelle der Inspiration, etwas zu schaffen, dass du aufregend findest und was dich erfüllt. Wenn man es dann gemacht hat, fragt man sich, wie kann ich das nochmal machen? Wie schaffe ich das? Ich werde es verkaufen, in der Hoffnung, dass das Geld, was aus diesem Projekt kommt in das nächste fließen kann. Die meisten Leute wollen genau das machen, besonders wenn ihre Musik wirklich kreativ und interessant ist. Wir haben Glück [dass es funktioniert]. Ich kann nicht beurteilen, wie kreativ und interessant jetzt unsere Musik ist, aber ich finde es erfüllend, sie zu machen. Ich habe gemerkt, dass die Erfüllung, die man im kreativen Prozess erfährt der Grund ist, warum ich es mache, nicht die Anzahl de verkauften Platten oder dass Leute sagen, dass sie die Songs toll finden. Sondern weil ich es gern mache. Sehr gern. Ich muss es machen.

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