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	<title>popkontext &#187; Veranstaltungen</title>
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		<title>Stand und die Zukunftschancen des Printjournalismus &#8211; eine Diskussionsrunde im Rahmen der Berliner Stiftungswoche</title>
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		<pubDate>Tue, 21 Jun 2011 17:07:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Barbara Muerdter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Tweet Im Rahmen der Berliner Stiftungewoche fand am Montag eine Veranstaltung unter dem Titel Wie Stiftungen guten Journalismus stützen statt. Ausgerichtet von der BMW Stiftung Herbert Quandt und Stiftung Wertevolle Zukunft. Eingeladen waren Nikolaus Blome (Bild Hauptstadtredaktion), Bascha Mika (Publizistin), Volker Lilienthal (Universität Hamburg, Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus), Leonard Novy (Stiftung Neue Verantwortung); moderiert [...]
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			</div><div style="clear:both"></div><div style="padding-bottom:4px;"></div><p>Im Rahmen der Berliner Stiftungewoche fand am Montag eine Veranstaltung unter dem Titel <em>Wie Stiftungen guten Journalismus stützen</em> statt. Ausgerichtet von der BMW Stiftung Herbert Quandt und Stiftung Wertevolle Zukunft. Eingeladen waren Nikolaus Blome (Bild Hauptstadtredaktion), Bascha Mika (Publizistin), Volker Lilienthal (Universität Hamburg, Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus), Leonard Novy (Stiftung Neue Verantwortung); moderiert wurde sie von Ralf Müller-Schmid, Redaktionsleiter DRadio Wissen. Es sollte darum gehen, wie Stiftungen „unabhängigen Journalismus in seiner demokratischen und gesellschaftlichen Funktion“ unterstützen. Das spielte allerdings nur relativ am Rande eine Rolle – es ging vor allem um den Stand und die Zukunftschancen des Printjournalismus im Allgemeinen.</p>
<div id="attachment_23357" class="wp-caption aligncenter" style="width: 650px"><a href="http://www.popkontext.de/wp-content/uploads/2011/06/Beliner-Stiftungswoche-Logo.jpg" rel="shadowbox[sbpost-23325];player=img;" title="Beliner Stiftungswoche Logo"><img src="http://www.popkontext.de/wp-content/uploads/2011/06/Beliner-Stiftungswoche-Logo.jpg" alt="Beliner Stiftungswoche Logo" title="Beliner Stiftungswoche Logo" width="640" height="440" class="size-full wp-image-23357" /></a><p class="wp-caption-text">Beliner Stiftungswoche Logo</p></div>
<p><strong>Strukturwandel und Krise in den Printmedien</strong></p>
<p>Zunächst gab es eine Keynote von Lewis A. Friedland, University of Wisconsin-Madison über die (wie bekannt sehr desolate) Situation der Medien in den USA und die Rolle, die Stiftungen dort spielen. Später einigte man sich schnell darauf, dass die Situation dort jedoch eine andere sei, da in den USA die Zivilgesellschaft etwas leistet, was der Staat nicht leistet. Doch auch hierzulande geht es dem Journalismus schlecht, zumindest in der Tendenz. Nicht dass das eine neue Erkenntnis wäre, und so wurde in der ersten Hälfte der Diskussionsrunde über Dinge geredet, die zumindest jede/r Zweite aus dem anwesenden Fachpublikum auch aus dem Stegreif hätte referieren können.</p>
<p>Wenn von einem struktureller Wandel der Medien durch das Internet die Rede war und von fehlenden Bezahlmodellen fürs selbiges, ist wahrscheinlich kaum eine/r der Zuhörer/innen vor Überraschung vom Stuhl gerutscht. Bei Lilienthals Feststellung, das die Journalisten zu schwerfällig seien, sich mit den neuen Medien zu beschäftigen stellte sich die Frage, ob sein freimütiges Bekenntnis, er selbst habe gerade bei einem Seminar zu Online-Recherche noch dazu gelernt unbedingt sein musste. Dass es nur die Printmedien beträfe, wie es insgesamt anklang, ist so nicht ganz richtig, aber da neben zwei Akademikern nur (Ex-)Mitarbeiter/innen von Printmedien anwesend waren kein Wunder, dass diese im Mittelpunkt standen.</p>
<p><strong>Das Prinzip Zeitung unabhängig vom Medium erhalten</strong></p>
<p>Bascha Mika, (die fast ausschließlich aus ihrer Position als Ex-taz-Chefin sprach, und man sich die Frage stellte, warum man nicht gleich die aktuelle, Ines Pohl, eingeladen hatte) ging es darum, „das Prinzip Zeitung zu retten“, egal ob auf Papier oder Online. Wissen statt Information sei hier der Punkt, die Zeitung habe Tiefe, sei ein analytisches Medium, was Fernsehen oder Radio in der Art nicht leisten könnten. Eine Zeitung sei auch eine „Wundertüte“, in der man nicht wie bei Online gezielt nach einem Thema suche, sondern auch zufällig auf Themen stößt. Beim Wechsel zu Online sei die alles entscheidende Frage: Wie bezahlt man vernünftige Recherche, woher das Geld für Reisen?</p>
<p>Volker Lilienthal betonte, dass der Strukturwandel dann keine Katastrophe sei, wenn man “die gute alte journalistische Tugenden” in das neue Medium hinüberretten könne. Es sei eine zivilgesellschaftliche Aufgabe, dass der Journalismus nicht unter die Räder gerät.</p>
<p>Ein Problem sah vor allem Mika im Desinteresse des Publikums, das keine Wertschätzung, d.h. Zahlungsbereitschaft für den Qualitätsjournalismus habe. Man kaufe bei Starbucks ekeligen Kaffee zu überteuerten Preisen, aber ein paar Cent für eine gute Zeitung seien schon zu viel – wo sie von Blome Zustimmung erhielt, dass Zeitungen viel zu billig seien. Mika räumte ein, dass sich Leser schon über die grottenschlechten Regionalblätter beschwerten, aber es müsse eigentlich einen öffentlichen Aufstand geben, der aber ausbleibe. Sie sieht für die Zukunft einen Abschied vom Qualitätsjournalismus bei weiten Teilen der Bevölkerung. Die Frage sei: Für wen machen wir welchen Journalismus. Früher habe die Süddeutsche jeder in der Region gelesen: Bäckersfrau, Kleingärtner, Intellektuelle. Jetzt werden die Zielgruppen immer spezifischer – bestimmte gesellschaftliche Gruppen werden ihre Zeitung halten. Verleger hätten in der Mehrzahl kein Interesse an Qualitätsjournalismus.</p>
<p>Blome wies darauf hin, dass der Scheidepunkt weniger zwischen Boulevard und Qualitätsmedien verliefe, sondern zwischen überregionalen und regionalen Blättern. Letztere würden den nächste Krise nicht überleben, wenn es nicht zu Fusionen komme. Es sei zudem eine Krise des Trägermediums, das durch Herstellungskosten und Vertrieb so teuer sei. Ansonsten sei Journalismus online nicht anders, wenn denn ein brauchbares Bezahlmodell gefunden würde, an das er aber zuversichtlich glaube. Als Beispiel nannte er unter anderem die britische <a href="http://www.thetimes.co.uk/tto/news/" title="The Times" target="_blank">The Times</a>, bei der das schon funktioniere.<br />
<strong><br />
Mehr Bürgerbeteiligung durch neue Technologien möglich – und nötig</strong></p>
<p>Bascha Mika beschwert sich, dass der Qualitätsjournalismus teuer für Print produzierte Artikel im Netz „verschleudert“ – was dann allerdings nicht mit dem von Blome mehrfach als Beispiel genannten erfolgreichen Konzept der Zeit zusammenpasst. Diese stellt nicht nur viele Texte ins Netz, sondern produziert extra für dieses. Zudem hat auch als eine der ersten das Bloggerprinzip aufgenommen, für den der Guardian, der jetzt sogar nach dem Digital First-Prinzip arbeitet, als innovativ gelobt wurde.</p>
<p>Das nicht ganz neue, aber immer noch in der frühen Testphase befindliche und keineswegs angekommene Konzept des Mitmachens der verstärkten Leser/innenbeteiligung über Kommentare und Blogs, und auch die Einbindung professionell gemachter Blogs wurde ausgiebiger diskutiert. Lilienthal meinte, dass sich Publikum sich besser einbringen könne und mehrt Dialog stattfände erhöhe den Rechtfertigungsdruck auf die Journalisten, der aber eine Chance zur Optimierung des Angebots erhöhe. Novy sprach an anderer Stelle von „responsiven Praktiken“, nicht mehr dem Motto: Ich mache das Blatt, was mir gefällt.</p>
<p><strong>Journalistische Qualität bleibt notwendig<br />
</strong><br />
Von journalistischen Laien verfasste Blogs könnten aber die professionelle journalistische Arbeit nicht ersetzen, sondern nur ergänzen, war man sich einig. Bascha Mika meinte zum Zusammendenken von Qualitätsjournalismus und Bürgermedien, dass zum Prinzip Zeitung auch journalistische Standards gehören, auf die die Journalist/innen „gestoßen werden“ können. Blome sprach von einer „intelligenten Art des Weglassen“ im Journalismus – man reduziert das zu Berichtende auf die Kernpunkte und setzt es in einen Kontext. Das Gegenteil sei beim Bürgerjournalismus der Fall: Online gäbe es unendlich viel Platz – und da ließe man sich dann ausführlich aus, und anscheinend gäbe es auch Leute, die unendlich viel Zeit hätten, das auch zu lesen.</p>
<p>Lilienthal hielt dagegen, dass es eben die Blogger/innen seien, die wegließen: Beim ihnen stehe das persönliches Anliegen im Vordergrund, während die gesellschaftlich relevante Ebene wegfiele, wo es Aufgabe der Journalisten sei, das ganze Bild zu liefert. Der Journalismus habe eine vermittelnde Aufgabe, die in Zeiten der Krise bedroht sei. Als Beispiel nannte er, dass der WAZ-Konzern kein Geld mehr für Regionalberichterstattung hätte und so auf die glorreiche Idee gekommen wäre, einfach einen Volontär zur Ratssitzung zu schicken und den Audiomitschnitt online zu stellen.</p>
<p>Als Beispiel dafür, dass professionell gestaltete, über Kleinspenden finanzierte Blogs teilweise schon die Aufgaben der Regionalberichterstattung übernähmen, nannte Novy <a href="http://www.regensburg-digital.de/" title="Regensburg Digital" target="_blank">Regensburg Digital</a>. Er forderte eine Zusammenarbeit mit klassischen Medienhäusern, um so eine gesellschaftliche Anschlussfähigkeit zu erreichen.</p>
<p><strong>Orientierung an Marktwirtschaft oder öffentlich-rechtliche Tageszeitungen?</strong></p>
<p>Jetzt kam man endlich zum Kernpunkt – wie kann die Finanzierung funktionieren, wenn das Geschäftsmodell nicht mehr profitorientiert oder profitabel ist – , nachdem Lilienthal den Moderator mehrfach angegangen war, dass man sich doch bitte am Thema des Abends orientieren solle. Novy fragte, ob der Vorschlag von Habermas, für den er 2007 fast gesteinigt worden ist, öffentlich-rechtliche Zeitungen zu machen, heute wieder diskussionsfähig sei. Blome sagte wenig überraschend: „Eine große GEZ -Gebühr für ARD und ZDF gedruckt will ich nicht.“ Eine Zeitung müsse sich am Markt orientieren, was die Leute wollen. Zeitungen über Parteien zu finanzieren wurde schon probiert &#8211; funktioniert nicht, weil das keiner haben will.</p>
<p>Mika konterte: Die taz habe sich zu aller erst an der Politik orientiert, dann am Journalismus und jetzt zum Schluss zumindest auch etwas am Markt. Journalismus darf nicht wie Produktion von Wurst oder Käse sein und die gesellschaftliche Funktion der ökonomischen Ebene total untergeordnet, meinte sie.</p>
<p><strong>Welche Rolle können Stiftungen spielen?</strong></p>
<p>Wie können Stiftungen da helfen? Ohne z.B. auf den Guardian zu schauen, der meines Wissens nach neben dem Verkauf und Werbeanzeigen <a href="http://www.gmgplc.co.uk/the-scott-trust/" target="_blank">ausschließlich oder vorrangig aus einer Stiftung finanziert wird,</a> sind sich hier alle einig: Stiftungen können nur in Zeiten des ökonomische Drucks als Hilfe dienen, und zwar bei „technologisch getriebene Innovationsprojekten, nicht zum Bewahren ökonomischer Strukturen“, wie Novy anmerkte. Sie seien „keine karitative Veranstaltung für einen Totkranken“. In den USA kämen nur 0,2 % des gesamten Spendenaufkommens für Journalismus. US-Stiftungen helfen bei Digitalisierung, Recherche Lokaljournalismus, wobei die Orientierung am Gemeinwohl liege. Er wies dabei noch einmal auf den Unterschied zwischen gemeinnützigen / kommerziell orientierten Stiftungen hin.</p>
<p>Als Beispiele, die auch in Deutschland funktionieren könnten nannte er Pro Publica, wo man sich um vernachlässigte Themen kümmert, oder Stateline, wo es um good + bad gouvernance gehe. Bei letzteren kritisierte er, dass deren Artikel zwar kostenlos von anderen Medien übernommen werden dürfen, allerdings nicht redaktionell bearbeitet. Lilienthal sieht Stiftung als wohltätiges Gebilde, das die sich wandelnde Gesellschaft beobachtet und als intervenierender Impulsgeber agiert, der kleine, aber feine Projekte finanziert. Sie können Anschubfinanzierungen leisten für Projekte, die dann in der Marktwirtschaft betsehen müssten. Als Beispiel nannte er das Netzwerk Recherche und den Otto Brenner-Preis, wo Blome lobend zustimmte. Übernahmen könnten sie nicht leisten, da sie lieber ihr Geld in Unis geben, wie z.B. die VW-Stiftung. Lilienthals Professur an der Uni Hamburg wird von der Rudolf-Augstein-Stiftung finanziert.</p>
<p><strong>Parteibhängigkeit und PR vermeiden</strong></p>
<p>Lilienthal meinte, Stiftungen müssen überlegen, wie man Aufmerksamkeit für gute Medieninhalte organisiere, wer sind die Partner seien und wie man Leute erreiche. Als potentielle Probleme bei der Stiftungsförderung sieht er einerseits inhaltlicher Einflussnahme als auch die Orientierung an relevanten Themen. Als negativ-Beispiel nannte er den derzeitigen Boom der Journalistenpreise für alles mögliche – „sogar die Friseurinnung schreibt schon einen aus.“ Damit gleite man in die PR ab.</p>
<p>Zudem muss man sich vor parteipolitischer Orientierung schützen. Auf Blomes provokative Frage: „Würden sie es gut finden, wenn die taz von der Heinrich Böll Stiftung übernommen würde?“ rief Bascha Mika entsetzt: „Um Gottes Willen.“Auch die Genoss/innen dürften sich bei der taz nicht politisch einmischen. Es müsse eine extra Stiftung für die Zeitung geben.</p>
<p>Bei der naiven Frage, ob denn die Bild nicht aus dem erwirtschafteten Überschuss in gemeinnützige journalistische Projekte investieren wolle, musste sogar der sonst so beherrschte Blome etwas kichern. Man investiere schon in Journalismus, aber dann doch lieber im eigenen Blatt – nicht als „Ablass“ an die Öffentlichkeit. Als Beispiel nannte er die Rechercheserie Griechenland, die 40 000 Euro gekostet habe. Jemand merkte dann noch an, was jeder weiß, aber Blome auch nicht sagte: Im Axel Springer-Verlag werden die Profite in das defizitäre „Qualitätsblatt“ Die Welt gesteckt.</p>
<p><strong>Schluss voller offener Fragen</strong></p>
<p>Zum Schluss machte Bascha Mika noch einmal klar, dass die Frage nicht die nach dem Medium sei, sondern die Frage ist die nach Journalismus: Wie kann man den aufklärerischer Gesichtspunkt aufrecht erhalten und ein Publikum finden? Die Frage nach der Funktion in der Demokratie wichtig, Technologie Wurst, das sei die Aufgabe von Anderen, sich darum zu kümmern. Offenbar aus ihrer Sicht auch die nach der Finanzierung. Sie stellt lediglich fest: Guter Journalismus muss erschwinglich bleiben, aber auch Wert haben.</p>
<p>Novy erzählte von Dave Eggers, der in San Francisco teure Zeitungen für Eliten mache und sieht eine Spaltung Info-Elite und die Abgehängten. Es drohe die Krise der öffentlichen Information. Die neue Medienlandschaft im Netz biete viele Bits and Pieces, aber wenig Orientierung, was zu einem Verlust der sozial-integrativen Funktion der Medien führe. Er sehe zwar nicht den Untergang des Abendlandes kommen, aber stehe dem “Netztriumphalismus” ebenso kritisch gegenüber, denn Bürgermedien allein funktionierten auch nicht.</p>
<p>Dann kam man noch mal auf den Trichter, dass das Thema Stiftungen und Journalismus eigentlich gar nicht so neu sei: Bereits 1949 gab es bei der Frankfurter Rundschau Bestrebungen, den Verlag zu einer gemeinnützigen Stiftung zu machen, was aber auf Druck der Amerikaner verhindert wurde. 1973 wurde die gemeinnützige Karl-Gerold-Stiftung gegründet, die seinerzeit 100-prozentige Eigentümerin des Druck- und Verlagshaus Frankfurt wurde, das die FR herausgibt. Seit 2004 hält die Stiftung noch einen Stammkapitalanteil von 10 Prozent.</p>
<p><strong>Kernthema verfehlt und zu hausbacken</strong></p>
<p>In der anschließenden kurzen Diskussion, bei der der Moderator bat, keine „Co-Referate“ zu halten sondern sich kurz zu fassen und Fragen zu stellen, gab es u.a. noch Anregungen zu Förderung von Bürgermedien „als Labor“ und „angewandte Medienkompetenz“, Kritik, dass Crowdfunding (wie so vieles andere zum Kernthema, z.B. die Kulturflatrate oder die Kulturwertmark) nicht besprochen wurde. Ein Besucher merkte an, dass als Bezahlmodell auch Online nur ein „Bouquet“ aus Meldungen, Hintergründe etc. funktionieren könne, als Gesamtpaket und nicht einzelne Artikel – wozu Blome und Mika nickten. Mika wies in diesem Zusammenhang noch einmal auf die gestaffelten Abopreise der taz hin. Lilienthal meinte, es würde auf eine Mischkalkulation Boulevard / Qualitätsjournalismus hinauslaufen, wie er einerseits bei den Öffentlich-rechtlichen, aber auch beim Springer-Verlag zu finden sei.</p>
<p>Alles in allem wurde neben dem verfehlten Thema auf der Veranstaltung zu viel Altbekanntes wiedergegeben, und viel Neues und Interessantes weggelassen. Bei mir meldete sich die Erkenntnis zurück, dass es das Beste wäre, mit fitten, jüngeren, weniger eingefahrenen Kolleg/innen neue Projekte aufzuziehen, anstatt sein Glück bei den etablierten zu versuchen und frustriert zu scheitern. Solche innovativen Projekte wären doch im Sinne von Stiftungen förderungswürdig.</p>
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		<pubDate>Tue, 30 Nov 2010 03:33:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Barbara Muerdter</dc:creator>
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			<div style="float:left; width:85px;padding-right:10px; margin:4px 4px 4px 4px;height:30px;"><script src="http://www.stumbleupon.com/hostedbadge.php?s=1&amp;r=http://www.popkontext.de/index.php/2010/11/30/you-cant-buy-style-smirnoff-night-club-exchange-project-berlin/"></script></div>			
			</div><div style="clear:both"></div><div style="padding-bottom:4px;"></div><p>Normalerweise sind ja Dauerwerbeveranstaltungen wie Jägermeister Rockliga &#038; Co. nicht so meine Liga, und zwar tendentiell unabhängig von Inhalten, die präsentiert oder beworben werden sollen (wobei Tabak / Hartalk noch ein anderes Thema sind, und wenn man sich mit grobkörnigen Marketingkonzepten an musikalisch weniger mainstreamige &#8211; also tendetiell bessere &#8211; Sachen heranrobbt, die zudem eventuell sogar noch eine <em>Haltung</em> vorgeben, wird die Kombi Werbung / Musik zumeist noch schmerzhafter). </p>
<p>Da ich aber Spoek Mathambo gern sehen wollte und seine vorhergehenden Auftritte in Berlin verpasst hatte, musste ich mich wohl oder übel auf Smirnoff Nightlife Exchange einlassen. Popkontext fiel als ein Blog, auf dem Karten für die Veranstaltung verlost werden, gleich unten durch, nachdem ich sagte, ich habe eine kritische Haltung zu solchen Events. Da setzte man doch lieber auf Blogs, die PR-Texte abdrucken (und das entsprechend unkritische Publikum, das sowas liest).</p>
<div id="attachment_15678" class="wp-caption aligncenter" style="width: 445px"><img src="http://www.popkontext.de/wp-content/uploads/2010/11/Smirnoff-Nightlife-Exchange-Berlin.jpg" alt="Smirnoff-Nightlife-Exchange-Berlin" title="Smirnoff-Nightlife-Exchange-Berlin" width="435" height="600" class="size-full wp-image-15678" /><p class="wp-caption-text">Poster</p></div>
<p>Das Konzept des u.a. von MTV beworbenen Events war allerdings erstmal gut und recht stilvoll, was die Künstler/innen angeht: Man wollte an einem Abend in 14 Städten der ganzen Welt in Clubs die Athmosphäre eines Nachtclubs in einem anderen Land erzeugen. Dazu kaufte man lokale Szenegrößen ein, die das Event kuratieren sollten. Irgendwie hat das zwar nicht ganz so richtig geklappt, oder ich habe was verpasst, aber sei’s drum. Im Fall von Berlin war der “Kurator” der bekannte Veranstalter Conny Opper (Scala / Rio / Berlin Festival). Was der allerdings für einen Draht nach Südafrika hat, ist mir nicht bekannt.</p>
<p>Aber er kennt sich aus und hat mit Spoek Mathambo und Gazelle zwei recht interessante Acts eingeladen. Was Boys Noize jetzt speziell mit Südafrika zu tun hatte, lag auch erstmal nicht auf der Hand. Sah eher nach eine Hand wäscht die andere aus. Die echten südafrikanischen DJs Fresh und Euphonik, die eigentlich auftreten sollten, standen zumindest nicht auf dem Poster, so sie denn überhaupt &#8211; wenn dann als Einheizer am Anfang, den ich verpasst habe &#8211; aufgetreten sind. Dabei wurden sie zumindest in südafrikanischen Blogs als Kuratoren für die Veranstaltung gehandelt (<strong>Update:</strong> Die waren auf dem südafrikansichen Event, <a href="http://www.mycitybynight.co.za/smirnoff-nightlife-exchange-the-night-the-world-swopped-nights/" target="_blank">was offenbar doch stattgefunden hat</a>. Da war der Flug für den Austausch doch zu teuer.)</p>
<p>Gerüchtehalber hatte man auch angedacht, den derzeit populärsten südafrikanischen Act, <a href="http://www.popkontext.de/index.php/2010/10/06/video-die-antwoord-evil-boy-tourdaten/" target="_blank">Die Antwoord</a>, einzuladen. Ging aber nicht, weil die gerade auf US-Tour sind &#8211; und generell im Einkauf sicher derzeit nicht ganz billig. Da hat Opper mal kurzerhand seine Freundin gefragt, ob sie nicht auftreten mag. Die ist Kanadierin und heißt Peaches und hat das Beste aus der Situation gemacht. Sie legte ein Duett mit Gazelle aufs Parkett. Da der sowieso schon alle Klischees, die der durchschnittliche Mitteleuropäer von (Süd-)Afrika so im Kopf hat, freimütig bedient, außer selber schwarz zu sein &#8211; war Peaches dann im Arrangement zwischen Tiger und Leopard mal das Zebra. Soviel Südafrika. Die Künstler/innen haben allesamt professionelle und gute Auftritte hingelegt. Aber die Stimmung war merkwürdig mau &#8211; nur bei den eingängigen Rhythmen von Gazelle zuckte doch das eine oder andere Knie.</p>
<div id="attachment_15674" class="wp-caption aligncenter" style="width: 459px"><a href="http://www.popkontext.de/wp-content/uploads/2010/11/conny-opper-smirnoff-.jpg" rel="shadowbox[sbpost-15669];player=img;" title="conny opper smirnoff"><img src="http://www.popkontext.de/wp-content/uploads/2010/11/conny-opper-smirnoff-.jpg" alt="conny opper smirnoff" title="conny opper smirnoff" width="449" height="600" class="size-full wp-image-15674" /></a><p class="wp-caption-text">Poster</p></div>
<p>Das Publikum war bunt zusammengewürfelt (erstmal nichts Schlechtes), viele gerade im Alter, ab dem man legal Alkohol konsumieren darf, bis Mitte 30. Einige Herren sahen aus, als ob sie gerade von der RWE-Jahresparty kommen, eine jüngere Dame glänzte mit einem Hut, der die Konkurrenz in Ascot hätte erblassen lassen, ein paar Verloren rumstehende, die nicht wußten, was sie hier eigentlich wollten, und durchschnittliches Indie-Publikum, wie man es vielleicht auf dem Berlin Festival oder ähnlichen Veranstaltungen antreffen kann. Am Eingang traf ich auch ein paar überdurchschnittlich attraktive, perfekt durchgestylte Menschen mit wohlklingenden spanischen Namen, die aber so ein Gewese um sich und ihre Präsenz auf der VIP-Liste gemacht haben, dass sie garantiert nicht wichtig waren. Es liefen vergleichsweise viele, wenn auch nicht allzuviele Menschen afrikanischer Abstammung rum, zumeist <em>dressed to the nines</em>. Zu vermuten, dass man sie als Deko engagiert hat, wäre vielleicht zu böse. Berlin ist ja &#8211; angenehmer Weise &#8211; eine internationale Stadt, wo sich auch echte afrikanische Nightclubber auf ein Fake-Event verirren.</p>
<p>Mindestens so viel Faszination wie die Musik schien die Coctailbar auszuüben, wo man gegen Bons kostenfrei wohl typisch südafrikanische Drinks, natürlich mit Wodka von der das Event bezahlenden Marke, bekam (soweit ich sah keiner alkoholfrei). Die waren, soweit ich das beurteilen kann, vorzüglich, aber ich bin bei Coctails auch deutlich weniger sensibel als bei Musik &#8211; um nicht zu sagen, ich habe keine Ahnung davon. Für einen kostenfreien Abend, bei dem man auf Werbeevent eingestellt ist, alles sehr nett, und die Künstler/innen und Herr Opper haben sicher auch überdurchnittlich viele Scheinchen ins Portemonaie zählen dürfen. Aber ein Sponsored Event kann, wie es sich hier zeigte, nie das Real Thing sein. You can&#8217;t buy love, and you can&#8217;t buy style.</p>
<p><strong>Fotos vom Abend <a href="http://www.popkontext.de/index.php/2010/11/30/smirnoff-nighlife-exchange-mit-spoek-mathambo-gazelle-peaches-und-boys-noize/" target="_blank">hier</a>.</strong></p>
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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>anbb: Blixa Bargeld und Alva Noto im Berghain Berlin</title>
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		<pubDate>Sat, 18 Sep 2010 22:52:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Barbara Muerdter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Tweet Update: Blixa Bargeld und Alva Noto: Interview-Mitschnitt von Jorinde Reznikoff und Klaus-Peter Flügel (neopostdadasurrealpunkshow) vom Freien Senderkombinat FSK Hamburg. anbb fsk by popkontext Eine handvoll Menschen stand in der Herbstkühle vor dem Berliner Berghain, nachdem das erst kurzfristig intensiver beworbene Event kurz vor Veranstaltungsbeginn erwartungsgemäß ausverkauft war. Fast alle, die in die heiligen Hallen [...]
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			<content:encoded><![CDATA[<div class="bottomcontainerBox" style="background-color:#F0F4F9;">
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			</div><div style="clear:both"></div><div style="padding-bottom:4px;"></div><p><strong>Update:</strong><br />
<em>Blixa Bargeld und Alva Noto: Interview-Mitschnitt von Jorinde Reznikoff und Klaus-Peter Flügel (<a href="http://www.neopostdadasurrealpunkshow.de/" target="_blank">neopostdadasurrealpunkshow</a>) vom <a href="http://www.fsk-hh.org/" target="_blank">Freien Senderkombinat FSK Hamburg</a>.</em></p>
<p><object height="81" width="100%"><param name="movie" value="http://player.soundcloud.com/player.swf?url=http%3A%2F%2Fapi.soundcloud.com%2Ftracks%2F6080219&amp;show_comments=true&amp;auto_play=false&amp;color=00ff8a"></param><param name="allowscriptaccess" value="always"></param> <embed allowscriptaccess="always" height="81" src="http://player.soundcloud.com/player.swf?url=http%3A%2F%2Fapi.soundcloud.com%2Ftracks%2F6080219&amp;show_comments=true&amp;auto_play=false&amp;color=00ff8a" type="application/x-shockwave-flash" width="100%"></embed></object>   <span><a href="http://soundcloud.com/popkontext/anbb-fsk">anbb fsk</a> by <a href="http://soundcloud.com/popkontext">popkontext</a></span></p>
<p>Eine handvoll Menschen stand in der Herbstkühle vor dem Berliner Berghain, nachdem das erst kurzfristig intensiver beworbene Event kurz vor Veranstaltungsbeginn erwartungsgemäß ausverkauft war. Fast alle, die in die heiligen Hallen des weltweit bekannten Clubs eintreten wollten, waren deutlich älter als der Schnitt der hier  ansonsten verkehrenden Nachtschwärmer. Einige waren offenbar mitgealterte Neubauten-Anhänger/innen der ersten Stunde (und das oft auch weiblich), aber auch die Musikhipster jeglicher Couleur und die vergleichsweise jüngeren Alva Noto-Fans waren vielfach deutlich über 30. </p>
<div id="attachment_10111" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.popkontext.de/wp-content/uploads/2010/09/anbb_promo.jpg" rel="shadowbox[sbpost-10083];player=img;" title="Press Photography / 2010 / Berlin Commissioned by Raster-Noton / Berlin"><img src="http://www.popkontext.de/wp-content/uploads/2010/09/anbb_promo.jpg" alt="anbb" title="Press Photography / 2010 / Berlin Commissioned by Raster-Noton / Berlin" width="600" height="393" class="size-full wp-image-10111" /></a><p class="wp-caption-text">anbb / Foto: Promo Copyright Raster-Noton Berlin</p></div>
<p>Die vermutete Stardichte an einem Abend, an dem sich eine international verehrte Kultfigur aus der alten Berliner Szene und ein angesehener Elektronikmusiker die Ehre gaben, war zumindest am Einlass dann doch nicht so hoch. Aber die Presse kam, u.a. Jens Balzer von der Berliner Zeitung samt Fotograf und Martin Hossbach von der Spex, der wie aus dem Ei gepellt in Schlips und Kragen mit frisch geföhntem Haar in den Berghain rauschte. In den dunklen Gefilden im Inneren des Berghains hat man kaum eine Chance, auf Gesichter zu achten: Immer wieder entgleitet hier der Blick von der spärlich in Weiß, Lila und Stroboskoplicht beleuchteten Menschenmenge in die beeindruckende Raumhöhe. Man kontempliert die Architektur, in der der einzelne Mensch verschwindet, Teil einer wabernden Masse zwischen Mauern, Stufen und Säulen wird. Dafür fielen mir diesmal die Designlautsprecherboxen besonders auf, die mich in diesem Kontext an die futuristischen <a href="http://www.medienkunstnetz.de/werke/intonarumori/" target="_blank">Intonarumori</a> erinnerten, die Bargeld einst für eine Arbeit hat nachbauen lassen. (<em>Update: </em><a href="http://www.funktion-one.com/Berghain_Germany_Mondo.htm" target="_blank">Hier </a>ein interessanter Artikel über die Anlage).</p>
<p>Die Lightshow auf der Bühne war passend minimalistisch und effektvoll: Auf einer weißen Leinwand im Hintergrund spielten die Schatten der manchmal grell weiß angestrahlten, manchmal in weiches lila, oranges oder grünes Licht getauchten Musiker. Auftritt Blixa Bargeld: Das zeltartige Jacket umspielte einen veritablen Wanst, das bleiche Gesicht verlebt und aufgedunsen. Die schmierige Schüttelfrisur mit den ausgeschnittenen Ohrenpartien war schon immer albern. Und doch macht dieser Mann, der nie darauf Wert gelegt hat, als Sympath zu erscheinen, Eindruck. Denn der mittlerweile 51jährige ist nicht nur jemand, der sich selbst zur unnahbaren Künstler Star-Persona stilisiert, sondern auch 30 Jahre substantiell Musikgeschichte geschrieben hat, mit den Einstürzenden Neubauten und jenseits davon. Das verlangt einfach Respekt ab, ja sogar ein bisschen Ehrfurcht.</p>
<div id="attachment_10093" class="wp-caption aligncenter" style="width: 418px"><img src="http://www.popkontext.de/wp-content/uploads/2010/09/blixa-bargeld-neubauten-promo-web.jpg" alt="blixa bargeld einstuerzende neubauten" title="blixa bargeld einstuerzende neubauten" width="408" height="600" class="size-full wp-image-10093" /><p class="wp-caption-text">Blixa Bargeld / Foto: Promo</p></div>
<p>Er griff das Mikro, sang los mit der charakteristischen theatralischen Stimme, voller durch den neu gewonnen körpereigenen Resonanzboden, in seinem Englisch mit dem starken deutschen Akzent, in seiner Muttersprache, er warf Wortfetzen in die Menge, und auch von den Geschichten, die er in den Songs erzählte, verstand man leider nur Bruchstücke. Die Wirkung entfaltete sich aus dem Zusammenspiel von Geste, Text, Gesangsstil und Musik, wenn zum Bespiel beim Titelsong der EP <em>Ret Marut Handshake</em> Erinnerungen an Nick Caves <em>Murder Ballads</em> wach wurden &#8211; was natürlich zudem auch Kontextassoziation war, weil Bargeld lange Jahre in dessen Band Gitarre spielte. Bargeld wedelte mit den Händen, reckte die Finger in die Luft, trat vom Mikro zurück, kreischte, fauchte und schrie, wiegte dabei den massigen Körper hin und her und ging ein paar Schritte. Nach fast jedem Stück umarmten sich er und sein Mitstreiter, als seien sie riesig glücklich über das gerade Zustandegebrachte und / oder müssten ihre Energien wieder vereinen für das Kommende.</p>
<p>Sieht man vom Kult ab, war der Star des Abends allerdings Carsten Nicolai alias alva noto. Ich kannte den renommierten Soundforscher bisher vor allem aus seiner Zusammenarbeit mit Ryuichi Sakamoto, einer Bargeld ebenbürtigen musikalische Figur, aber einem völlig entgegengesetzten Typus: Ein ruhiger, freundlicher und liebenswürdiger Mensch, uneitel, was seine Person betrifft. Nicolais Arbeit mit ihm schien in ihrer tranceartigen Zurückhaltung mit seiner zu Einem zu verschmeltzen. Es überraschte mich so, wie dynamisch und krachig Nicolai die Diva Bargeld in Szene setzte. Offenbar ist der in Karl Marx-Stadt aufgewachsene 45jährige Künstler in der Lage, sich völlig auf seine jeweiligen musikalischen Partner einzulassen: In dem, was der Musiker aus Rechner und allerlei Effektgeräten herausholte, hallte der Geist der Neubauten wider, der Noise, aber auch das Balladeske. Diesen Nachhall übersetzte und reinterpretierte Nicolai in seinem elektronischen Universum: Er überraschte mit immer neuen und unterschiedlichen Krachfeuerwerken, nahm sich zurück, wenn Bargeld sang, legte zerzauste Soundteppiche unter Songs, um dann wieder loszulegen. Dabei schlug auch er mit den Armen durch die Luft, zum Teil in synchroner Choreografie mit dem Altmeister, und wippte energetisch mit dem Oberkörper, sprang von einem der auf Eck gestellten Geräte zum anderen. Dann stand er wieder in der Ecke und beobachtete, was Herr Bargeld so macht.</p>
<div id="attachment_10097" class="wp-caption aligncenter" style="width: 410px"><img src="http://www.popkontext.de/wp-content/uploads/2010/09/alvanoto-promo.jpg" alt="alva noto" title="alva noto" width="400" height="600" class="size-full wp-image-10097" /><p class="wp-caption-text">alva noto / Foto: Promo</p></div>
<p>Das Zusammenspiel der beiden Künstler funktionierte perfekt. Als Bargeld die am <a href="http://www.popkontext.de/index.php/2010/09/14/einsturzende-neubauten-jubilaumstour-alva-noto-und-blixa-bargeld-tourtermine/" target="_blank">im Oktober erscheinenden Album</a> beteiligte Veruschka von Lehndorff zum Song <em>Katze </em>auf die Bühne holte, wirkte die schräge ältere Dame, in ein türkisfarbenes Schlauchkleid mit passendem Glitzerhäubchen gekleidet, trotz des Versuchs, sie einzubeziehen, wie ein Fremdkörper und wurde dann auch schnell von Bargeld wieder galant davongeleitet. Außer einem gut gelaunt wirkenden „Herzlichen Dank“ an das Publikum gab es kaum Kommunikation außerhalb des Bargeld / Noto-Universums. Aber nach einigen anfänglichen Irritationen zog das Gespann die Zuhörerinnen mit den immer wieder überraschenden Klängen und Bargelds lamentierendem Sprechgesang in einheimischen, ausländischen und außerweltlichen Zungen in einen magischen Bann. In einem schönen Moment von Gemeinsamkeit begann Bargeld die Zugabe mit einem spitzen Schrei, den Nicolai aufnahm und in eine an Florian Hecker erinnernde, für manche Zuhörer/innen schmerzhafte Hochfrequenzorgie verwandelte: Der Fiepton schien physisch auf dem Trommelfell zu tanzen und zu sirren wie eine hysterische, im Gehörgang gefangene Monstermücke (<em>Update:</em> Wie man an unten stehendem Video aus Hamburg sieht, war es doch nicht so spontan &#8211; der physische Effekt kommt allerdings nur live). </p>
<p>Die Qual schien Bargeld zu freuen, denn er verkündete bei der zweiten Zugabe strahlend und ungewöhnlich menschlich, dass das ein spontanes Zusammenspiel war. Zum Schluss gab er noch den an angloamerikanischen Weisen geschulten <em>Song I Wish I Was</em> zum Besten (<em>Update</em>: Es war wohl tatsächlich <em><a href="http://www.youtube.com/v/YETlmOQWkXU" rel="shadowbox[sbpost-10083];player=swf;width=640;height=385;">I Wish I Was a Mole in the Ground</a></em> von Bascom Lamar Lunford von der Anthology of American Folk Music, wie ein aufmerksamer Leser anmerkte), den Nicolai mit zurückhaltenden, passend monotonen Loops unterlegte. Nach der zweiten Zugaben war das Publikum mindestens so erschöpft wie die Band und zog sich gen Ausgang zurück. Das Konzert hatte einiges abverlangt, im besten Sinne eines fordernden Sinneseindrucks &#8211; es war anstrengend, aber befriedigend, stark und bereichernd.</p>
<p><a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0920/feuilleton/0032/index.html" target="_blank">Eine sehr schöne Review auch von Jens Balzer in der Berliner Zeitung</a></p>
<p><object width="640" height="505"><param name="movie" value="http://www.youtube.com/v/TOPWKT6ltyA?fs=1&amp;hl=de_DE"></param><param name="allowFullScreen" value="true"></param><param name="allowscriptaccess" value="always"></param><embed src="http://www.youtube.com/v/TOPWKT6ltyA?fs=1&amp;hl=de_DE" type="application/x-shockwave-flash" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true" width="640" height="505"></embed></object></p>
<p><object width="640" height="385"><param name="movie" value="http://www.youtube.com/v/VrVRTAuDI5E?fs=1&amp;hl=de_DE"></param><param name="allowFullScreen" value="true"></param><param name="allowscriptaccess" value="always"></param><embed src="http://www.youtube.com/v/VrVRTAuDI5E?fs=1&amp;hl=de_DE" type="application/x-shockwave-flash" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true" width="640" height="385"></embed></object></p>
<p><object width="640" height="385"><param name="movie" value="http://www.youtube.com/v/v7PRzkhFuJ0?fs=1&amp;hl=de_DE"></param><param name="allowFullScreen" value="true"></param><param name="allowscriptaccess" value="always"></param><embed src="http://www.youtube.com/v/v7PRzkhFuJ0?fs=1&amp;hl=de_DE" type="application/x-shockwave-flash" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true" width="640" height="385"></embed></object></p>
<p><object width="640" height="385"><param name="movie" value="http://www.youtube.com/v/jTWwXvAI250?fs=1&amp;hl=de_DE"></param><param name="allowFullScreen" value="true"></param><param name="allowscriptaccess" value="always"></param><embed src="http://www.youtube.com/v/jTWwXvAI250?fs=1&amp;hl=de_DE" type="application/x-shockwave-flash" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true" width="640" height="385"></embed></object></p>
<p>Mehr qualitativ recht gute Videos von der Aufführung bei Kampnagel in Hamburg, die der Berliner Show offenbar ähnlich war, <a href="http://www.youtube.com/results?search_query=Alva+Noto+%26+Blixa+Bargeld+live+in+Kampnagel+Hamburg&#038;aq=f" target="_blank">von User DJDistortedChaos auf YouTube</a>.</p>
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		<title>„Und jetzt einer von Robert“: Maximilian Hecker am 6.3.2010 auf der Torstraße Berlin</title>
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		<pubDate>Sat, 06 Mar 2010 22:55:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Barbara Muerdter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Reviews]]></category>
		<category><![CDATA[Themen]]></category>
		<category><![CDATA[Veranstaltungen]]></category>
		<category><![CDATA[Maximilian Hecker]]></category>
		<category><![CDATA[Pop]]></category>

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		<description><![CDATA[Tweet Ausgerechnet diesen kalten Samstagabend im frühen März hat sich Maximilian Hecker ausgesucht, um sein neues Album mit einem Umsonst und Draußen-Konzert zu bewerben. Im Radio Eins-Interview am Vortag hatte er versprochen, „Glühwein zu kochen“. Der steht tatsächlich bereit und findet bei fortschreitender Konzertzeit immer regeren Zuspruch bei den gut 50 Zuhörern. Alles vom mitgebrachten [...]
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			</div><div style="clear:both"></div><div style="padding-bottom:4px;"></div><p>Ausgerechnet diesen kalten Samstagabend im frühen März hat sich Maximilian Hecker ausgesucht, um sein neues Album mit einem Umsonst und Draußen-Konzert zu bewerben. Im Radio Eins-Interview am Vortag hatte er versprochen, „Glühwein zu kochen“. Der steht tatsächlich bereit und findet bei fortschreitender Konzertzeit immer regeren Zuspruch bei den gut 50 Zuhörern. Alles vom mitgebrachten Kleinkind über hippe, mehr oder weniger jugendliche Fans bis zum zufällig passierenden Rentnerpaar lauscht gebannt. Hecker selbst entspannt sich lieber mit Becks Gold. Er hat aber auch ein Heizöfchen neben seinem Yamaha-Keyboard stehen, um sich die Füße zu wärmen. </p>
<p>Der Berliner Künstler war während der Entstehung seines letzten Album 2008 und einer darauffolgenden Asientour in eine persönliche Krise geraten. Seine Dämonen bekämpfte er damit, dass er wieder zu seinem Ursprung zurückging: Er spielte als Straßenmusiker und schrieb hier auch die Songs zu seinem Ende März erscheinenden neuen Album. </p>
<div id="attachment_1063" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://popkontext.de/wp-content/uploads/2010/03/maximilian-hecker-11.jpg" rel="shadowbox[sbpost-1051];player=img;" title="maximilian hecker 1"><img src="http://localhost/wordpress/wp-content/uploads/2010/03/maximilian-hecker-11.jpg" alt="Maximilian Hecker / Foto: Barbara Mürdter" title="maximilian hecker 1" width="600" height="402" class="size-full wp-image-1063" /></a><p class="wp-caption-text">Maximilian Hecker / Foto: Barbara Mürdter</p></div>
<p>Auf seine Krisenzeit spielte auch diese prä Record Release-Promoaktion wie die ganze Vermarktung des Albums an. Und anstatt brav seine neuen Songs zum besten zu geben und sie mit ein paar alten Favoriten aus seinem Repertoire zu garnieren, singt Hecker zumeist seine Lieblingslieder (und auch Straßenmusik-Klassiker) von Bob Dylan („Und jetzt einer von Robert!“), Leonard Cohen und jüngeren Singer-Songwritern wie Fionn Reagan. Das macht ihm offensichtlich Spaß, wie er auch mehrfach verbal anmerkt.</p>
<p>Überhaupt sei er entspannter, wenn er machen könne was er wollte. Wenn Leute Eintritt zahlten, müsse er sich Konventionen anpassen. Er sollte also in Zukunft nur noch Umsonst-Konzerte geben, sinniert Hecker weiter. Seine Persona steht im völligen Kontrast zu seinen Songs – schmerzlich-romatische Lieder am Klavier von einem leidenden jungen Mann. In den Zwischenansage – und auch in Interviews &#8211; geriert er sich dagegen als ein Enfant Terrible, eine Art Jonathan Meese der Popmusik, ohne aber garstig dabei zu sein. Als er seine Geistesverwandschaft zu den Kassierern – einer deutschen Punkcombo, die sich über ordinäre Texte profilierte – bekundete, und im Zitat von Pisse und Scheiße sprach, entschuldigt er sich sofort bei den anwesenden Kindern. Die waren spätestens da vollends verwirrt.</p>
<p>Weiter erzählt er, dass er neulich Backstage seinen Slip ausgezogen habe und machte eine Frau nach, die Angesichts dieser Tatsache furchtbar gequieckt habe. Näheres über seine Beweggründe die Hose auszuziehen berichtete er nicht, und ob es vielleicht einfach der Anblick war, der die Frau in Angst und Schrecken versetzt hat, bleibt das Geheimnis von Heckers Unterhose, die er diesmal anläßt. „Ja, so ist das Rockstarleben.“ sagt er stattdessen, oder: „Maximilian Hecker wird jetzt endgültig wahnsinnig und ihr seid live dabei.“ Es ist nie ganz klar, wie ernst das nicht vielleicht doch gemeint ist.</p>
<div id="attachment_1070" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://localhost/wordpress/wp-content/uploads/2010/03/maximilian-hecker-33.jpg" rel="shadowbox[sbpost-1051];player=img;" title="maximilian hecker 3"><img src="http://popkontext.de/wp-content/uploads/2010/03/maximilian-hecker-33.jpg" alt="maximilian hecker 3" title="maximilian hecker 3" width="600" height="416" class="size-full wp-image-1070" /></a><p class="wp-caption-text">Maximilian Hecker / Foto: Barbara Mürdter</p></div>
<p>Dem Derben, Witzigen und Fahrigen zwischen den Songs setzt er eine hohe Konzentration und Ernsthaftigkeit beim Vortrag entgegen. Er hadert damit, dass seine Stimme „nicht ganz im Raum“ sei und lässt sich auch von einer asiatischen Dame nicht irritieren, die ihm ihr rosa Handy nahezu ins Gesicht drückte, um ihn zu filmen. Aber auch eine Proficrew ist dabei und mit Sicherheit gibt es bald Footage von diesem Konzert in einem Hecker-Video.</p>
<p>Die neuen Songs klingen vom ersten Eindruck zunächst nicht anders als die alten, was aber nichts Schlimmes ist: Es sind einfach zeitlos schöne, romantische Balladen mit Klavierbegleitung. Wahrscheinlich klingt das Album etwas schraddeliger als gewohnt, denn statt im Studio hat er die Songs in seiner Wohnung aufgenommen. Auch auf dem Cover spielt der Musiker mit dem Hobo-Look: Ein auf abgewetzt getrimmtes schwarz-weiß Foto, auf dem er mit schmierigen Haaren, Vollbart und scheinbar entzündetem Auge zu sehen ist.</p>
<p>Beim Konzert wirkt er jedoch durchaus gepflegt, trägt einen feschen Dreitagebart und riecht zumindest aus zwei Metern Abstand nicht streng. Ich muss jedoch trotzdem das Weite suchen, als Hecker dann im Gespräch mit dem Ladenbesitzer, vor dessen Etablissement das Ganze stattfindet &#8211; ob ernst oder nicht &#8211; äußert, er würde noch drei Stunden weiterspielen. Mir wird schlagartige bewusst, wie kalt mir ist. Bei lauerem Wetter hätte ich diese unterhaltsame kleine Straßenmusikepisode mit Hecker gern länger genossen.</p>
<p><H3>Video</H3></p>
<p><object width="640" height="385"><param name="movie" value="http://www.youtube.com/v/ycWFCDT4TUU&#038;hl=de_DE&#038;fs=1&#038;"></param><param name="allowFullScreen" value="true"></param><param name="allowscriptaccess" value="always"></param><embed src="http://www.youtube.com/v/ycWFCDT4TUU&#038;hl=de_DE&#038;fs=1&#038;" type="application/x-shockwave-flash" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true" width="640" height="385"></embed></object></p>
<p><object width="640" height="385"><param name="movie" value="http://www.youtube.com/v/3zXlJWm1uU8&amp;hl=de_DE&amp;fs=1"></param><param name="allowFullScreen" value="true"></param><param name="allowscriptaccess" value="always"></param><embed src="http://www.youtube.com/v/3zXlJWm1uU8&amp;hl=de_DE&amp;fs=1" type="application/x-shockwave-flash" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true" width="640" height="385"></embed></object></p>
<p><object width="640" height="385"><param name="movie" value="http://www.youtube.com/v/2jafFKXFPUw&#038;color1=0xb1b1b1&#038;color2=0xd0d0d0&#038;hl=de_DE&#038;feature=player_embedded&#038;fs=1"></param><param name="allowFullScreen" value="true"></param><param name="allowScriptAccess" value="always"></param><embed src="http://www.youtube.com/v/2jafFKXFPUw&#038;color1=0xb1b1b1&#038;color2=0xd0d0d0&#038;hl=de_DE&#038;feature=player_embedded&#038;fs=1" type="application/x-shockwave-flash" allowfullscreen="true" allowScriptAccess="always" width="640" height="385"></embed></object></p>
<p><H3>Mehr</H3></p>
<p><strong>Maximilian Hecker: „I Am Nothing But Emotion, No Human Being, No Son, Never Again Son“</strong><br />
VÖ 26. März (Blue Soldier Records) </p>
<p><a href="http://soundcloud.com/rebootfm/zero-hour-2-maximilan-hecker-2010-07-07" target="_blank"><strong>Radiointerview</strong></a> mit Steve Morell auf <a href="http://reboot.fm/" target="_blank">Reboot.fm</a></p>
<p><strong><a href="http://www.maximilian-hecker.com/">Webseite</a></strong></p>
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		<title>Bill Callahan: Stilvolles Understatement</title>
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		<pubDate>Thu, 18 Feb 2010 05:28:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Barbara Muerdter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reviews]]></category>
		<category><![CDATA[Veranstaltungen]]></category>
		<category><![CDATA[Bill Callahan]]></category>
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		<category><![CDATA[Singer-Songwriter]]></category>

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			</div><div style="clear:both"></div><div style="padding-bottom:4px;"></div><p><strong>Bill Callahan, live im Lido, 11.8.2009</strong></p>
<p>Bill Callahan wollte Wasser. Nachdem er mehrfach vergeblich darum gebeten hatte, welches auf die Bühne zu bekommen, sagte er: „Wir nehmen auch eine Tasse Schweiß.” Den gab es reichlich im ausverkauften Lido. Er klebte zwischen den Leibern, stieg auf zur Decke und tropfte von dort wieder herunter. Der Enthusiasmus der Fans blieb ungebrochen.</p>
<div id="attachment_359" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><img src="http://www.popkontext.de/wp-content/uploads/2010/02/P1090428.jpg" alt="Bill Callahan im Lido / Foto: Barbara Mürdter" title="Bill Callahan im Lido 2009 / Foto: Barbara Mürdter" width="600" height="450" class="size-full wp-image-359" /><p class="wp-caption-text">Bill Callahan im Lido 2009 / Foto: Barbara Mürdter</p></div>
<p>Kein Wunder, hatte der US-amerikanische Singer-Songwriter mit seinem aktuellen Album „Sometimes I Wish I Were an Eagle” wieder eine gefeierte Platte vorgelegt. Mit den introvertiert erscheinenden, aber doch zugänglichen, fast poppigen Songs, ist es für viele Freunde der Indie-Musik eines der bisher schönsten Album des Jahres. Zudem hat sich der in der SXSW-Stadt Austin lebende Musiker in über 20 Jahren – lange Zeit unter dem Pseudonym „Smog” – eine treue Fangemeinde erspielt.</p>
<p>Wer nicht kurz mal kurz der tropischen Luftfeuchte entfliehen musste, schaute gebannt auf die Bühne und wollte sich keinen Ton, kein Wort entgehen lassen. Die Band – Geigerin, Kontrabassist, Schlagzeuger und neben Callahan ein zweiter Gitarrist – erzeugte eine kammermusikalische Atmosphäre. Alles klang ein wenig rauer und schräger als die Aufnahmen, aber doch harmonisch und nah an der Konserve. Neben den Songs aus dem aktuellen Album gab es auch ältere wie den Hit „Cold „Blooded Old Times”, der auf dem „High Fidelity”-Soundtrack zu hören war.</p>
<p>Die typischen repetitive Strukturen und Dissonanzen, Überbleibsel aus Callahans Anfängen als avantgardistischer Instrumental-Kassettenkünstler inspiriert von Jandek und Daniel Johnston, blieben als Distinktionsmittel zu den Myriaden anderer Singer-Songwriter im Hintergrund zu hören. Songstrukturen und die oft schwarzhumorigen, selbst reflektierenden Texte standen im Mittelpunkt, ebenso wie Chef Callahan selbst.</p>
<p>Seine Show war karg, ein paar Schritte auf die eine oder andere Bühnenseite, eine Kopfdrehung. Grimassen untermalten die Texte und die Emotionalität der Songs. Mit den Mitmusikern und dem Publikum interagierte er verhalten, wie nebenbei. Alles wirkte dabei natürlich, entspannt, routiniert und freundlich – bei aller Intensität in den einzelnen Liedern.</p>
<div id="attachment_360" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="Bill Callahan im Lido / Foto: Barbara Mürdter" title="Bill Callahan im Lido / Foto: Barbara Mürdter"><img src="http://www.popkontext.de/wp-content/uploads/2010/02/P10904351.jpg" alt="Bill Callahan im Lido / Foto: Barbara Mürdter" title="Bill Callahan im Lido / Foto: Barbara Mürdter" width="600" height="450" class="size-full wp-image-360" /></a><p class="wp-caption-text">Bill Callahan im Lido / Foto: Barbara Mürdter</p></div>
<p>Da fuhr einem dann ein Basslauf, ein Violinenpart in den Körper, ein grooviger, tribaler Trommelrhythmus, unvermittelt, aber Teil der Chorgeografie des Songs, der einen mitnahm auf eine im besten Sinne durchgeplante Reise. Dafür gab es nach dem Ende des Klimax regelmäßig Riesenapplaus.</p>
<p>Im Publikum tummelten sich Mitzwanzigerinnen im Vorkriegs-Baumwollkleid und Dutt (!), gleichaltrige Herren im Bonnie Prince Billy-Look, aber auch Mitvierziger mit aus biologischen Gründen kurzgeschorenem Haar und der obligatorischen dunkel umrandeten Brille. „Das ist ja Intellektuellenmusik!” rief einer überrascht, der entweder ein Scherzkeks oder durch Zufall auf der Veranstaltung gelandet war.</p>
<p>Nach der Zugabe lehrte sich der Raum nur zur Hälfte – ein recht große Schar widerstand dem Bedürfnis nach frischer Luft und Kühle und forderte noch lange Minuten mit Riesengetöse Herrn Callahan auf die Bühne zurück, johlte gegen die einsetzende Rausschmeißermusik an, trampelte – vergeblich. Auch nach seinem zweitem Hit „Dress Sexy At My Funeral” war mehrfach umsonst gerufen worden. Dafür hatte sich die Fans die in dem Song transportierte Aufforderung des Sängers an seine Geliebte, sich doch bitte wenigstens zu seiner Beerdigung mal sexy anzuziehen zu Herzen genommen und es schon zum Konzert getan: das best angezogenste Publikum, dass die Autorin seit langen gesehen hat. Stilvolles Understatement, zumindest für Berliner Verhältnisse – wie die Show selbst.</p>
<p>(zuerst erschienen bei <a href="http://www.dorfdisco.de">Dorfdisco.de</a>)</p>
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