von 18. September 2010 4 Kommentare Mehr →

anbb: Blixa Bargeld und Alva Noto im Berghain Berlin

flattr this!

Update:
Blixa Bargeld und Alva Noto: Interview-Mitschnitt von Jorinde Reznikoff und Klaus-Peter Flügel (neopostdadasurrealpunkshow) vom Freien Senderkombinat FSK Hamburg.

anbb fsk by popkontext

Eine handvoll Menschen stand in der Herbstkühle vor dem Berliner Berghain, nachdem das erst kurzfristig intensiver beworbene Event kurz vor Veranstaltungsbeginn erwartungsgemäß ausverkauft war. Fast alle, die in die heiligen Hallen des weltweit bekannten Clubs eintreten wollten, waren deutlich älter als der Schnitt der hier ansonsten verkehrenden Nachtschwärmer. Einige waren offenbar mitgealterte Neubauten-Anhänger/innen der ersten Stunde (und das oft auch weiblich), aber auch die Musikhipster jeglicher Couleur und die vergleichsweise jüngeren Alva Noto-Fans waren vielfach deutlich über 30.

anbb

anbb / Foto: Promo Copyright Raster-Noton Berlin

Die vermutete Stardichte an einem Abend, an dem sich eine international verehrte Kultfigur aus der alten Berliner Szene und ein angesehener Elektronikmusiker die Ehre gaben, war zumindest am Einlass dann doch nicht so hoch. Aber die Presse kam, u.a. Jens Balzer von der Berliner Zeitung samt Fotograf und Martin Hossbach von der Spex, der wie aus dem Ei gepellt in Schlips und Kragen mit frisch geföhntem Haar in den Berghain rauschte. In den dunklen Gefilden im Inneren des Berghains hat man kaum eine Chance, auf Gesichter zu achten: Immer wieder entgleitet hier der Blick von der spärlich in Weiß, Lila und Stroboskoplicht beleuchteten Menschenmenge in die beeindruckende Raumhöhe. Man kontempliert die Architektur, in der der einzelne Mensch verschwindet, Teil einer wabernden Masse zwischen Mauern, Stufen und Säulen wird. Dafür fielen mir diesmal die Designlautsprecherboxen besonders auf, die mich in diesem Kontext an die futuristischen Intonarumori erinnerten, die Bargeld einst für eine Arbeit hat nachbauen lassen. (Update: Hier ein interessanter Artikel über die Anlage).

Die Lightshow auf der Bühne war passend minimalistisch und effektvoll: Auf einer weißen Leinwand im Hintergrund spielten die Schatten der manchmal grell weiß angestrahlten, manchmal in weiches lila, oranges oder grünes Licht getauchten Musiker. Auftritt Blixa Bargeld: Das zeltartige Jacket umspielte einen veritablen Wanst, das bleiche Gesicht verlebt und aufgedunsen. Die schmierige Schüttelfrisur mit den ausgeschnittenen Ohrenpartien war schon immer albern. Und doch macht dieser Mann, der nie darauf Wert gelegt hat, als Sympath zu erscheinen, Eindruck. Denn der mittlerweile 51jährige ist nicht nur jemand, der sich selbst zur unnahbaren Künstler Star-Persona stilisiert, sondern auch 30 Jahre substantiell Musikgeschichte geschrieben hat, mit den Einstürzenden Neubauten und jenseits davon. Das verlangt einfach Respekt ab, ja sogar ein bisschen Ehrfurcht.

blixa bargeld einstuerzende neubauten

Blixa Bargeld / Foto: Promo

Er griff das Mikro, sang los mit der charakteristischen theatralischen Stimme, voller durch den neu gewonnen körpereigenen Resonanzboden, in seinem Englisch mit dem starken deutschen Akzent, in seiner Muttersprache, er warf Wortfetzen in die Menge, und auch von den Geschichten, die er in den Songs erzählte, verstand man leider nur Bruchstücke. Die Wirkung entfaltete sich aus dem Zusammenspiel von Geste, Text, Gesangsstil und Musik, wenn zum Bespiel beim Titelsong der EP Ret Marut Handshake Erinnerungen an Nick Caves Murder Ballads wach wurden – was natürlich zudem auch Kontextassoziation war, weil Bargeld lange Jahre in dessen Band Gitarre spielte. Bargeld wedelte mit den Händen, reckte die Finger in die Luft, trat vom Mikro zurück, kreischte, fauchte und schrie, wiegte dabei den massigen Körper hin und her und ging ein paar Schritte. Nach fast jedem Stück umarmten sich er und sein Mitstreiter, als seien sie riesig glücklich über das gerade Zustandegebrachte und / oder müssten ihre Energien wieder vereinen für das Kommende.

Sieht man vom Kult ab, war der Star des Abends allerdings Carsten Nicolai alias alva noto. Ich kannte den renommierten Soundforscher bisher vor allem aus seiner Zusammenarbeit mit Ryuichi Sakamoto, einer Bargeld ebenbürtigen musikalische Figur, aber einem völlig entgegengesetzten Typus: Ein ruhiger, freundlicher und liebenswürdiger Mensch, uneitel, was seine Person betrifft. Nicolais Arbeit mit ihm schien in ihrer tranceartigen Zurückhaltung mit seiner zu Einem zu verschmeltzen. Es überraschte mich so, wie dynamisch und krachig Nicolai die Diva Bargeld in Szene setzte. Offenbar ist der in Karl Marx-Stadt aufgewachsene 45jährige Künstler in der Lage, sich völlig auf seine jeweiligen musikalischen Partner einzulassen: In dem, was der Musiker aus Rechner und allerlei Effektgeräten herausholte, hallte der Geist der Neubauten wider, der Noise, aber auch das Balladeske. Diesen Nachhall übersetzte und reinterpretierte Nicolai in seinem elektronischen Universum: Er überraschte mit immer neuen und unterschiedlichen Krachfeuerwerken, nahm sich zurück, wenn Bargeld sang, legte zerzauste Soundteppiche unter Songs, um dann wieder loszulegen. Dabei schlug auch er mit den Armen durch die Luft, zum Teil in synchroner Choreografie mit dem Altmeister, und wippte energetisch mit dem Oberkörper, sprang von einem der auf Eck gestellten Geräte zum anderen. Dann stand er wieder in der Ecke und beobachtete, was Herr Bargeld so macht.

alva noto

alva noto / Foto: Promo

Das Zusammenspiel der beiden Künstler funktionierte perfekt. Als Bargeld die am im Oktober erscheinenden Album beteiligte Veruschka von Lehndorff zum Song Katze auf die Bühne holte, wirkte die schräge ältere Dame, in ein türkisfarbenes Schlauchkleid mit passendem Glitzerhäubchen gekleidet, trotz des Versuchs, sie einzubeziehen, wie ein Fremdkörper und wurde dann auch schnell von Bargeld wieder galant davongeleitet. Außer einem gut gelaunt wirkenden „Herzlichen Dank“ an das Publikum gab es kaum Kommunikation außerhalb des Bargeld / Noto-Universums. Aber nach einigen anfänglichen Irritationen zog das Gespann die Zuhörerinnen mit den immer wieder überraschenden Klängen und Bargelds lamentierendem Sprechgesang in einheimischen, ausländischen und außerweltlichen Zungen in einen magischen Bann. In einem schönen Moment von Gemeinsamkeit begann Bargeld die Zugabe mit einem spitzen Schrei, den Nicolai aufnahm und in eine an Florian Hecker erinnernde, für manche Zuhörer/innen schmerzhafte Hochfrequenzorgie verwandelte: Der Fiepton schien physisch auf dem Trommelfell zu tanzen und zu sirren wie eine hysterische, im Gehörgang gefangene Monstermücke (Update: Wie man an unten stehendem Video aus Hamburg sieht, war es doch nicht so spontan – der physische Effekt kommt allerdings nur live).

Die Qual schien Bargeld zu freuen, denn er verkündete bei der zweiten Zugabe strahlend und ungewöhnlich menschlich, dass das ein spontanes Zusammenspiel war. Zum Schluss gab er noch den an angloamerikanischen Weisen geschulten Song I Wish I Was zum Besten (Update: Es war wohl tatsächlich I Wish I Was a Mole in the Ground von Bascom Lamar Lunford von der Anthology of American Folk Music, wie ein aufmerksamer Leser anmerkte), den Nicolai mit zurückhaltenden, passend monotonen Loops unterlegte. Nach der zweiten Zugaben war das Publikum mindestens so erschöpft wie die Band und zog sich gen Ausgang zurück. Das Konzert hatte einiges abverlangt, im besten Sinne eines fordernden Sinneseindrucks – es war anstrengend, aber befriedigend, stark und bereichernd.

Eine sehr schöne Review auch von Jens Balzer in der Berliner Zeitung

Mehr qualitativ recht gute Videos von der Aufführung bei Kampnagel in Hamburg, die der Berliner Show offenbar ähnlich war, von User DJDistortedChaos auf YouTube.

6 finden diesen Artikel gut.

4 Kommentare zu "anbb: Blixa Bargeld und Alva Noto im Berghain Berlin"

Trackback | Kommentare RSS Feed

  1. Barbara Muerdter sagt:

    Ha, wußte ich doch, dass mir das bekannt vorkam. Aber ich hielt es für eine freie Bargeldsche Variation der Anthology of American Folk Music und Artverwandtem.

  2. Trupedo_Glastic sagt:

    Danke für die Kritik. Nochmal Klugschiss: “I Whish I was” heisst übrigens “I wish I was a mole in the ground”, ist von Bascom Lamar Lunford und findet sich auf der Anthology of American Folk Music.

  3. Barbara Muerdter sagt:

    Nee, nicht Klugschiss, sondern danke für den Hinweis. Meine Begleitung meinte, das wäre die Panoramabar. Ich habe mich zwar auch gewundert, aber mich darauf verlassen, weil sie dort weitaus häufiger ist als ich. Ist korrigiert.

  4. frank sagt:

    klugschiss, der sein muß: das konzert fand im berghain statt, nicht in der panoramabar.

Kommentar posten


Get Widget